KOPENHAGEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Der französische Rechnungshof fordert, dass Ministerien innerhalb von vier Jahren zentrale Büro- und Kollaborationsprogramme auf freie Software umstellen. Die Analyse nennt konkrete Größenordnungen: Rund 861.000 IT-Arbeitsplätze entfallen auf die Bürosoftware von elf Ministerien. Gleichzeitig rechnet das Prüfungsorgan mit einem jährlichen Einsparpotenzial von 30 bis 65 Millionen Euro durch die Umstellung. In der EU und in mehreren Staaten steigt parallel der Druck, digitale Lieferketten und Datenhoheit stärker abzusichern.

In der öffentlichen Verwaltung wird Software seit einiger Zeit nicht mehr nur als Produktfrage betrachtet, sondern als Bestandteil einer IT-Lieferkette. Vor diesem Hintergrund hat der französische Rechnungshof, die Cour des comptes, in einem Bericht vom 22. Oktober 2026 einen klaren Zeitrahmen gesetzt: Zentrale Verwaltungen und Ministerien sollen bei Büro- und Kollaborationsprogrammen innerhalb von vier Jahren auf freie Software umstellen. Die Untersuchung bezog sich auf die Staatsverwaltung und dekonzentrierte Dienste, also auf Strukturen, in denen Standard-Workflows wie Textverarbeitung, Tabellenkalkulation und Zusammenarbeit besonders stark über Standorte hinweg vereinheitlicht sind.
Besonders konkret wird die Prüfung bei den Kosten und beim Umfang: Die Bürosoftware von elf Ministerien umfasst demnach rund 861.000 IT-Arbeitsplätze. Entsprechend groß sind die Budgets. Laut Bericht stiegen die Ausgaben von 67 Millionen Euro im Jahr 2021 auf 100 Millionen Euro im Jahr 2025, was einem Zuwachs von 50 Prozent entspricht. Von den Mitteln im Jahr 2025 entfallen 61 Millionen Euro auf Lizenzen; dabei liegen die Anteile mit 80 Prozent bei Microsoft und Bleu. Daneben nennt der Rechnungshof 26 Millionen Euro für IT-Dienstleistungen sowie 13 Millionen Euro für interne Personalkosten, also Kostenblöcke, die bei einer Umstellung zwar neu kalkuliert werden müssen, aber nicht automatisch verschwinden.
Technisch und organisatorisch ist der Wechsel zu freier Software deshalb mehr als ein Lizenztausch. Büro-Suites im öffentlichen Sektor müssen nicht nur Dokumentformate verlässlich handhaben, sondern auch kollaborative Abläufe in bestehenden Systemlandschaften abbilden. Genau hier führt der Bericht eine differenzierte Argumentation: Das Einsparpotenzial durch lokal installierte freie Software beziffert die Cour des comptes auf 30 bis 65 Millionen Euro jährlich. Als Vergleich nimmt der Bericht zusätzlich eine freie Software-Suite mit SecNumCloud-Zertifizierung an, die für rund 100 Euro je Arbeitsplatz und Jahr kalkuliert wird. Im Vergleich zu Microsoft 365 und Bleu sieht das Prüfungsorgan damit Mehrausgaben von rund 130 Millionen Euro pro Jahr als vermeidbar an.
Gleichzeitig weist die Cour des comptes auf Grenzen hin, die jede Umstellungsstrategie kennen muss: Bestimmte staatliche Eigenentwicklungen wie La Suite könnten Microsoft 365 oder Google Workspace derzeit nicht vollständig ersetzen, weil Funktionen wie vollwertige Tabellenkalkulationen oder Präsentationsprogramme fehlen. Für Entscheider bedeutet das: Migration gelingt nicht mit einem reinen „Fork“-Gedanken, sondern erfordert Funktionsabdeckung, Qualitätskriterien und Testzyklen. Um diese Lücke pragmatisch zu schließen, gewinnt auch das Betriebssystemniveau an Aufmerksamkeit, etwa durch Linux-Setups. Der Bericht bringt dabei ein weiteres Argument für die Praxis ein: Der Wechsel zu freien Systemen stärke digitale Souveränität durch mehr Stabilität und Sicherheit; außerdem ermögliche ein Parallel-Test von Ubuntu, ohne bestehende Daten zu gefährden.
Auch jenseits Frankreichs lässt sich ein Muster erkennen, das sich über Ländergrenzen hinweg wiederholt: Subventionen und Pilotprogramme fördern Alternativen zu proprietären Plattformen, während gleichzeitig Anforderungen an Datenschutz und Betriebssicherheit steigen. So erhielt in Deutschland die Open-Source-Plattform openDesk des Zentrums für Digitale Souveränität (ZenDiS) seit 2022 rund 45 Millionen Euro an Subventionen, während La Suite im selben Zeitraum 36 Millionen Euro verzeichnete. In Dänemark wiederum präsentierten DTU Computerome und Nextcloud auf dem Nextcloud Enterprise Day in Kopenhagen eine Kooperation für eine vollständige Kollaborationsplattform auf dänischer Infrastruktur, die europäische Vorgaben wie die Datenschutz-Grundverordnung und NIS2 berücksichtigen soll. Das ist weniger ein reiner Funktionsvergleich als ein Architekturthema: Wer Daten wo verarbeitet, wie Identitäten abgesichert werden und wie Updates in die Fläche gelangen.
Die EU-Politik verstärkt diesen Rahmen zusätzlich. Die Europäische Kommission hat eine Open-Source-Strategie vorgestellt, die Abhängigkeiten von proprietären Anbietern senken und die Sicherheit digitaler Lieferketten verbessern soll. Ergänzend wird im Umfeld des vorgeschlagenen Cloud and AI Development Act über abgestufte Sicherheitsstufen für Clouddienste der öffentlichen Hand diskutiert; die höchsten Stufen sollen unter anderem strenge Datenresidenz und den Ausschluss von Anbietern unter der Kontrolle von Drittstaaten vorschreiben. Für Verwaltungen bedeutet das: Entscheidungen zur Büro- und Kollaborationssoftware hängen künftig stärker mit Cloud- und Security-Anforderungen zusammen, weil sich Betrieb, Zertifizierung und Datenflüsse eng verzahnen. Für IT- und Informationssicherheitsverantwortliche wiederum entsteht damit ein klarer Handlungsdruck, Migrationspfade messbar zu planen – von Format- und Workflow-Tests über die Rollen- und Rechteverwaltung bis hin zur Frage, welche Komponenten in welcher Governance-Logik kontrolliert werden.
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