HAMBURG / LONDON (IT BOLTWISE) – Allianz Trade rechnet für Deutschland 2027 mit rund 25.900 Unternehmensinsolvenzen. Für 2028 erwartet der Kreditversicherer zwar einen Rückgang auf etwa 24.600 Fälle, aber nicht sofort Entwarnung. Als Belastungsfaktoren nennt das Unternehmen unter anderem den anhaltenden Konflikt in der Region, eine schwache Konjunktur sowie hohe Betriebskosten. Besonders betroffen sieht Allianz Trade Transport und Logistik, Bau sowie Teile des Automobil- und Maschinenbaus.

Die deutsche Wirtschaft steckt offenbar weiterhin in einem Spannungsfeld aus nachlassender Nachfrage und hohen Kostenbelastungen. Genau darauf läuft die aktuelle Prognose der Allianz-Tochter Allianz Trade hinaus: Für das Jahr 2027 werden je 25.900 Unternehmensinsolvenzen erwartet. Die Zahl ist nicht nur als Momentaufnahme zu verstehen, sondern als Signal dafür, dass das Insolvenzniveau voraussichtlich hoch bleibt – ähnlich wie zuletzt um das Jahr 2013, als die europäische Schuldenkrise gegen Ende in eine besonders unruhige Phase überging.
Allianz Trade begründet den Ausblick vor allem mit fehlender Entspannung in zentralen Treibern der Unternehmensrisiken. Laut Angaben des Deutschland-Chefs Milo Bogaerts, der den Kontext für die Entwicklung bei Allianz Trade skizziert, wirken mehrere Faktoren gleichzeitig: der schwelende Iran-Krieg, eine schwache Konjunktur, fehlende Fachkräfte sowie hohe Betriebskosten. Diese Kombination ist wichtig, weil sie über verschiedene Kosten- und Finanzierungsdimensionen hinweg wirkt: fehlendes Personal bremst Kapazitäten und Projekte, während Betriebskosten die Ergebnisrechnung auch dann unter Druck setzen, wenn die Umsätze nicht im gleichen Tempo nachgeben.
Bogaerts macht dabei auch die sektoralen Unterschiede sichtbar. Besonders betroffen sieht Allianz Trade Transport und Logistik, Bau, das Gastgewerbe sowie Teile der Automobil- und Maschinenbauindustrie. Gerade in diesen Branchen treffen typischerweise mehrere Risikofaktoren zusammen: lange Zahlungsziele, hohe Fixkostenstrukturen und eine starke Abhängigkeit von konjunkturellen Zyklen. Wenn dann noch Liefer- und Preisunsicherheiten hinzukommen, steigt für viele Unternehmen die Wahrscheinlichkeit, dass Liquiditätspuffer nicht ausreichen und sich Probleme in gerichtsfeste Verfahren verwandeln.
Die Erwartung wird durch die bisherigen Daten untermauert. Das Statistische Bundesamt hat vergangenes Jahr 24.064 Unternehmensinsolvenzen gezählt; in den beiden Vorjahren waren es 21.812 beziehungsweise 17.814 Fälle. Damit setzt sich ein längerfristiger Trend fort, statt dass eine einzelne Krise die Erklärung liefert. Besonders deutlich wird die Dynamik auch in der unterjährigen Betrachtung: Im ersten Halbjahr des laufenden Jahres registrierte das Statistische Bundesamt 12.812 Unternehmensinsolvenzen – das entspricht einer Zunahme um 6,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Für die Jahresendbetrachtung rechnet Allianz Trade mit einem Gesamtanstieg von acht Prozent.
Dass Insolvenzen nicht gleichmäßig über alle Unternehmensformen verteilt sind, zeigen auch die zuletzt öffentlich viel beachteten Beispiele. Zu den Fällen, die Aufmerksamkeit erregt haben, zählen die Warenhauskette Galeria, der Discounter Kodi sowie der Batteriehersteller Varta. Solche Einzelereignisse sind zwar kein vollständiger Beweis für die Gesamtentwicklung, sie verdeutlichen aber, wie stark bestimmte Geschäftsmodelle unter Druck geraten können, wenn Nachfrage, Finanzierung und Wettbewerb gleichzeitig kippen. Für Entscheider in Einkauf, Produktion und IT bedeutet das: Selbst wenn einzelne Lieferanten oder Geschäftspartner zu Beginn stabil wirken, kann sich das Risiko schnell verlagern, sobald sich Markterwartungen und Cashflow-Zyklen drehen.
Für 2028 stellt Allianz Trade dennoch eine Veränderung in Aussicht. Der Kreditversicherer erwartet dann einen Rückgang um fünf Prozent auf 24.600 Fälle. Als Begründung werden Konjunkturmaßnahmen der Regierung genannt, die anschließend weiter an Wirkung gewinnen könnten. Diese Formulierung ist inhaltlich ein Hinweis auf einen typischen politischen und volkswirtschaftlichen Wirkmechanismus: Stützungsprogramme entfalten ihre Effekte häufig verzögert, weil sie Projektfinanzierungen, Investitionsentscheidungen oder Nachfrage in der Realwirtschaft erst nach und nach anstoßen. Gleichzeitig bleibt die Zielgröße für 2028 ein hoher Wert; selbst der Rückgang bedeutet also nicht, dass der Markt in „normale“ Schadensraten zurückspringt.
Für die Praxis stellt sich damit weniger die Frage, ob es 2027 besonders viele Insolvenzen geben wird, sondern wie Unternehmen mit der wahrscheinlich erhöhten Ausfallwahrscheinlichkeit operativ umgehen. Kredit- und Versicherungsthemen, Forderungsmanagement sowie das Risikomonitoring in Lieferketten rücken dabei stärker in den Vordergrund – häufig auch dort, wo bislang eher pauschal gearbeitet wurde. Wer heute Bestandskunden, Lieferanten und Absatzmärkte aktiv überwacht, kann Ausreißer früh erkennen und Gegenmaßnahmen einleiten, etwa über Zahlungspläne, Limitanpassungen oder die Umstellung von Vertragsklauseln. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, dass sich Risikowahrnehmung zunehmend mit Datenflüssen verbindet: Insolvenzen lassen sich zwar nicht allein durch Technik „verhindern“, aber mit besseren Signalen aus Unternehmensdaten, Verhaltensmustern und Branchenkennzahlen lässt sich die Reaktionsgeschwindigkeit verbessern.
Damit bleibt der Ausblick für 2027 klar: hohes Insolvenzniveau und mehrere gleichzeitige Belastungsfaktoren. Erst 2028 ist mit einer moderaten Entspannung zu rechnen, und auch diese hängt davon ab, wie stark konjunkturelle Impulse tatsächlich durchwirken. Unternehmen sollten den Zwischenraum nutzen, um ihre Resilienz zu testen: von der Liquiditätsplanung über die Lieferantenbewertung bis hin zur Fähigkeit, auf Zahlungsausfälle kurzfristig mit neuen Rahmenbedingungen zu reagieren. Gerade in Segmenten wie Transport und Logistik, Bau oder im Umfeld des Automobil- und Maschinenbaus kann die wirtschaftliche Gemengelage schneller kippen – und genau deshalb gewinnt eine präventive Risikoarbeit in der kommenden Zeit an Relevanz.
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