LONDON (IT BOLTWISE) – Glassnode beobachtet, dass Bitcoin-Investoren aus der Rally des vergangenen Jahres deutlich mehr Coins pro Tag verkaufen als zu jedem anderen Zeitpunkt in diesem Jahr. Besonders betroffen sind Käufer mit einer durchschnittlichen Kostenbasis um 97.000 US-Dollar und 89.000 US-Dollar, die damit weiterhin im Minus liegen. Parallel dazu kippt die Retail-Stimmung kurzfristig in den bearischen Bereich. Entscheidend soll nun ein wöchentlicher Schlusskurs über 87.500 US-Dollar sein, um eine Korrektur unter 80.000 US-Dollar abzuwenden.

Der nächste Belastungstest für Bitcoin kommt ausgerechnet aus der Gruppe, die zuletzt am stärksten vom Aufwärtsimpuls profitiert hat. Laut Glassnode verkaufen Investoren, die im Zuge der Rally des vergangenen Jahres eingestiegen sind, aktuell mehr Coins pro Tag als zu jedem anderen Zeitpunkt im bisherigen Jahresverlauf. Der Hintergrund ist weniger ein neuer Technik- oder News-Trigger, sondern ein klassischer Mechanismus entlang der Cost-Basis: Je näher der Markt an der für diese Käufergruppen maßgeblichen Verlustschwelle herankommt, desto eher steigt der Verkaufsdruck, weil ein Ausstieg ohne realen Verlust psychologisch und buchhalterisch leichter wird.
Glassnode ordnet dafür die Inhaber nach dem Zeitpunkt ihres Kaufs ein und berechnet je Kohorte eine durchschnittliche Kostenbasis. Die Zahlen wirken auf den ersten Blick abstrakt, sind aber für das Trading konkret: Käufer mit einem Zeithorizont von ein bis zwei Jahren liegen demnach im Mittel bei etwa 97.000 US-Dollar Kostenbasis. Eine zweite Gruppe, die vor sechs bis zwölf Monaten gekauft hat, kommt auf ungefähr 89.000 US-Dollar. Bei einem Kursniveau um 84.673 US-Dollar ergibt sich daraus eine klare Rechnung für das Break-even-Potenzial: Die jüngere der beiden Gruppen müsste rund 5% zulegen, die ältere sogar nahe 15%, um wieder exakt auf ihre Verlustschwelle zu kommen. Genau in dieser Distanz zwischen aktuellem Kurs und Cost-Basis verschiebt sich das Verhalten vieler Marktteilnehmer von „abwarten“ zu „jetzt zumindest teilweise sichern“.
Während diese beiden Kohorten offenbar stärker verkaufen, bleibt nicht jede Gruppe im selben Muster gefangen. Glassnode hebt hervor, dass Inhaber, die während der vorherigen Abschwungphase gekauft haben, ihre Coins derzeit nicht in nennenswertem Umfang bewegen. In der Praxis bedeutet das: Der Verkaufsdruck konzentriert sich auf wenige Zeitfenster innerhalb der Gesamtmenge, statt breit über die gesamte Inhaberbasis zu streuen. Für das Order-Book- und Liquiditätsverhalten ist das relevant, weil „gebündelte“ Verkäufe Preisbewegungen häufiger beschleunigen als ein gleichmäßiger Abfluss. Zusätzlich beschreibt die Analyse, dass Glassnode den Verkauf nicht nur als Kursreaktion, sondern als tatsächlichen Transfer von Coins zwischen Entitäten misst; dabei wird das Tagesvolumen auf einer sieben-Tage-Basis gemittelt, um kurzfristiges Rauschen auszublenden.
Auch die Chartmarken deuten auf eine kurzfristig asymmetrische Situation hin. Analyst Ted Pillows verwies auf eine Zone um 87.000 US-Dollar, die Bitcoin getestet habe und danach den gesamten Gewinn wieder abgegeben habe. Für eine nachhaltigere Erholung forderte er einen wöchentlichen Schlusskurs oberhalb von 87.500 US-Dollar und ordnete an, dass ohne dieses Bestätigungssignal eine Korrektur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit unter 80.000 US-Dollar möglich sei. Wichtig ist dabei der Unterschied: Ein „wöchentlicher Schluss“ meint den letzten Preis der Handelswoche, nicht das Intraday-Maximum. Genau dieser letzte Schritt ist oft der Filter, der entscheidet, ob Käufer über dem Marktpreis aggressiv nachziehen oder ob sich das Bild in Richtung „Sackgasse am Widerstand“ dreht.
Bemerkenswert ist zudem die Parallelität zwischen On-Chain-Daten und dem relativen Marktbild. Glassnode stellt zuvor den Punkt heraus, dass die relative Stärke von Bitcoin gegenüber dem S&P 500 wieder über 50% geklettert sei. Diese Kennzahl entspricht dem Anteil der Handelstage, an denen Bitcoin den Index outperformt. Gleichzeitig wird berichtet, dass Bitcoin im Juni nur an rund einem Fünftel der Handelstage besser abgeschnitten habe – demnach der schwächste Abschnitt innerhalb von sechs Jahren. Als Einordnung passt dazu, dass sich die Erholung nicht über einen klar steigenden Aktienmarkt erklärt, sondern eher über eine Nachfrage nach Bitcoin selbst: Die Aktienkomponente blieb in der Phase weitgehend flach, während das Momentum beim Kryptoasset wieder anziehen konnte.
Für Unternehmen und fortgeschrittene Anleger ist die Kombination aus Kostenbasis-Verteilung und Signal „wöchentlicher Schluss“ vor allem deshalb interessant, weil sie die Wahrscheinlichkeit von Marktreaktionen besser eingrenzen lässt als ein einzelner Indikator. Wenn zwei relevante Käuferkohorten gleichzeitig im Minus sind, steigt die Trefferquote für Szenarien, in denen Teilverkäufe an definierten Marken einsetzen – selbst ohne neue Schlagzeilen. Gleichzeitig zeigt das Beispiel der nicht verkaufenden Abschwungkohorte, dass nicht jede „unter Wasser“-Position automatisch verkauft wird; es gibt offenbar ein zeitliches und verhaltensbezogenes Muster, das die Liquiditätslage strukturiert. Der nächste Schritt wäre deshalb weniger, die Stimmung im Tagesrhythmus zu überschätzen, sondern die Entwicklung rund um 87.500 US-Dollar als technische Bestätigung und als möglichen Startpunkt für ein erneutes Repricing der Kostenbasen zu beobachten.
Schließlich lohnt auch ein Blick auf die längerfristige Argumentation: Willy Woo hatte in diesem Kontext eine über vier Jahre betrachtete Investmentphase als historisch stark beschrieben, in der Bitcoin laut seiner Darstellung selbst dann nicht von Aktien „geschlagen“ worden sei, wenn man zu einem Zeitpunkt am oberen Ende eingestiegen wäre. Er nannte dabei eine Vierjahres-Compound-Annual-Growth-Rate von 42% für Bitcoin gegenüber 19% für den S&P 500. Das ersetzt zwar keine kurzfristige Risikoanalyse, bietet aber den Rahmen, in dem Marktteilnehmer kurzfristige Volatilität einordnen: On-Chain verkauft in der Gegenwart an klaren Schwellen, während die langfristige Debatte stärker über die Renditepfade und nicht über einzelne Wochen entscheidet. Genau zwischen diesen Zeithorizonten wird sich entscheiden, ob der Markt in den nächsten Handelstagen nur Luft holt – oder ob die Abwärtsbewegung aus dem Kostenbasis-„Unterwasserhandel“ neue Dynamik gewinnt.
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