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LONDON (IT BOLTWISE) – Kanadische Psychiater fordern Bewegung als standardisierte, individualisierte Therapie in der psychiatrischen Praxis. In einem Fachbeitrag nennen sie konkrete Parameter wie Art, Häufigkeit, Intensität und Dauer sowie einen festen Nachsorgeplan. Dosis-Wirkungs-Analysen legen nahe, dass schon etwa 75 Minuten moderater Aktivität pro Woche messbare Effekte erzielen können. Gleichzeitig rücken die Autoren Bewegungstherapien als ergänzende Option auch für schwerere Krankheitsbilder in den Fokus.

Bewegung als Medizin: Schon 75 Minuten pro Woche gegen depressive Symptome
Bewegung als Medizin: Schon 75 Minuten pro Woche gegen depressive Symptome (Foto: IT BOLTWISE)
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Körperliche Aktivität sollte in der Psychiatrie nicht länger nur als allgemeiner Lebensstil-Ratschlag auftauchen, sondern als medizinische Intervention mit klaren Rahmenbedingungen behandelt werden. Genau diese Lücke adressieren Carl Zhou und Nicholas Fabiano von der University of Ottawa sowie Stanley Wong von der University of Toronto in einem Viewpoint im Fachjournal Brain Health (DOI 10.61373/bh026v.0027). Ihr Ausgangspunkt: Wenn Bewegung im Alltag ohnehin stattfindet, lässt sich die therapeutische Wirkung auch systematisch ansteuern – zum Beispiel über ein „Rezept“, das die Aktivität nicht nur empfiehlt, sondern messbar macht.

Im Kern schlagen die Autoren vor, Bewegung wie eine Therapieform zu verschreiben: mit konkreten Angaben zu Art, Häufigkeit, Intensität und Dauer. Dazu sollen Sicherheitsaspekte gehören, etwa wie sich die Belastung an Vorerkrankungen, Nebenwirkungen von Medikamenten oder körperliche Einschränkungen anpasst, und anschließend ein fester Nachsorgeplan, der den Verlauf überprüft. Damit verschiebt sich der Fokus von „Patienten sollen sich mehr bewegen“ hin zu einer betreuten Umsetzung, die auch bei psychischen Erkrankungen die Hürde des ersten Schritts reduzieren soll. Gerade im Alltag ist das relevant, denn viele Betroffene brauchen nicht nur Motivation, sondern Struktur – und die beginnt bei einem Plan, der sich in Terminen, Pausen und Steigerungen abbilden lässt.

Für die Wirksamkeit stützen sich die Psychiater auf eine wachsende Datenlage aus verschiedenen Studiendesigns. Ein zentraler Hinweis kommt aus einer randomisierten Studie von Erickson (2011): Regelmäßiges aerobes Training konnte bei älteren Erwachsenen das Volumen des anterioren Hippocampus vergrößern und Gedächtnisleistungen verbessern. Die Autoren machen zugleich deutlich, dass weiter gefasste Aussagen zu Kognition und Gehirnalterung über Beobachtungsstudien teilweise noch unsicherer sind – ein wichtiger Punkt, weil sich aus reinen Korrelationen nur begrenzt ableiten lässt, welche Mechanismen tatsächlich wirken. Für affektive Störungen nennen sie außerdem eine Netzwerk-Metaanalyse randomisierter Studien (2024), die deutliche Hinweise liefert, dass Aktivitäten wie Gehen, Joggen, Yoga und Krafttraining Symptome von Depressionen verringern können.

Ein besonders praxisnaher Teil des Beitrags dreht sich um die Dosis: Nicht jede Person muss sofort ihr Wochenpensum verdoppeln, um einen Nutzen zu erreichen. Die Autoren verweisen auf Dosis-Wirkungs-Analysen, nach denen bereits rund 75 Minuten moderater Bewegung pro Woche messbare Vorteile mit sich bringen. Das entspreche in etwa der Hälfte des Umfangs, der in gängigen Richtlinien für Erwachsene genannt wird. Als Referenzrahmen dient dabei die Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation (WHO): 150 bis 300 Minuten moderate oder 75 bis 150 Minuten intensive aerobe Aktivität pro Woche, kombiniert mit Muskelkräftigung an mindestens zwei Tagen. Für die klinische Übersetzung ist diese Einordnung bedeutsam, weil sie Therapien greifbar macht: Statt „mehr Sport“ können Ärztinnen und Ärzte ein realistisches Startziel setzen und es an die individuelle Belastbarkeit koppeln.

Besondere Aufmerksamkeit widmen die Autoren der Frage, wie Bewegungstherapien auch bei schwereren psychischen Erkrankungen eingesetzt werden können. Bei Schizophrenie nennen sie eine Meta-Analyse als Hinweis darauf, dass aerobes Training die globale Kognition verbessern kann. Auch beim Arbeitsgedächtnis, der Aufmerksamkeit und der sozialen Kognition seien positive Effekte möglich – allerdings betonen sie, dass diese Befunde bislang auf einer begrenzten Anzahl kleinerer Studien beruhen. Genau hier wird die therapeutische Konsequenz ambivalent: Bewegungstherapien wirken nicht bei allen gleich, und die Evidenzdichte unterscheidet sich nach Zielkriterien, Krankheitsbild und Studiendesign. Für den Praxisalltag bedeutet das vor allem, dass Programme strukturiert sein sollten, um sowohl Nutzen zu maximieren als auch Überforderung zu vermeiden.

Neben Aerobic rückt der Beitrag auch Krafttraining als zweite tragende Säule in den Vordergrund. Der Aufbau von Muskelmasse ist nicht nur für die körperliche Gesundheit relevant, sondern kann indirekt helfen, alltagsnahe Aktivität länger durchzuhalten – etwa, weil Kraft und Ausdauer im Alltag häufig zusammenwirken. Entscheidender ist aber die Umsetzbarkeit: Die Psychiater sprechen sich für niedrigschwellige Einheiten aus, die auch in belastenden Phasen erreichbar bleiben. Fünf Minuten Gehen oder einfache Übungen im Sitzen könnten demnach eine therapeutische Basis bilden, die man schrittweise erweitert, ohne das Programm sofort zu „überfordern“. Für Patientinnen und Patienten mit psychischen Erkrankungen ist das mehr als ein Komfortargument – es geht darum, dass das Programm tatsächlich zu einer wiederkehrenden Routine werden kann.

Damit solche Bewegungsprogramme flächendeckend funktionieren, reicht laut den Autoren die reine Verschreibung nicht aus. Sie fordern ergänzende Rahmenbedingungen, darunter öffentlich finanzierte Initiativen und Transportmöglichkeiten, aber auch verbindliche Kooperationen mit Freizeitzentren. Der Hintergrund ist nachvollziehbar: Zugangshürden sind in der Psychiatrie häufig doppelt – psychische Symptome mindern die Startfähigkeit, gleichzeitig können praktische Faktoren wie Wege, Kosten oder Termine die Teilnahme verhindern. Wenn Arzt- und Versorgungsseite die Lücke zwischen „Plan auf Papier“ und „tatsächliche Bewegung“ schließen, entsteht eine Umsetzung, die nicht nur theoretisch wirkt. Für Unternehmen und Gesundheitsdienstleister folgt daraus ein klarer Impuls: Bewegungsangebote lassen sich als Teil integrierter Versorgungswege denken – mit messbaren Zielgrößen, regelmäßiger Rückmeldung und realistischen Einstiegspunkten.

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