LUDWIGSHAFEN / ESSEN / LONDON (IT BOLTWISE) – BASF prüft offenbar eine Erhöhung seines Angebots für Evonik, will dafür aber zuvor die Bücher des Spezialchemiekonzerns sichten. Ein erster Vorstoß lag laut Quelle bei 22,15 Euro je Aktie und wurde als zu niedrig abgelehnt. Gespräche sollen erst nach der Prüfung konkret werden, während Evonik-Verträge zu Beschäftigung und Standorten nach Angaben der beteiligten Kreise nicht angetastet werden sollen. Für den Chemiesektor ist das ein weiteres Signal, dass Konsolidierung angesichts von China-Konkurrenz und hohen Energiepreisen wieder in den Fokus rückt.

Die Übernahmefantasie um Evonik hat durch ein offenbar zweistufiges Vorgehen von BASF neuen Schub bekommen: Zwar wurde ein erstes Angebot abgelehnt, gleichzeitig heißt es aus informierten Kreisen, BASF sei bereit, über eine höhere Offerte zu sprechen. Entscheidend ist dabei die Reihenfolge. Demnach will das Unternehmen zunächst einen Blick in die Bücher des Spezialchemiekonzerns werfen, bevor es weitere preisliche Signale setzt. Das verschiebt die Diskussion weg von reinen Kursfantasien hin zu den Bewertungsannahmen, die hinter einem möglichen Business-Case stecken.
Als Ausgangspunkt wird ein Preis von 22,15 Euro je Evonik-Aktie genannt. Zusammen mit der Einbeziehung von Schulden würde das Unternehmen Evonik laut dieser Darstellung auf mehr als 14 Milliarden Euro bewerten. Dass dieser Rahmen als zu niedrig gilt, erklärt auch, warum die Ablehnung nicht als Endpunkt gelesen werden sollte, sondern als Verhandlungsposition. Gleichzeitig deutet der Fokus auf die „Bücher“ darauf hin, dass weniger die reine Börsenstimmung als vielmehr die belastbaren Finanzkennzahlen und mögliche Anpassungen im Kaufvertrag im Zentrum stehen dürften.
Für Evonik bleibt zudem ein strategischer Schutzrahmen wichtig, der unmittelbar mit der Umsetzung verknüpft ist: Bestehende Verträge zur Sicherung von Beschäftigung und Standorten sollen nach Angaben aus Kreisen nicht angerührt werden. Besonders relevant ist dabei der Hinweis, dass betriebsbedingte Kündigungen in Deutschland bis 2032 ausgeschlossen sind und der Abbau im Wesentlichen über freiwillige Maßnahmen über Abfindungen erfolgen soll. Solche Zusagen sind in Übernahmesituationen nicht nur ein sozialpolitisches Thema, sondern beeinflussen auch die Kostenstruktur und damit die wirtschaftliche Tragfähigkeit einer Transaktion.
Parallel dazu wird über den Blick auf das Portfolio gesprochen. In dem Zusammenhang heißt es, BASF wolle sich Pläne von Evonik ansehen, unter anderem das Basischemie-Geschäft Oxeno sowie den Chemieparkbetreiber Syneqt zu verkaufen. Diese Punkte sind für die Logik einer möglichen Integration zentral: Wer ein Kerngeschäft stärken will, muss häufig Randaktivitäten trennen, um Synergien zu realisieren und die Bilanz zu bereinigen. Die Frage ist dabei weniger, ob Verkäufe passieren, sondern wie schnell und zu welchen Konditionen sie umgesetzt werden können, ohne den operativen Betrieb oder laufende Kundenverträge zu stören.
Die Marktdaten untermauern, dass Anleger die Entwicklung bereits einpreisen. Nach ersten Berichten kosteten Evonik-Aktien gut 18 Euro, aktuell notieren sie bei rund 21,68 Euro; am Mittwoch wurde zudem ein Kursstand von 21,76 Euro genannt. Auf der Gegenseite bewegt sich die BASF-Aktie im XETRA-Handel zeitweise um 2,16 % im Plus bei 52,53 Euro. Solche Bewegungen passen typischerweise zu einem Szenario „Option bleibt offen“: Es reicht, dass eine höhere Offerte nicht ausgeschlossen wird, während das endgültige Angebot noch aussteht.
Auch auf der Analystenseite wird der mögliche Spielraum diskutiert, wobei der konkrete Wert natürlich von mehreren Faktoren abhängt. In einer genannten Studie wird von einer denkbaren Offerte im Bereich von 24 bis 25 Euro gesprochen. Wichtig ist dabei der Realitätscheck: Eine Preisrange ist erst dann belastbar, wenn sie zu den erwarteten Free-Cashflows nach Integration und etwaigen Aufwandspositionen passt. Dass BASF Gespräche derzeit ausdrücklich nicht als laufenden Prozess beschreibt, sondern den Ausgang der Sondierungen offen lässt, unterstreicht genau diesen Punkt.
Für die europäische Chemiebranche ist die Episode zudem mehr als ein lokaler Deal. Konsolidierung gewinnt an Bedeutung, weil sich der Wettbewerb aus China verstärkt und gleichzeitig hohe Energiepreise die Kostenbasis vieler Standorte unter Druck setzen. In solchen Phasen werden Übernahmen oft als Hebel genutzt, um Produktportfolios zu schärfen, Größenvorteile zu realisieren und Investitionen in neue Produktions- und Prozessanlagen zu bündeln. Wenn BASF und Evonik die Verhandlungen tatsächlich über eine strukturierte Prüfung und klare Umsetzungsbedingungen vorantreiben, könnte das Signalwirkung auch über den Einzelfall hinaus entfalten.
Unternehmensseitig sollten Verantwortliche die nächsten Schritte besonders pragmatisch begleiten: Entscheidend sind nicht nur der mögliche Angebotspreis, sondern die Vertragsdetails zur Standort- und Beschäftigungssicherung sowie die Frage, welche Teile der Strategie als „Deal-Condition“ oder als nachgelagerte Portfolio-Entscheidung behandelt werden. Für den Markt heißt das: Solange die Sondierungen nicht abgeschlossen sind, bleibt die Kursreaktion vor allem eine Bewertung von Optionen, nicht von Fakten. Sobald jedoch Klarheit über die geprüften Zahlen und den weiteren Verhandlungsrahmen entsteht, dürfte die Preisfindung in eine neue Phase treten.
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