STOCKHOLM / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine schwedische Studie zeigt, dass Menschen mit Psychose-Spektrum-Störungen Emotionen anderer deutlich schlechter erkennen. Besonders ausgeprägt sind Fehler, wenn in der Vorgeschichte interpersonale Aggression dokumentiert ist. Dabei werden negative Gefühle in 14% der Fälle als positiv fehlgelesen. Die Ergebnisse deuten auf kognitive und Wahrnehmungsprobleme hin, erklären aber nicht kausal, ob und wie das Verhalten dadurch eskaliert.

Wer Emotionen bei anderen falsch einordnet, bekommt im sozialen Alltag schneller eine „falsche Antwort“ geliefert. Mimik, Stimmlage und Körpersprache liefern normalerweise Hinweise darauf, wie es dem Gegenüber gerade geht. Wenn diese Signale jedoch missverstanden werden, kann Kommunikation deutlich schlechter funktionieren – und aus Sicht der Konfliktforschung entstehen dann genau jene Situationen, in denen Reaktionen nicht passen. Eine schwedische Untersuchung aus dem Umfeld des Karolinska Institutet stellt dafür einen konkreten Zusammenhang her: Bei Menschen mit Psychose-Spektrum-Störungen fällt die Emotionserkennung im Vergleich zu gesunden Teilnehmenden insgesamt schwerer aus, und mit einer Vorgeschichte interpersonaler Aggression wird die Abweichung noch einmal größer.
Die Studie betrachtet dabei nicht nur, ob Menschen „irgendwelche“ Gefühle sehen oder hören, sondern wie sie eine ganze Palette dynamischer Ausdrucksformen einordnen. Zum Psychose-Spektrum zählten die Forschenden unter anderem Schizophrenie, schizoaffektive Störung, wahnhafte Störung sowie bipolar mit psychotischen Merkmalen. Methodisch wurden die Emotionen in mehreren Modalitäten präsentiert: in kurzen Clips mit Mimik, mit Audio oder kombiniertem Video plus Ton. Die Teilnehmenden sahen und hörten Schauspielerinnen und Schauspieler, die 12 verschiedene Emotionen über Gesicht, Stimme und Körper vermittelten, sprachen dabei jedoch bedeutungslose Sätze – damit die Aufgabenstellung stärker auf die emotionalen Ausdruckssignale zielt und weniger auf semantische Hinweise. Zusätzlich testeten die Forschenden, wie gut die Teilnehmenden das Vokabular für Emotionen kennen, indem sie zu 14 Emotion-Wörtern Synonyme auswählten; außerdem liefen Tests zur fluiden Intelligenz und zur psychomotorischen Geschwindigkeit.
Für die Datengrundlage wurden drei Gruppen gebildet und jeweils nach Alter und Geschlecht gematcht: 79 Personen mit Psychose-Spektrum-Störung und Vorgeschichte interpersonaler Aggression, 72 Personen mit Psychose-Spektrum-Störung ohne solche Vorgeschichte sowie 86 gesunde Teilnehmende. Die Rekrutierung erfolgte teils aus forensisch-psychiatrischen Settings in Stockholm, teils aus ambulanten psychiatrischen Einrichtungen in Stockholm; die gesunden Kontrollpersonen kamen über das staatliche Personenadressregister. Die klinischen Gruppen waren außerdem „stabil“: Für Personen mit psychotischen Störungen gab es laut Studiendesign mindestens drei Monate ohne Medikationsänderung vor dem Test. Damit wollten die Forschenden sicherstellen, dass die gemessenen Unterschiede nicht primär auf akute Symptomspitzen zurückgehen.
Bei den Ergebnissen zeigt sich das erwartete Muster, aber mit einer auffälligen Nuance in Richtung negativer Emotionen. Die Leistung war in der Aggressionsgruppe am schwächsten: je nach Emotion lag die Genauigkeit etwa zwischen 25% für Verzweiflung und 54% für Ärger. Die Gruppe ohne Aggressionsvorgeschichte schnitt zwar besser ab, blieb jedoch unter dem Niveau der gesunden Teilnehmenden; hier reichte die Spanne ungefähr von 29% bis 66%. Insgesamt erkannten alle Gruppen die Emotionen deutlich über Zufallsniveau, und die Differenzen zwischen den Gruppen blieben weitgehend über alle Modalitäten hinweg stabil. Am besten wurden Emotionen über Video plus Sound erkannt, was auch technologischem Alltag entspricht: Multimodale Signale liefern Redundanz, und das verbessert in der Praxis die Robustheit der Erkennung. Besonders markant wurde es jedoch bei der Art der Fehlklassifikation: In der Aggressionsgruppe wurden negative Emotionen in 14% der Fälle als positiv gelesen. Die Forschenden berichten, dass diese Fehlzuordnung etwa 1,2-mal so häufig wie in der Nicht-Aggressionsgruppe vorkam und ungefähr doppelt so häufig wie bei den Kontrollen. Genau an dieser Stelle könnte sich aus einem kognitiven Fehler ein sozialer Risikohebel ergeben – etwa wenn Warnsignale, dass das Gegenüber verletzt oder verärgert ist, im Moment der Interaktion nicht als solche erkannt werden.
Der Blick auf Prädiktoren macht zudem klar, dass es nicht nur „Emotionen erkennen“ als isolierte Fähigkeit gibt. Innerhalb der Psychosegruppen hingen bessere Leistungen besonders stark mit fluiden kognitiven Fähigkeiten sowie mit dem Verständnis von Emotionswörtern zusammen; danach folgten Faktoren wie Geschlecht und Bildungsniveau. Frauen schnitten in diesem Datensatz besser ab als Männer, zudem hing die Leistung mit dem formalen Bildungsstand zusammen. Überraschend war, dass eine Vorgeschichte von Substanzmissbrauch – nach Kontrolle weiterer Variablen – mit einer besseren Leistung assoziiert war; die Forschenden ordnen dieses Ergebnis selbst als potenziellen statistischen Effekt ein und raten zu vorsichtiger Interpretation. Wichtig bleibt dennoch: Auch nach Berücksichtigung dieser Faktoren sagte eine Aggressionsvorgeschichte weiterhin schlechtere Emotionserkennung vorher, allerdings erklärten diese Variablen nur rund 2% der zusätzlichen Streuung in der Performance. Das unterstützt die Idee, dass mehrere Mechanismen zusammenspielen – Wahrnehmung, Gedächtnis und die Verarbeitung sozial-emotionaler Informationen – und nicht ein einzelner Engpass dominiert.
Gleichzeitig begrenzen Studiendesign und Testbedingungen die Aussagekraft. Da die Teilnehmenden zu einem Zeitpunkt und bei klinischer Stabilität untersucht wurden, lässt sich nicht direkt ableiten, wie die Emotionserkennung in akuten Phasen mit intensiver Psychose oder starker Agitation aussieht. Zudem wurden die Emotionen von Schauspielerinnen und Schauspielern dargestellt, nicht spontan im Alltag; die Clips wurden in der Schweiz entwickelt und zeigten weiße europäische Schauspielende. Insofern kann es sein, dass Teilnehmende aus anderen kulturellen Hintergründen Ausdrucksnuancen anders interpretieren würden. Vor allem ist die Kernaussage nicht kausal: Die Gruppen unterschieden sich auch in weiteren Merkmalen wie Bildung, Intelligenz und Substanzgebrauch, und andere nicht erfasste Faktoren können nicht ausgeschlossen werden. Das Paper ist unter Schizophrenia veröffentlicht und trägt den Titel „Emotion recognition misclassification patterns in individuals with psychotic spectrum disorders and history of interpersonal aggression“.
Für die Praxis ergibt sich daraus vor allem eine programmatische Konsequenz: Wenn sich in klinischen Settings wiederholt zeigt, dass die Fehlzuordnung von Emotionen – insbesondere das Verwechseln negativer mit positiven Gefühlen – in der Aggressionsvorgeschichte konzentriert auftritt, kann Training in der Emotionswahrnehmung als Baustein für Interventionen interessant werden. In der Studie wird genau diese Richtung adressiert: Die Autorinnen und Autoren sehen den potenziellen Nutzen von Assessments und Trainings, um Aggressionsrisiken zu senken und die soziale Funktionsfähigkeit zu verbessern. Für Unternehmen und Entwickler im Gesundheits- und Beratungsbereich heißt das indirekt auch: KI-gestützte Erkennungssysteme oder Assistenz-Tools können zwar beim Monitoring von Ausdrucksmerkmalen helfen, sie ersetzen aber nicht das klinische Verständnis der zugrunde liegenden kognitiven Mechanismen. Entscheidend bleibt, dass jede Automatisierung nur so gut ist wie die Annahmen über Kontext, Trainingsdaten und die realen Verhaltensketten – und dass im Bereich sozial-emotionaler Interaktion Genauigkeit und Fehlertypen gemeinsam betrachtet werden müssen.
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