BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Krankenkasse Barmer hält die Notfallreform, die der Bundestag beschlossen hat, für nicht ausreichend, um die Notaufnahmen zu entlasten. Der Barmer-Chef Christoph Straub fordert eine verpflichtende Telefonberatung, weil das Gesetz zwar eine erste Einschätzung vorsieht, aber nicht zwingend vorschreibt. In seinem Barmer-Krankenhausreport nennt er steigende ambulante Notfallbehandlungen und eine regional stark ungleich verteilte Inanspruchnahme. Barmer warnt damit insbesondere vor Sicherheitsrisiken für echte akute Fälle.

Die Debatte um die Notaufnahmen bekommt in dieser Woche neue Dringlichkeit, weil die Krankenkasse Barmer die aktuell beschlossene Notfallreform als zu kurz greift. In Berlin stellte der Barmer-Chef Christoph Straub den Barmer-Krankenhausreport vor und machte dabei vor allem ein Umsetzungsdetail zum Kernproblem: Das Gesetz sieht zwar eine erste Einschätzung vor, schreibt aber nicht verbindlich vor, dass Patienten zunächst telefonische Beratung erhalten. Genau diese Lücke, so die Argumentation, entscheidet darüber, ob sich die Erwartung einer Entlastung der Notaufnahmen tatsächlich erfüllt oder ob weiterhin jene Menschen dort landen, die keinen akuten Notfall haben.
Technisch und organisatorisch ist die Frage dabei weniger „ob“ triagiert wird, sondern „wann“ und „mit welcher Verbindlichkeit“. In Notaufnahme-Szenarien bedeutet eine frühe telefonische Erstberatung in der Praxis, dass die Empfehlung zur weiteren Versorgung vorher strukturiert läuft: Wer etwa nur geringe Beschwerden hat oder einen planbaren Behandlungsweg benötigt, soll nicht erst in der voll ausgelasteten Notaufnahme „ankommen“, sondern vorher in andere Strukturen geleitet werden. Straub argumentierte, dass ohne eine klare Vorgabe der Erfolg der Reform fraglich sei, weil Krankenhäuser sonst zwar zusätzliche Prozesse einführen, aber die tatsächliche Patientenzuordnung weiterhin vom Zufall des individuellen Zugangs abhängt.
Die Barmer-Berechnungen liefern dafür auch zahlenbasierte Argumente. Laut Bericht stieg die Zahl der ambulanten Notfallbehandlungen im Krankenhaus zwischen 2015 und 2024 von etwa 12,3 Millionen auf rund 12,7 Millionen. Gleichzeitig sank im gleichen Zeitraum die Zahl der Kliniken, sodass Barmer für den Durchschnitt pro Klinik einen Anstieg der Fallzahlen um 8,7 Prozent ableitet. Für das Versorgungssystem ist das mehr als eine statistische Bewegung: Steigende Fallzahlen bei weniger Standorten verschärfen den Spagat zwischen schnellen Behandlungen akuter Fälle und der gleichzeitigen Versorgung vieler nicht-akuter Situationen, die zeitlich und personell zusätzliche Kapazitäten binden.
Besonders stark zeigt sich die Belastung nach Darstellung der Krankenkasse zudem regional. So sei die ambulante Notfallversorgung in Baden-Württemberg im Jahr 2024 fast doppelt so häufig in Anspruch genommen worden wie in Thüringen, obwohl beide Bundesländer dem gleichen grundsätzlichen Regelrahmen unterliegen. Die Barmer-Ergebnisse basieren dabei auf Daten von rund 8,5 Millionen Barmer-Versicherten, die auf die Gesamtbevölkerung hochgerechnet wurden. Solche Unterschiede lassen sich in der Regel nicht allein mit medizinischer Bedarfsstruktur erklären, sondern spiegeln auch Faktoren wie Zugangswege, lokale Versorgungsdichte, Terminangebote im ambulanten Bereich und die Bekanntheit alternativer Beratungsoptionen wider.
Aus Sicht von Barmer liegt das Sicherheitsproblem im Zusammenspiel aus „vermeintlich“ und „tatsächlich“: Nicht jeder als Notfall verstandene Besuch sei automatisch ein akuter Notfall. Straub betonte deshalb, die Überlastung der Notaufnahmen sei ein Sicherheitsrisiko für jene Patienten, bei denen es sich wirklich um akute Notfälle handle. Genau diese Risikoperspektive versucht Barmer über eine obligatorische Telefonberatung nach dänischem Vorbild zu adressieren, weil dort der erste Kontakt stärker als Steuerungsmechanismus genutzt wird. Damit rückt auch die Frage in den Fokus, wie verbindlich Patientinnen und Patienten durch das System geführt werden sollen, statt sie weitgehend über den direkten Weg in die Notaufnahme entscheiden zu lassen.
Für Krankenhäuser und Gesundheitssysteme hat die Forderung eine konkrete Konsequenz: Wenn eine Telefonberatung verbindlich wird, müssen dafür vor allem Kapazitäten, Prozesse und Verantwortlichkeiten im Hintergrund zuverlässig funktionieren. Dazu zählen etwa klare Leitplanken, welche Fälle weitergeleitet werden und wie Patientendaten ohne Reibungsverluste in die nächste Versorgungsstufe gelangen. Gleichzeitig entsteht ein messbarer Effekt für die Notaufnahme selbst, weil sich die Belegungsstruktur verschieben kann: weniger ambulante, nicht-akute Zugänge würden tendenziell mehr Ressourcen für die wirklich zeitkritischen Fälle schaffen. Der politische Streit dürfte sich damit weniger an der Existenz von Reformelementen entzünden, sondern stärker daran, wie konsequent sie im Alltag verpflichtend umgesetzt werden.
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