LONDON (IT BOLTWISE) – Krankentage wegen akuter Belastungsreaktionen und Anpassungsstörungen nehmen weiter zu. Für 2025 nennt die KKH rund 119 Krankentage je 100 Versicherte, nach 112 im Vorjahr. Im Achtjahresvergleich (2017 zu 2025) entspricht das einem Plus von 80 Prozent. Besonders das mobile Arbeiten gilt dabei als Treiber, wenn klare Regeln fehlen.

Die Arbeitswelt verschiebt sich messbar in Richtung psychischer Belastung – und zwar nicht nur als gefühltes Risiko, sondern in Form konkreter Diagnosen und Krankschreibungszahlen. Laut Auswertungen der KKH Kaufmännischen Krankenkasse liegen die krankheitsbedingten Fehlzeiten aufgrund von akuten Belastungsreaktionen oder Anpassungsstörungen im Jahr 2025 bei knapp 119 Krankentagen je 100 Versicherte. Das ist im Vergleich zu 2024 ein Anstieg von 112 Tagen; die Entwicklung wirkt damit weniger wie eine einzelne Ausschlagbewegung, sondern eher wie eine fortlaufende Aufwärtsspirale.
Im langfristigen Blick wird der Zusammenhang noch deutlicher: 2017 verzeichnete die gleiche Diagnosegruppe nur 66 Krankentage je 100 Versicherte. Damit ergibt sich innerhalb von acht Jahren ein Zuwachs um 80 Prozent. Auch die Häufigkeit der Fälle selbst steigt: Die Zahl der diagnostizierten Fälle kletterte bei der KKH von 19.658 im Jahr 2017 auf 33.425 im Jahr 2025. Damit rücken diese Diagnosen in den Statistikreihen zugleich nach oben – als häufigster psychischer Befund und als dritthäufigster Grund für Krankschreibungen insgesamt.
Für die Ursachenforschung greifen Fachperspektiven auf eine Kombination aus klassischen Belastungsfaktoren und neuen Mustern der Arbeitsorganisation zurück. Aileen Kӧnitz, KKH-Ӓrztin, nennt als Treiber unter anderem hohes Arbeitspensum, regelmäßige Überstunden sowie Existenzängste und Konflikte am Arbeitsplatz. Neben diesen bekannten Faktoren spielt auch die wirtschaftliche Lage einzelner Beschäftigter eine Rolle: Ein geringes Gehalt wird in der Analyse als zusätzlicher Belastungsfaktor beschrieben.
Besonders hervorgehoben wird dabei mobiles Arbeiten – weniger wegen der Tätigkeit selbst, sondern wegen der Bedingungen, unter denen sie stattfindet. Wenn räumliche Flexibilität ohne klare Strukturen auskommt, kann sie laut Kӧnitz erschöpfend wirken. Im Kern entsteht ein „unsichtbarer Stress der Unklarheit“: Wer im Homeoffice oder unterwegs arbeitet, braucht verbindliche Regeln für Abstimmung, Zuständigkeiten und die Abgrenzung von Arbeits- und Privatzeit. Fehlen diese Leitplanken, kann die Grenze zwischen Berufs- und Privatleben verschwimmen; flexible Arbeitszeiten werden dann nicht automatisch entlastend, sondern zur zusätzlichen Belastungsquelle.
Die Diskussion lässt sich technisch und organisatorisch übersetzen: Wo Arbeitszeiten und Erwartungen nicht präzise dokumentiert und kommuniziert werden, bleibt die tatsächliche Arbeitslast schwer nachvollziehbar. Genau hier setzen die Handlungsempfehlungen an, die über reine „Empfehlungen fürs Wohlbefinden“ hinausgehen. Als Ansatzpunkte werden feste Arbeitszeiten und eine klare zeitliche Abgrenzung genannt – ergänzt um die bewusste Entscheidung, digitale Geräte nach Feierabend abzuschalten. Gleichzeitig braucht es eine belastbare Arbeitszeitdokumentation, damit Entgrenzung nicht nur im Alltag bekämpft, sondern auch in Prozessen rechts- und organisationssicher abgebildet wird.
Auch Befragungsdaten der Techniker Krankenkasse (TK) stützen das Bild einer breiten Belastung: Demnach fühlen sich lediglich 8 Prozent der Befragten nicht gestresst. Dieses Ergebnis wirkt wie ein Verstärker der Krankenkassenstatistik, weil es darauf hinweist, dass Stress nicht auf einzelne Berufsgruppen oder einzelne Betriebe begrenzt ist. In der Folge steht Unternehmen und Politik eine Aufgabe bevor, die über Präventionskommunikation hinausgeht: Es braucht strukturelle Veränderungen im Zuschnitt von Arbeitsaufgaben, in der Taktung von Projekten und in der Gestaltung von Reaktions- und Erreichbarkeitszeiten. Andernfalls ist laut den vorliegenden Daten mittelfristig eher mit einer weiteren Zunahme stressbedingter Erkrankungen zu rechnen.
Für die Praxis bedeutet das: KI-gestützte Tools zur Mitarbeitersteuerung oder Ticket- und Aufgabenverwaltung können entlasten – sie können aber auch zur Beschleunigung beitragen, wenn Ziele und Pausen nicht klar definiert sind. Entscheidend ist, dass digitale Systeme Arbeitslast sichtbar machen und gleichzeitig Regeln für Erholung durchsetzen, etwa durch konfigurierbare Erreichbarkeitsfenster, nachvollziehbare Priorisierung und realistische Deadlines. Unternehmen sollten Stressindikatoren deshalb nicht nur als HR-Thema betrachten, sondern als Betriebs- und Prozesskennzahl: Wenn sich krankheitsbedingte Fehlzeiten bei psychischen Diagnosen wie in den KKH-Werten um 80 Prozent über acht Jahre erhöhen, wird daraus sehr schnell ein Produktivitäts- und Planungsproblem.
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