LONDON (IT BOLTWISE) – Der Einzelhandel hat im zweiten Quartal 2023 mit Bio-Lebensmitteln einen Umsatzsprung von 3,8 Prozent erzielt. Zwischen April und Juli flossen damit 4,75 Milliarden Euro in den Bio-Bereich, trotz der insgesamt spürbaren Preissteigerungen im Lebensmittelhandel. Für das erste Halbjahr nennt die Branchenorganisation einen Gesamtumsatz von mehr als 9,6 Milliarden Euro. Besonders Vollsortimenter und Drogeriemärkte treiben die Dynamik, während der Bio-Fachhandel stagniert.

Der Bio-Markt zeigt 2023 ein Muster, das im Lebensmittelhandel selten vollständig verschwindet: Während viele Konsumkategorien mit Preisdruck und Zurückhaltung kämpfen, steigt die Zahlungsbereitschaft für als „besser“ positionierte Produkte. Im zweiten Quartal 2023 legte der Einzelhandel mit Bio-Lebensmitteln um 3,8 Prozent zu; zwischen April und Juli wurden 4,75 Milliarden Euro umgesetzt. Entscheidend ist dabei nicht nur das Wachstum, sondern auch die zeitliche Einordnung: Die Nachfrage steigt gerade in einer Phase, in der Haushalte beim Wocheneinkauf insgesamt stärker auf Budgets achten.
Im ersten Halbjahr 2023 ergibt sich daraus laut Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) ein Gesamtumsatz von mehr als 9,6 Milliarden Euro. BÖLW-Chefin Tina Andres stellte die übergreifende Konsumlogik heraus, indem sie betonte, dass Bio-Lebensmittel „auch in Krisenzeiten ganz oben auf der Einkaufsliste der Deutschen stehen“. Für Unternehmen ist dieser Hinweis mehr als eine Marketingaussage: Er deutet auf einen strukturellen Bedarf hin, der saisonale Schwankungen überlagert und sich offenbar auch dann stabil hält, wenn die allgemeine Stimmung im Handel angespannt ist.
Konkreter wird die Erklärung, wenn man die Vertriebswege auseinanderzieht. Drogeriemärkte wie dm und Rossmann haben ihre Bio-Sortimente in den letzten Jahren spürbar ausgebaut und verzeichneten bei Bio-Produkten einen Umsatzanstieg von fast 20 Prozent. Gleichzeitig liegt ihr Anteil am gesamten Bio-Lebensmittelhandel aber noch bei rund 12,5 Prozent. Diese Kombination aus starkem Wachstum und noch vergleichsweise kleiner Basis wirkt wie ein Signal für weiteres Potenzial: Wer Bio in einem Umfeld verkauft, das ohnehin stark auf Gesundheits- und Lifestyle-Themen ausgerichtet ist, kann zusätzliche Kundengruppen erschließen.
Auch die Vollsortimenter profitieren sichtbar. Rewe und Edeka erreichten im zweiten Quartal ein Umsatzwachstum von 5 Prozent bei Bio-Produkten; dahinter steht laut den vorliegenden Zahlen vor allem der Ausbau von Bio-Eigenmarken. Das ist technologisch betrachtet weniger ein „neues Produkt“, sondern ein systematischer Hebel: Eigenmarken erlauben bessere Abstimmung zwischen Einkauf, Preisstrategie und Regalplatzierung, und sie schaffen Spielräume für schnellere Sortimentstests, etwa bei Bio-Preismodellen oder bei Nischen wie pflanzenbasierten Alternativen. Gleichzeitig wird klar, dass Bio-Nachfrage in der Breite vor allem dort wächst, wo Produktpräsenz, Preisgestaltung und Verfügbarkeit eng zusammenwirken.
Warum dann der Bio-Fachhandel im gleichen Zeitraum stagniert, lässt sich aus dem Marktgefüge ableiten. Für den Bio-Fachhandel werden 0,82 Milliarden Euro Umsatz genannt, und die BÖLW führt dies auf eine insgesamt verhaltene Konsumstimmung sowie auf den Strukturwandel zurück. Verbraucher kaufen demnach zunehmend Bio-Lebensmittel in konventionellen Supermärkten oder Drogerien. Das setzt den Bio-Fachhandel unter Druck, weil dort häufig geringere Skaleneffekte entstehen und Preisvorteile schwerer zu realisieren sind. Für Betreiber heißt das: Entweder sie finden eine klar profilierte Nische in Service, Beratung oder regionaler Spezialisierung, oder sie müssen in Richtung breiterer Reichweite kooperieren.
Die Zahlen wurden gemeinsam mit der Agrarmarkt-Informationsgesellschaft (AIG) erhoben und basieren auf Daten von Yougov und NIQ Nielsen. Genau solche Datengrundlagen sind für Investoren und Entscheider in Handels- und Industrieunternehmen relevant, weil sie Marktbewegungen nicht nur als Schlagzeile liefern, sondern als Abbild von Nachfrageverhalten und Kaufintentionen. Am Ende geht es um die Frage, welche Investitionslogik sinnvoll bleibt: Wenn Drogeriemärkte mit hoher Dynamik wachsen, Vollsortimenter über Eigenmarken Skalierung erzielen und der Fachhandel Lücken spürt, verschiebt sich der Wettbewerb zunehmend von „Wer hat die Bio-Produkte?“ hin zu „Wer bringt sie passend, verfügbar und wirtschaftlich in den Einkaufsfluss?“
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