LONDON (IT BOLTWISE) – Die deutsche Batteriebranche sieht beim Aufbau einer europäischen Zell- und Komponentenfertigung zu wenig Tempo und zu schwache Koordination. Stefan Wolf, Geschäftsführer des Batterieverbands, fordert ein gemeinsames Vorgehen von Staat und Industrie – mit mehr Nachfrageanreizen statt nur Fördergeld. Während chinesische Hersteller wegen Überkapazitäten gezielt nach Europa drängen, setzen die USA laut Wolf auf Abschottung. Als Beispiel nennt er die industrielle Skalierung eines Trockenbeschichtungsprozesses bei Tesla am Standort Grünheide.

Batterieindustrie: Deutschland kritisiert Tempo- und Koordinationslücke bei Europas Ausbau
Batterieindustrie: Deutschland kritisiert Tempo- und Koordinationslücke bei Europas Ausbau (Foto: IT BOLTWISE)
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Der Ausbau einer eigenen europäischen Batterieindustrie gilt politisch seit Jahren als Schlüsselfrage für die Industrie- und Klimastrategie. Auf der operativen Ebene wirkt der Prozess nach Ansicht der heimischen Industrie aber zu langsam und zu wenig abgestimmt. Stefan Wolf, Geschäftsführer des Batterieverbands, machte dafür in einem Interview deutlich, dass es an Tempo und Koordination fehle. Er kritisierte zudem, Deutschland sei „zu zaghaft darin, nachhaltig Zukunftsindustrien aufzubauen und die dafür erforderlichen Investitionen zu mobilisieren“ – ein Satz, der in der Debatte um Batteriezellen, Rohstoffe und Fertigungs-Know-how zugleich wie eine Bestandsaufnahme und wie ein Warnsignal klingt.

Im Kern geht es dabei nicht nur um die Produktion von Batterien, sondern um die Kette aus Technologieentwicklung, industrieller Fertigung und gesicherter Nachfrage. Wolf argumentierte, Staat und Industrie müssten „ein gemeinsames Vorgehen“ ausarbeiten – gerade weil die Autobranche aktuell mit Absatzschwierigkeiten kämpft und ihre finanziellen Spielräume schrumpfen. In diesem Spannungsfeld wird Förderung allein schnell zum Engpass, denn Fabriken lassen sich planen, aber nicht ohne verlässliche Abnahme. Genau hier setzt seine Forderung an: Neben Subventionen brauche es auch „gezielte Nachfrageanreize auf der Marktseite“.

Der internationale Druck kommt laut Wolf vor allem aus zwei Richtungen: aus der chinesischen Industrie und aus der Abschottungspolitik der USA. Chinesische Hersteller seien „über Jahrzehnte mit massiven Subventionen aufgebaut worden“ und suchten wegen Überkapazitäten im Heimatmarkt „gezielt den Weg nach Europa“. Die USA würden sich derweil „längst ab“: „Die USA haben hohe Barrieren eingeführt“, sagte Wolf, Europa bleibe dadurch „eine Art Rettungsanker“ für chinesische Konzerne. Eine Ausnahme sieht er in Tesla: Der Konzern habe es geschafft, „den sogenannten Trockenbeschichtungsprozess zu industrialisieren“, und skaliere das Verfahren nun auch am Standort Grünheide. Damit wird sichtbar, wie stark sich Industrieentwicklung in der Praxis an Produktionsmethoden entscheidet – nicht nur an Modellrechnungen oder Labordaten.

Auch die nationale Umsetzung wird von Wolf als strukturell zu kurz gedacht beschrieben. Trotz milliardenschwerer Förderprogramme habe die deutsche Politik bislang „zu wenig auf marktgestaltende Instrumente“ gesetzt. Seine Metapher für den notwendigen Umbau ist dabei ungewöhnlich klar: Er verglich den Schritt mit dem „Brückenbau“ – „Um mit einem Brückenbau das Tal des Todes zu überqueren, geht man von beiden Seiten vor: neue Technologien entwickeln und neue Technologien nachfragen.“ Entscheidend sei also, dass sich Risiko und Nutzen nicht nur auf Forschungsförderung verteilen, sondern ebenso auf den Markt selbst. Als Vorbild nannte Wolf die USA, wo Steuergutschriften an Unternehmen aus China, Russland, Nordkorea oder dem Iran ausgeschlossen seien. Damit wird die Logik der Nachfragepolitik auch geopolitisch: Wer die Abnahme stärkt, beeinflusst zugleich die Investitionsströme.

Parallel dazu steht der politische Zielkonflikt: Einerseits sollen Batterien schneller aufgebaut werden, andererseits treffen Investoren auf wechselnde Rahmenbedingungen. Wolf kritisierte die Bundesregierung konkret: Während Forschungsministerium und Kanzleramt die Bedeutung der Batterietechnologie erkannt hätten, agiere das Wirtschaftsministerium „zurückhaltend“. Der Hinweis auf Rückschläge in der Branche – etwa bei Northvolt, SVolt, Cellforce und Varta – dient dabei als Erklärung für die Nervosität der Beteiligten: Projekte können scheitern, Zeitpläne verschieben sich, und mit jedem Verzögerungsjahr steigen die Anforderungen an Kapital, Lieferketten und technologische Reife. Dass Wolf dennoch „zuversichtlich“ bleibt, zeigt sich an seinem Blick auf eine zweite Investitionsrunde in Ländern wie Frankreich, Schweden und den Niederlanden. Für Deutschland bedeutet das: Der Ausbau findet zwar statt, aber womöglich nicht im gewünschten Maß – und damit droht das technologische und wirtschaftliche Gewicht im europäischen Wettbewerb abzufließen.

Die Dringlichkeit untermauert zusätzlich eine aktuelle Deloitte-Studie. Laut den Angaben werden 98 Prozent der großen Batteriefabriken in Europa von asiatischen Unternehmen betrieben – „allen voran“ vom chinesischen Weltmarktfürer CATL. Diese Relation verschiebt die Debatte von einer politisch motivierten Vision hin zu einer konkreten Abhängigkeitslage: Wer in Europa die industrielle Fertigung dominiert, gestaltet Preisstrukturen, Lieferverfügbarkeit und technologische Standards. Gleichzeitig steht Europa damit vor der Aufgabe, nicht nur Kapazitäten zu schaffen, sondern auch Kompetenzen aufzubauen, die in der nächsten Generation von Zellchemien und Herstellungsverfahren wieder zur Anwendung kommen.

Für Unternehmen und öffentliche Auftraggeber ergibt sich daraus ein praktischer Handlungsdruck. Wenn sich die Batteriefertigung in Europa stärker verlagert, müssen Beschaffungs- und Investitionsentscheidungen enger getaktet werden: Wer E-Auto-Plattformen, Energiespeicherlösungen oder industrielle Anwendungen plant, braucht langfristige Perspektiven auf Zellverfügbarkeit, Qualitätssicherung und Fertigungsprozesse. Die Forderung nach Nachfrageanreizen lässt sich dabei technisch übersetzen: Programme, die Abnahmevolumen verstetigen, reduzieren die Unsicherheit der Hersteller und schaffen Spielraum für Investitionen in Prozessinnovationen wie alternative Beschichtungsverfahren. Genau an diesem Punkt wird auch sichtbar, warum Wolf den Trockenbeschichtungsprozess hervorhebt: Industrielle Skalierung ist ein Engpass, der sich nicht allein durch Forschungsgelder schließen lässt. Entscheidend wird nun, ob Deutschland und Europa die Lücke zwischen Technologie und Markt schneller schließen können – sonst verfestigen sich Abhängigkeiten, bevor die nächste Produktionsgeneration vollständig in der Region angekommen ist.


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