LONDON (IT BOLTWISE) – Bitcoin-Miner tauschen im Umfeld steigender Stromknappheit teilweise ihren Schwerpunkt: statt nur Coins zu produzieren, vermieten sie Rechenleistung und Standorte für KI- und HPC-Kunden. Laut CoinShares lagen die durchschnittlichen Cash-Kosten pro erzeugtem Bitcoin im zweiten Quartal 2026 bei rund 75.500 US-Dollar, während der Bitcoin-Kurs im Juni bei 58.400 US-Dollar schloss. Das drückt Minen-Aktien unter die Gewinnschwelle und macht vorhandene Stromanschlüsse zu einem knappen Asset. Gleichzeitig zeigen Datenzentrums- und Chip-Strategien bei ETFs wie WGMI, wie stark sich Anleger in den Energiesektor umorientieren.

Bitcoin-Miner setzen auf KI und HPC: Strom wird zur neuen Währung
Bitcoin-Miner setzen auf KI und HPC: Strom wird zur neuen Währung (Foto: IT BOLTWISE)
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Der finanzielle Anreiz für klassische Bitcoin-Mining-Geschäfte gerät zunehmend unter Druck, weil Strom – nicht die Rechenleistung an sich – zur eigentlichen Engstelle wird. CoinShares beziffert die durchschnittlichen Cash-Kosten, die Miner im zweiten Quartal 2026 aufwenden mussten, um einen Bitcoin zu erzeugen, mit etwa 75.500 US-Dollar. Dem stand ein Schlusskurs von 58.400 US-Dollar zum Ende des Monats Juni gegenüber. Diese Lücke erklärt, warum öffentlich gehandelte Mining-Unternehmen als Gruppe unter ihren Cash-Break-Even rutschen, sobald der Marktpreis nicht schnell genug anzieht. Wichtig ist dabei die Definition: Cash-Kosten umfassen vor allem laufende Ausgaben wie Strom, Personal und Zinsaufwendungen, während eine mögliche Abnutzung der Mining-Ausrüstung nicht vollständig darin enthalten ist.

Was auf den ersten Blick wie ein Kursproblem wirkt, ist in der Tiefe auch ein Infrastrukturproblem. Der Bericht beschreibt, dass Verzögerungen im Stromnetz und staatliche Restriktionen dazu führen, dass bestehende Stromverbindungen für KI- und Rechenzentrumsstandorte knapper werden. Damit verschiebt sich der Wert von der reinen Fähigkeit, Kryptohashes zu berechnen, hin zur Fähigkeit, Leistung verlässlich ins Netz zu bekommen. In diesem Umfeld mieten viele Miner ihre Power-Sites um – nicht nur als „Standort“, sondern als Leistungspaket für Hochleistungsrechnen (HPC) und KI-Workloads. CoinShares schätzt dabei, dass KI-Computing pro Megawatt jährlich etwa 1,5 Millionen US-Dollar an Gewinn erwirtschaftet, während Mining nur auf rund 0,5 Millionen US-Dollar pro Megawatt kommt.

Die Folge zeigt sich auch in der Bewertungslogik von Kapitalmärkten. Laut CoinShares handeln Unternehmen mit bereits unterzeichneten KI- oder HPC-Verträgen im Schnitt das 12,9-Fache der erwarteten Umsätze für das nächste Jahr. Miner ohne solche Verträge kommen dagegen im Mittel nur auf den Faktor 3,7. Anders formuliert: Der Markt preist die Planbarkeit künftiger Cashflows deutlich höher ein als die reine Hash-Story. Für Investoren bedeutet das, dass „Mining-Aktie“ als Kategorie weniger einheitlich wird: Wer heute Anteile an einem Minersetup hält, hält je nach Vertragslage auch einen indirekten Wetteinsatz auf Energiezugang und Rechenzentrumsnachfrage. Daneben bleibt die Dynamik der ETF-Strukturen relevant, weil sie diese Verschiebung in die Portfolios transportieren.

Bei der ETF-Landschaft ist ein besonders konkreter Punkt die Einordnung von WGMI. Der CoinShares Bitcoin Mining and Digital Power ETF bündelt nach Berichtslage mehrere Spieler, die nicht nur Bergbau, sondern zunehmend auch Energie- und Rechenzentrumsaspekte adressieren. Acht der im Bericht genannten 12 Unternehmen tauchten Ende September in den Top-10-Positionen von WGMI auf, und am 18. August wurde die Anlagestrategie erweitert: Seitdem sollen auch Datenzentrumsbetreiber, KI-Chiphersteller, Stromerzeuger und HPC-Anbieter berücksichtigt werden. Das ETF hält jedoch laut CoinShares keinen Bitcoin direkt. Ende September wies WGMI Vermögenswerte von 291,5 Millionen US-Dollar aus, die Kostenquote lag bei 0,75%. Für den Markt ist diese Konstruktion ein Indikator dafür, dass „digitale Stromleistung“ als Thema Investment-Charakter bekommt – unabhängig davon, ob die ursprüngliche Story im Mining begonnen hat.

Technisch und regulatorisch verschärft sich der Druck durch die Netz-Realität in den USA. CoinShares nennt mindestens 151 Restriktionen für die Entwicklung von Rechenzentren, die dort fortbestehen. Als Beispiel führt der Bericht an, dass New York im Juli erstmals landesweit eine Pause bei Genehmigungen für große Datenzentren eingeführt hat. Parallel warten Projektskizzen mit zusammen etwa 2.600 Gigawatt darauf, ans US-Stromnetz angeschlossen zu werden. Diese Größenordnung entspricht grob dem Doppelten der installierten Kapazität des Netzes. Wenn so viel Leistung „in der Pipeline“ hängt, steigen zwangsläufig die Preise für Standorte, die bereits ans Netz angeschlossen oder kurz davor sind.

Genau in diesem Umfeld entstehen auch Deals, die den Werte-Umbau sichtbar machen. CoinShares nennt ein Beispiel: Ein 3,5-Milliarden-US-Dollar-Deal für drei gemietete KI-Einrichtungen in Northern Virginia entsprach rund 27 Millionen US-Dollar pro Megawatt. Zum Vergleich bewertet der Markt manche börsennotierte Miner-Standorte, die zwar Stromkapazität bereitstellen, aber noch nicht vermietet sind, mit weniger als 3 Millionen US-Dollar pro Megawatt. In der Praxis bedeutet das: Sobald ein Standort nicht nur „hat“, sondern auch einen vertraglich fixierten Abnehmer „bekommt“, ändert sich die Preiswahrnehmung abrupt. Bei einzelnen Unternehmen wird die Umstellung zusätzlich durch Ausstiegs- und Anpassungsentscheidungen begleitet, etwa wenn Core Scientific 41,9 Millionen US-Dollar zahlt, um eine Bestellung für nächste Mining-Chipgenerationen zu stornieren, oder wenn Keel Infrastructure laut Bericht am 29. Juni das Mining beendet hat und damit ab dem dritten Quartal ohne Mining-Umsatz auskommt. Selbst bei Cloud-Spielern sieht der Bericht Umsatzverschiebungen: Bei IREN Ltd. lag das KI-Cloud-Geschäft im Berichtszeitraum erstmals über dem Mining-Ergebnis.

Unter dem Strich zeigt der Bericht weniger eine kurzfristige Mode als eine strukturelle Neubewertung von Minern. Viele der KI-Verträge sind zwar bereits angekündigt oder offengelegt, kommen aber laut CoinShares zeitlich noch nicht vollständig in den Umsatz – etwa wenn mehr als 100 Milliarden US-Dollar an ausgewiesenen Verträgen nur einen Bruchteil davon an jährlichen KI- und HPC-Umsätzen abdecken. Entscheidend ist deshalb die Übergangsphase: Wie schnell können Standorte von Mining auf KI-Workloads umgestellt werden, und wie robust sind die Stromkonditionen gegenüber Netzengpässen? Für Betreiber und Investoren rückt damit ein operatives Thema in den Vordergrund, das früher oft nur „Kostenfaktor“ war: Energie als knappes Gut, dessen Verfügbarkeit und Vertragsstruktur die Wertschöpfung in den nächsten Jahren maßgeblich bestimmen kann.


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