LONDON (IT BOLTWISE) – Im EU-Emissionshandel für 2026 bis 2030 prallen zwei Vorstellungen zur Gratiszuteilung aufeinander. Der Rat der EU will der Industrie insgesamt 121 Millionen Zertifikate zuteilen. Das Europäische Parlament favorisiert dagegen 99 Millionen und sieht zusätzlich eine kleinere Reserve vor. Der Streit betrifft vor allem die Frage, wie ein Kontingent von 33 Millionen Rechten auf Industrie, Modernisierungs- und Innovationsfonds verteilt wird.

Die nächste Phase im EU-Emissionshandel bekommt bereits vor dem endgültigen Gesetzestext eine harte politische Kante: Für den Zeitraum 2026 bis 2030 verhandeln Rat und Europäisches Parlament darüber, wie viele kostenlose CO2-Zertifikate in der Industrie ankommen sollen. Während der Umweltausschuss des Parlaments ein Gesamtvolumen von 99 Millionen Gratisquoten unterstützt, verlangt der Rat eine deutlich höhere Zuteilung von 121 Millionen. Beide Positionen stehen jedoch nicht isoliert im Raum, sondern bauen auf derselben Grundmenge von 88 Millionen Quoten auf. Der eigentliche Konflikt entsteht bei der Verwendung eines zusätzlichen Kontingents von 33 Millionen Rechten.
Konkret will der Rat dieses zusätzliche Kontingent vollständig der Industrie zur Verfügung stellen. Das Parlament schlägt dagegen vor, einen Teil davon als Reserve für Industrieanlagen zu führen, und zwar in der Größenordnung von 11 Millionen Zertifikaten. Aus dem Rest des zusätzlichen Bestands sollen weitere Mittel in den Modernisierungsfonds sowie in den Innovationsfonds fließen. Damit entscheidet sich nicht nur die reine Höhe der Gratiszertifikate, sondern auch die Verteilung zwischen unmittelbarer Entlastung im Betrieb und langfristiger Förderung von Modernisierung sowie Entwicklung. Gerade für Industrieunternehmen sind solche Übergänge zwischen „direkt an der Anlage“ und „über Fonds“ relevant, weil sie sich in Planungszyklen, Investitionshorizonten und erwarteten Kostenstrukturen niederschlagen.
Der finanzielle Hebel hinter dem Streit ist beträchtlich: Laut Marktberichten würde die Ratsvariante Industrieunternehmen Einsparungen von rund 8,25 Milliarden Euro bringen. Die Europäische Kommission verweist dabei zusätzlich auf eine Basiswirkung: Schon die 88 Millionen kostenlosen Quoten würden eine finanzielle Erleichterung von 6 Milliarden Euro bedeuten. Das macht deutlich, warum die Differenz zwischen 99 und 121 Millionen nicht als kosmetischer Kompromiss wahrgenommen wird. In der Praxis hängt die Wirkung solcher Entlastungen eng mit den Benchmarks zusammen, die bestimmen, wie viel Emissionsleistung pro Sektor als effizient gilt und daher überhaupt in die Zuteilungslogik eingeht. Je nachdem, wie diese Richtwerte und die Reservemechanismen ausgestaltet werden, verschiebt sich die Risikoverteilung zwischen Unternehmen, die in Effizienz investieren, und jenen, die kurzfristig vor allem Liquiditätseffekte benötigen.
Technisch wird der politische Kurs zusätzlich durch die Überarbeitung der Benchmarks für die Jahre 2026 bis 2030 untermauert. Das Plenum des EU-Parlaments hat dafür sein Verhandlungsmandat angenommen, mit 474 Ja-Stimmen bei 82 Gegenstimmen und 28 Enthaltungen. Inhaltlich geht es dabei auch um sektorbezogene Ausnahmeregelungen, die Verzerrungen durch einheitliche Brennstoffparameter vermeiden sollen. Die Idee: Für ausgewählte Branchen sollen spezifische Richtwerte gelten, die sich an den effizientesten zehn Prozent der Anlagen orientieren. Damit rückt die Frage ins Zentrum, wie stark das System auf „Durchschnittslogik“ oder auf „Best-Performer“-Vergleich setzt – ein Unterschied, der bei stark heterogenen Anlagenparks über Jahre hinweg spürbar sein kann.
Besonders im Fokus stehen demnach Hersteller feuerfester Materialien sowie die Fliesenindustrie. Der europäische Branchenverband Cerame-Unie bezifferte dabei eine indikative Minderungsrate auf 12,5 Prozent, wenn realistischere Wärme- und Brennstoffindikatoren angelegt werden. Die Stoßrichtung solcher sektorspezifischen Kriterien wird vor allem von Vertretern aus Spanien und Italien vorangetrieben, um mögliche Wettbewerbsnachteile gegenüber Drittstaaten wie China, Indien oder der Türkei abzufedern. Deutschland und Frankreich positionierten sich hingegen gegen diese sektorale Sonderregelung. Diese Gegenüberstellung ist mehr als Verhandlungstaktik: Sie spiegelt zwei unterschiedliche Erwartungen an das Zusammenspiel aus Klimazielen, internationalem Wettbewerb und dem Grad an Flexibilität, den die Benchmark-Systematik pro Branche zulassen soll.
Parallel verschiebt der Grenzausgleichsmechanismus (CBAM) die operative Last auf viele Importeure. Während die Industrie im Emissionshandel um kostenlose Zertifikate ringt, müssen Unternehmen ihre Warenimporte zunehmend so dokumentieren, dass sie sich in die CBAM-Meldepflicht einfügen. Für Entscheidungs- und Compliance-Verantwortliche heißt das: Die Transparenzanforderungen rund um Emissionsdaten und Produktkennzahlen beeinflussen Beschaffungsprozesse, Lieferantenkommunikation und Datenqualität über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg. Der Parlamentsentwurf sieht zugleich vor, dass der Kommissionsansatz fortgeführt wird, indem geschätzte 88 Millionen Gratisquoten genutzt und zusätzlich 11 Millionen Einheiten für Anlagen eingezogen werden, die die vorgegebenen Kriterien verfehlt haben. Damit sollen knapp 100 Millionen zusätzliche Zertifikate mobilisiert werden, während je 11 Millionen ungenutzter Quoten dem Modernisierungs- und dem Innovationsfonds zugewiesen werden.
Entscheidend ist nun der nächste Verhandlungsschritt zwischen den Gesetzgebungsorganen, weil die vorgeschlagenen Mechaniken erst im Trilog final zusammengeführt werden. Aus der Branche wird dabei betont, dass der Prozess zunächst die Trilog-Verhandlungen durchlaufen und anschließend noch eine formelle Zustimmung des Rates erhalten müsse. In betroffenen Regionen wie der Emilia-Romagna sprechen Regionalpolitiker derweil offenbar dafür, Produktionsstandorte und Arbeitsplätze abzusichern, indem die Industrie-Entlastung nicht zu abrupt umgestellt wird. Auch aus der italienischen Parlamentsdelegation kommt der Hinweis, dass für die Keramikindustrie ursprünglich eine höhere Zuteilung von 113 Millionen Zertifikaten gefordert worden war, bevor der Kompromiss bei 88 Millionen Einheiten landete. Für Unternehmen bedeutet das vor allem: Bereits jetzt lohnt es sich, Budgetannahmen, Emissions- und Effizienzdaten sowie Investitionspläne so zu modellieren, dass sowohl eine stärkere Industrie-Reserve als auch ein größerer Anteil für Fonds nicht zu Überraschungen führt.
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