LONDON (IT BOLTWISE) – OpenAI-Präsident Greg Brockman sieht das Unternehmen 2027 als potenziell IPO-bereit. Ausschlaggebend sei vor allem das starke Wachstum im Enterprise-Geschäft, das nach seiner Darstellung zuletzt deutlich zugelegt hat. Er beschreibt dabei Quartale mit spürbaren Startschwierigkeiten und nennt agentisches Coding als Bereich, in dem man erst nachgezogen hat. Offen bleibt, wann genau OpenAI den nächsten Schritt formal auslöst.

OpenAI rückt aus Sicht seines Präsidenten Greg Brockman zeitlich näher an die Kapitalmärkte heran: Er erklärte, das Unternehmen könnte 2027 bereit für ein IPO sein. Auf die Frage, ob „nächstes Jahr“ bereits ein Börsengang möglich sei, antwortete Brockman im Wortlaut: „I think so. Yes.“ Gleichzeitig betonte er, dass OpenAI den Zeitpunkt an der eigenen Einschätzung ausrichte: „We’ve been very clear this year that we want to go public when we feel is the right time for us, and I feel extremely good about the business.“ Damit verknüpft Brockman die IPO-Diskussion direkt mit operativen Fortschritten, nicht nur mit Marktstimmung.
Technisch und vertrieblich ist diese Aussage vor allem deshalb bemerkenswert, weil Brockman die Entwicklung im Enterprise-Segment als entscheidenden Hebel beschreibt. Er ordnete das Jahr 2026 in Phasen ein: Die ersten zwei Quartale seien „pretty rough“ gewesen. In der dritten Phase habe sich die Aktivität dann sichtbar beschleunigt. Brockman nannte dabei eine Kennzahl, die den Maßstab verdeutlicht: OpenAI habe im Quartalsvergleich ein Wachstum auf Basis annualisierter Umsätze von 70% erreicht. Seine Einordnung lautet, dass das nicht nur „im Quartal selbst“ entstanden sei, sondern eine Art kumulativer Effekt früherer Investitionen war.
Im Kern geht es um den Wechsel von einem primär konsumorientierten Eindruck hin zu einem verlässlichen Enterprise-Anbieter. Brockman stellte klar, dass das Enterprise-Geschäft inzwischen den größten Teil der Umsätze trägt. Er sagte, der Anteil sei zuvor nur bei rund 30% gelegen und habe sich mittlerweile „take off“-artig entwickelt. Gleichzeitig zeigte er die psychologische Hürde auf, die viele Unternehmen gegenüber KI-Anbietern zu Beginn hatten: „A year ago, we weren’t even really in the enterprise game, right? We were really perceived as a consumer company, and a lot of the companies we’d start talking to would say, ‘Is OpenAI really committed to the enterprise?’“ Dass er darauf heute „But it’s so different today“ folgen lässt, spricht dafür, dass OpenAI inzwischen stärker auf Vertrauensaufbau, Kunden-Integrationen und klare Use-Case-Meilensteine setzt.
Dass OpenAI dabei nicht auf allen Ebenen „von Anfang an“ die Nase vorn hatte, räumte Brockman ebenfalls ein – mit Blick auf agentic coding. Er sagte, OpenAI sei „wasn’t even in the conversation“ gewesen, als es um diesen Bereich ging. Konkret nennt er einen Moment, der das Wettbewerbsbild innerhalb des Code-Ökosystems erklärt: „We had Codex, but no one was talking about it“, fuhr er fort. Gleichzeitig deutete er an, dass der Markt in der Zwischenzeit stärker auf Lösungen von Anthropic und dort vor allem auf „Claude Code“ aufmerksam geworden sei. Genau diese Reihenfolge ist für die Unternehmensstrategie wichtig: In Enterprise-Umgebungen zählen nicht nur Modellfähigkeiten, sondern vor allem wahrgenommene Reife, stabile Workflows und die Fähigkeit, sich in bestehende Engineering-Prozesse einzufügen.
Auch die konkrete Go-to-Market-Ausprägung wird in seinem Bericht greifbar. Brockman verwies als Beispiel auf eine Partnerschaft mit J.P. Morgan Chase und darauf, dass OpenAI heute Deals in diesem Umfeld gewinnt. Der technische Unterbau ist dabei indirekt: Enterprise-Kunden erwarten typischerweise belastbare Integrationspfade (etwa in bestehende Dev-Umgebungen), nachvollziehbare Ergebnisse und ein Liefermodell, das nicht wie ein Forschungsprojekt wirkt, sondern wie ein produktisierter Service. Brockman formulierte diese Lernkurve als Rollenverständnis: OpenAI müsse Unternehmen helfen, die wichtigsten „milestones“ mit KI zu erreichen, Vertrauen bei Kunden aufzubauen und sich als verlässlicher Partner über längere Zeit zu beweisen. Für die Bewertung einer IPO-Reife heißt das: Nicht nur Wachstum zählt, sondern die Nachhaltigkeit der Einnahmequellen und die Skalierbarkeit der Kundenakquise.
Für den Markt bedeutet das zugleich, dass der Wettbewerb zwischen KI-Anbietern zunehmend über Umsetzungsgeschwindigkeit im Enterprise gewinnt. Wenn ein Konkurrent wie Anthropic in einem Teilsegment wie agentic coding Marktanteile erzielen kann, verschiebt das die Erwartungen der Käufer. OpenAI muss dann nicht allein durch Modellleistung überzeugen, sondern durch den Gesamtzuschnitt aus Deployment, Support, Produktisierung und messbarer Wirkung in Kundenprojekten. Vor diesem Hintergrund ist Brockmans „progress“-Narrativ auch als Ergebnis einer Priorisierung zu lesen: Zuerst Engineering- und Produktanpassungen, dann breitere Enterprise-Nachfrage. Welche IPO-Struktur daraus folgt, bleibt offen; Brockman machte nur deutlich, dass OpenAI den Börsengang an den „right time“ koppelt und sich dabei selbst ein gutes Gefühl für die Geschäftslage attestiert.
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