LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Studie an fast 7.000 Menschen ab 65 zeigt: Der Bauchumfang korreliert bei beiden Geschlechtern stärker mit dem Sterberisiko als der BMI. Übergewichtige Werte im BMI-Rahmen gingen sogar mit einem niedrigeren Risiko einher, während ein größerer Bauchumfang unabhängig vom BMI ein höheres Risiko signalisierte. Die Forschenden diskutieren dafür unter anderem die Grenzen des BMI und mögliche Verzerrungen durch Vorerkrankungen. Für die Praxis empfiehlt sich deshalb, Gesundheitsziele stärker auf Funktion, Muskelkraft und Verlaufskontrollen auszurichten.

Bauchumfang statt BMI: Was der Longevity-Index bei Senioren wirklich sagt
Bauchumfang statt BMI: Was der Longevity-Index bei Senioren wirklich sagt (Foto: IT BOLTWISE)
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Wer im Alter nur den BMI im Blick hat, könnte wichtige Signale übersehen. Genau das legt eine Untersuchung nahe, in der fast 7.000 Erwachsene ab 65 über bis zu 14 Jahre verfolgt wurden. Dabei verglichen die Forschenden den Zusammenhang zwischen BMI-Kategorien, Bauchumfang und dem Risiko, früher zu versterben. Auffällig ist die Diskrepanz: Während bestimmte BMI-Einstufungen nicht wie erwartet mit einem höheren Sterberisiko verbunden waren, zeigte der Bauchumfang über eine klar definierte Schwelle hinweg ein konsistenteres Muster. Medizinerin Leana Wen ordnet solche Ergebnisse vor allem als Hinweis auf die begrenzte Aussagekraft einzelner Kennzahlen ein – und nicht als Einladung, Übergewicht im Alter zu feiern.

Die BMI-Ergebnisse sind dabei zunächst tatsächlich kontraintuitiv. Für Männer mit einem BMI im Normalbereich war die Referenz; Männer, die als übergewichtig galten (BMI 25 bis 29,9), hatten in der Auswertung ein um 46 % niedrigeres Risiko für frühen Tod. Auch bei Männern mit Adipositas der Klassen I oder II (BMI 30 bis knapp unter 40) zeigte sich laut Bericht ebenfalls ein geringeres Risiko. Bei Frauen war der Effekt in dieser BMI-Schichtung ebenfalls zu sehen: Übergewicht ging mit einem um 27 % niedrigeren Sterberisiko einher. Gleichzeitig blieb der Zusammenhang bei Adipositas der Klassen I oder II bei beiden Geschlechtern statistisch ohne klare Signifikanz, und bei Adipositas Klasse III (BMI ab 40) zeigte sich ebenfalls kein statistisch eindeutiger Unterschied. Diese Mischung aus Richtungswechseln und Unsicherheiten ist ein typisches Muster, wenn ein einzelner Index komplexe Körperzusammensetzung nicht zuverlässig abbildet.

Noch deutlicher wird der Nutzen der zusätzlichen Messung, sobald der Bauchumfang betrachtet wird. Männer mit einem Bauchumfang über 40 Zoll (101,6 Zentimeter) und Frauen mit mehr als 35 Zoll (89 Zentimeter) hatten in der Studie ein um 24 % höheres Risiko für frühen Tod – verglichen mit Personen darunter. Entscheidend ist, dass dieses erhöhte Risiko nicht einfach durch den BMI „weg-Erklärt“ wurde: Laut Darstellung blieb es auch bestehen, nachdem die Forschenden den BMI rechnerisch berücksichtigt hatten. Damit verschiebt sich die Aussage von „Wie viel Gewicht liegt auf der Waage?“ zu „Wie verteilt sich Fett im Körper – und was bedeutet das metabolisch?“. Der Bauchumfang wird in diesem Kontext häufig als grober Indikator für viszerales Fett verstanden, also für Fett, das tief im Bauchraum um innere Organe liegt und mit Entzündungs- sowie Stoffwechselveränderungen wie Insulinresistenz in Verbindung gebracht wird.

Warum kann der BMI im höheren Lebensalter schlechter funktionieren? Der BMI basiert ausschließlich auf Körpergröße und -gewicht und liefert damit keine Information darüber, woraus das Gewicht besteht. Zwei Personen können exakt denselben BMI haben, obwohl die eine deutlich mehr Muskelmasse und weniger Fett besitzt, während die andere eher weniger Muskelmasse und mehr Körperfett aufweist. Mit zunehmendem Alter kommt zudem ein weiterer Effekt hinzu: Muskelmasse nimmt tendenziell ab, und auch die Körpergröße bzw. die Körperhaltung kann sich verändern. Das kann dazu führen, dass ein „normaler“ BMI trotzdem von ungünstiger Körperzusammensetzung begleitet sein kann, etwa wenn Muskel verloren geht und Fett verbleibt. Umgekehrt kann ein höherer BMI im Alter auch teilweise erhaltene fettfreie Masse widerspiegeln. Leana Wen bringt damit eine zentrale Denkweise auf den Punkt: Kennzahlen sind dann nützlich, wenn sie das messen, wofür sie als Proxy stehen – und der BMI ist für Fettverteilung und Funktionszustand nur sehr begrenzt geeignet.

Für die Praxis plädiert die Medizinerin deshalb nicht für eine einzelne Zahl, sondern für ein Mess- und Bewertungsarrangement, das mehrere Indikatoren zusammenführt. Viszerales Fett lässt sich nicht so bequem wie der BMI bestimmen, aber der Bauchumfang ist relativ einfach zu erheben. Laut Beschreibung gelingt die Messung, indem ein Maßband am Bauch zwischen Unterkante des Rippenbogens und Oberkante der Hüftknochen angelegt wird, dabei waagerecht bleibt und eng genug anliegt, jedoch die Haut nicht einschnürt. Diese Information kann dann zusammen mit BMI und weiteren Gesundheitsdaten wie Blutdruck, Blutzucker, Cholesterin und vor allem der körperlichen Leistungsfähigkeit interpretiert werden. Im gleichen Kontext wird auch die Messung von Veränderungen über die Zeit betont: Ein zunehmender Bauchumfang kann auf wachsende Fettansammlung im Bauchraum hindeuten, selbst wenn Gewicht und BMI sich kaum verändern. Umgekehrt sollte ungeplanter Gewichtsverlust immer ärztlich besprochen werden, weil er auch durch chronische Erkrankungen oder den Abbau von Muskelmasse ausgelöst werden kann.

Besonders wichtig ist dabei auch die Interpretation von Untergewicht. In der Studie lag das Sterberisiko bei untergewichtigen Personen nahe an einer Verdopplung gegenüber dem Normalbereich. Die naheliegende Erklärung: Niedriges Körpergewicht kann mit Frailty, also Gebrechlichkeit, zusammenhängen. Ältere Menschen benötigen Muskelkraft für Alltagsaktivitäten, um mobil zu bleiben und das Sturzrisiko zu senken. Wenn Gewicht sinkt, weil Muskel verloren geht, kann die Situation trotz eines BMI-Werts, der formal in „gesündere“ Bereiche rückt, medizinisch schlechter sein. Auch hier mahnt die Einordnung zur Vorsicht: Die Daten zeigen Assoziationen, nicht automatisch Ursache und Wirkung. Untergewicht kann ebenso Folge einer Erkrankung sein wie ein eigener Risikofaktor. Genau deshalb bleibt der Blick auf Funktion und Ursache-Check beim Arzt zentral.

Für die Gesundheitsplanung bedeutet das: Ältere Erwachsene sollten ihr Zielbild eher an Funktion, Leistungsfähigkeit und Muskelaufbau ausrichten als an einer abstrakten Zahl auf der Waage. Konkrete Fragen zielen deshalb auf Aktivität und Selbstständigkeit im Alltag, darauf, ob Muskelkraft erhalten bleibt, und auf die Fähigkeit, Training konsequent umzusetzen. Dazu passen Empfehlungen, die Ausdaueraktivitäten wie zügiges Gehen, Radfahren oder Schwimmen mit Krafttraining kombinieren. Ebenso wird auf eine Ernährung mit ausreichendem Proteingehalt verwiesen. Wer den eigenen Verlauf im Blick behält, sollte dabei nicht nur BMI und Gewicht dokumentieren, sondern auch den Bauchumfang und relevante Laborwerte bzw. Vitalparameter. So lässt sich besser erklären, ob Veränderungen eher mit Fettzunahme, Muskelverlust oder einem zugrunde liegenden Gesundheitsproblem zusammenhängen – und welche Stellschraube medizinisch sinnvoll ist.


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