BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – BDI und DIHK warnen im Kanzleramt-Termin vor einem Jahr mit nur 0,4% Wachstum und steigenden Insolvenzen. Der Verband fordert eine investitionsfreundliche Steuer- und Abgabenpolitik, darunter eine Deckelung der Sozialbeiträge und ein Aussetzen des Lieferkettengesetzes bis zur EU-Umsetzung. Auch die DIHK stellt Steuererhöhungen infrage und plädiert für eine flexiblere Arbeitszeitbetrachtung. Parallel rückt der Reformdruck die Debatte um Bürokratieabbau und künftige EU-Regulierung in den Fokus.

BDI und DIHK drängen auf Reformpaket: 0,4% Wachstum als Warnsignal
BDI und DIHK drängen auf Reformpaket: 0,4% Wachstum als Warnsignal (Foto: IT BOLTWISE)
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Die politische Agenda für Wirtschaft und Beschäftigung rückt spürbar enger zusammen: Als Vertreter von BDI und DIHK im Kanzleramt auf Koalitionshöhe ein Reformpaket anmahnten, stand eine nüchterne Wachstumszahl im Raum. Der BDI rechnet für das laufende Jahr nur mit 0,4% Wachstum; gleichzeitig steigen Insolvenzraten, was vor allem in den Werkhallen und Werkstätten sichtbar wird. Diese Kombination ist mehr als Statistik: Sie verändert Investitionsentscheidungen, weil Unternehmen bei unsicherer Nachfrage und steigenden Kosten kalkulieren müssen, ob sich Kapazitätserweiterungen, Digitalisierung oder Automatisierung noch amortisieren.

Technisch betrachtet betrifft der Reformdruck nicht nur die makroökonomische Konjunktur, sondern auch die betriebliche Umsetzung von Pflichten, die direkt in Prozesse und Systeme eingreifen. Wenn die Politik eine Deckelung der Sozialbeiträge auf maximal 40% fordert und den Solidaritätszuschlag vollständig abschaffen will, geht es in der Praxis um planbare Kostenstrukturen und damit um verlässliche Budgetzyklen. Ebenso spielt die Abgabenlogik der Unternehmen eine Rolle: Der BDI argumentiert, dass ohne investitionsfreundliche Steuerpolitik weiteres Tempo bei Standortentscheidungen verloren geht. Für viele Organisationen bedeutet das: weniger Spielraum für langfristige Projekte, die MLOps, ERP-Modernisierung oder industrielle KI-gestützte Qualitätskontrolle finanzieren.

Beim konkreten Gesetzespaket setzt der BDI auf eine Aussetzung des Lieferkettensorgfaltspflichtengesetzes bis zur Umsetzung der EU-Richtlinie 2029. Der Hintergrund: Compliance-Aufgaben skalieren oft nicht linear mit Unternehmensgröße, sondern mit Daten- und Lieferkettenkomplexität. Unternehmen müssen Risiken prüfen, Nachweise führen und Prozesse auditierfähig dokumentieren; das erfordert nicht nur Juristen, sondern auch saubere Datenmodelle, Workflow-Automation und Schnittstellen zu Einkauf, Logistik und Rechtsabteilung. Gleichzeitig ist der politische Timing-Punkt entscheidend, denn jede Verschiebung verändert Projektfahrpläne. In der EU verhandeln viele Firmen parallel über Standards, während Wettbewerber in Regionen mit schnelleren Genehmigungs- und Kostenpfaden investieren.

Auch die DIHK ordnet den Handlungsbedarf ein: Hauptgeschäftsführerin Helena Melnikov fordert den Verzicht auf weitere Steuererhöhungen und will die Arbeitszeit flexibler handhaben. In ihrer Argumentation wird klar, warum das für Industriebetriebe relevant ist: Zusätzliche Belastungen treffen in Phasen schwacher Auslastung genau die Bereiche, in denen man kurzfristig aufschalten oder drosseln könnte. Statt einer täglichen Höchstarbeitszeit solle eine wöchentliche Betrachtung gelten. „Ohne Entlastungen bei Steuern und Arbeitskosten wird der Mittelstand weiter bei Investitionen zögern“, brachte Melnikov den Kern der Botschaft auf den Punkt. Vergleichbar agieren viele US-Konzerne mit stärkerer operativer Flexibilisierung, während europäische Unternehmen häufig stärker in Tarif- und Planungslogik eingebunden bleiben.

Für Mittelstand und Handwerk wird der Druck besonders konkret. ZDH-Präsident Jörg Dittrich warnt davor, Betriebe weiter zu belasten, und verweist darauf, dass die Einkommensteuer faktisch zur Unternehmenssteuer werde: Gerade Personenunternehmen tragen dadurch eine Struktur, die in der Praxis wie eine zusätzliche Kostenhürde wirkt. Gefordert wird eine wirkungsgleiche Entlastung für Personenunternehmen, gekoppelt an eine generationengerechte Reform des Sozialstaats. Wenn Lohnzusatzkosten bereits an der Belastungsgrenze liegen, sinkt der Anreiz, Personal zu halten oder neue Fachkräfte auszubilden. Das wirkt unmittelbar auf Produktivität und damit auf die Fähigkeit, etwa Energieeffizienzmaßnahmen oder digitale Instandhaltung im Betrieb zu finanzieren.

Die ökonomische Lage untermauert die Forderungen mit harten Zahlen. Im ersten Halbjahr 2026 stieg die Zahl der Unternehmensinsolvenzen um 5% auf rund 5.940 Fälle. Besonders betroffen ist die Metall- und Elektroindustrie, die seit 2018 etwa 270.000 Arbeitsplätze verloren hat. Ergänzend verschärfen hohe Energiekosten die Lage: Geschätzt belasten sie Unternehmen jährlich mit 65 Milliarden Euro, was häufig zu Verlagerungsüberlegungen führt. Diese Verlagerung ist kein abstraktes Szenario, sondern ein operativer Pfad: Wo Energiepreise und Netzentgelte planbar bleiben, lohnt sich neue Produktion; wo nicht, wächst die Versuchung, Teile der Wertschöpfung ins Ausland zu verlegen. Genau dort entscheidet sich die reale Wettbewerbsfähigkeit.

Parallel läuft die politische Debatte über Bürokratieabbau. Bereits am 29. Juni legte die CDU-Fraktion ein Papier zur Standortstärkung vor: Eine dauerhafte Senkung der Energiekosten durch den Wegfall der Gasspeicherumlage sowie eine Reduzierung der Stromsteuer auf das EU-Mindestmaß stehen im Zentrum. Beim Bürokratieabbau schlägt die Fraktion außerdem eine Beweislastumkehr und ein Moratorium für neue Regulierungen vor; das Prinzip lautet, dass für jede neue Belastung zwei bestehende Regelungen gestrichen werden sollen. Solche Ansätze ändern jedoch auch die Compliance-Architektur: Unternehmen müssen ihre Governance so gestalten, dass Änderungen in Regulierung und Audit-Anforderungen schnell in Kontrollsysteme und Policies übersetzt werden können.

Der Blick auf den internationalen Vergleich zeigt, warum Timing und Investitionsquote entscheidend sind. Laut einer Analyse von McKinsey liegt die Netto-Investitionsrate in der EU bei lediglich 2% des Bruttoinlandsprodukts, während die USA 4% und China 23% erreichen. Experten empfehlen deshalb beschleunigte Genehmigungsverfahren und standardisierte Prozesse, um die Attraktivität für Investoren zu erhöhen. Aus Unternehmenssicht bedeutet das eine praktische Verschiebung: Roadmaps werden weniger von idealen Projektzeiten, sondern stärker von Genehmigungs- und Umsetzungszyklen getrieben. Gleichzeitig kommen neue Pflichten ins Spiel, etwa durch die EU-KI-Verordnung, die IT-Abteilungen bereits heute in Richtung Modell-Governance, Risikoklassifizierung und Dokumentationsprozesse zwingt. Insgesamt deutet sich an: Wer jetzt Entlastung mit verwertbaren Standards kombiniert, reduziert nicht nur Kosten, sondern kann künftig auch die Geschwindigkeit der KI-gestützten Transformation erhöhen.


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