LONDON (IT BOLTWISE) – Die US-Bank of America bekräftigt ihre Kaufempfehlung für NVIDIA und stuft den Chipkonzern als Top-Pick der Branche ein. Im Fokus stehen laut Analysten die Erwartung einer neuen Aufwärtsdynamik mit der kommenden Vera-Rubin-Chipgeneration. Gleichzeitig sollen Sorgen um steigende Speicherkosten und komplexe Partner-Finanzierungen weniger Druck auf die Margen ausüben als am Markt befürchtet. Entscheidend wird aus Analystensicht vor allem die nächste Zahlenrunde zum zweiten Quartal am 26. August.

Die Diskussion um die Bewertung von NVIDIA erhält frischen Treibstoff von der Wall Street: Die Bank of America hat ihre Kaufempfehlung für den Chipkonzern bekräftigt und dabei ein Kursziel von 350 US-Dollar genannt. In der Argumentation taucht ein klares Muster auf, das auch in der kurzfristigen Chart-Realität der vergangenen Monate spürbar ist: Während der Markt an mehreren Stellen über Kosten- und Finanzierungsrisiken für die nächste Chipgeneration spekuliert, sehen die Analysten die Aktie im Vergleich zu ihren Gewinnschätzungen weiterhin unter Preis gesetzt. Genau dieser Abstand spielt in der Praxis oft eine Rolle, weil er den Aktienkurs bei jeder positiven Abweichung von Unternehmensprognosen schneller nach oben ziehen kann.
Als Bewertungsanker nennen die Analysten das 16-Fache des für 2027 geschätzten Gewinns je Aktie. Damit positionieren sie NVIDIA so günstig wie seit zehn Jahren nicht mehr – und verknüpfen diese Einschätzung unmittelbar mit der erwarteten Nachfrage nach KI-Technologie. Technisch knüpft das Argument an einen möglichen mehrquartaligen Aufwärtszyklus an: Laut Bank of America soll dieser einsetzen, sobald die Auslieferungen der neuen Vera-Rubin-Chipgeneration anlaufen. Für die Planbarkeit im operativen Geschäft ist das wichtig, weil GPU-Lieferungen üblicherweise die Kapazitäts- und Budgetzyklen in Rechenzentren vorstrukturieren; sobald ein neuer Wellenplan der Hardware durchläuft, verschiebt sich die Umsatzkurve häufig nicht nur einmal, sondern über mehrere Quartale.
Konkrete Zahlen untermauern die Erwartungen. Für das zweite Geschäftsquartal rechnen die Analysten mit einem Umsatz von 94 bis 95 Milliarden US-Dollar – also über den 91 Milliarden US-Dollar, die NVIDIA selbst in Aussicht gestellt hatte. Für das dritte Quartal erwartet die Bank of America 107 bis 108 Milliarden US-Dollar; das liegt deutlich über dem Marktkonsens von rund 104 Milliarden US-Dollar. Das passt zu einem zweiten Signal, das in der Nachricht ebenfalls steckt: Im ersten Quartal des Geschäftsjahres 2027, das am 26. April 2026 endete, meldete NVIDIA einen Rekordumsatz von 81,6 Milliarden US-Dollar. Der Bericht nennt dabei außerdem ein Plus von 20 Prozent zum Vorquartal und 85 Prozent zum Vorjahr, womit die Ausgangsbasis für weitere Steigerungen sichtbar bleibt.
Besonders technisch wird es bei den zwei Sorgen, die an der Wall Street herumgereicht werden. Erstens geht es um steigende Speicherkosten, die auf die Hardware-Margen drücken könnten. Zweitens geht es um zirkuläre Finanzierungskonstruktionen, bei denen Chiphersteller ihre eigenen Kunden finanzieren. Die Bank of America entgegnet beiden Punkten mit konkreten Größenordnungen: Den Margen-Gegenwind durch Speicherkosten für die kommenden Vera-Rubin-Systeme beziffert sie mit rund 60 Basispunkten. Außerdem heißt es, dass NVIDIA über dynamische Preissetzung und bevorzugte Lieferbeziehungen – explizit wird dabei SK hynix genannt – vergleichsweise gut abgesichert sei. Auf Rack-Ebene sollen Speicherkosten 12,7 Prozent des Gesamtpreises ausmachen, während sich die Bruttomarge mittelfristig in einer Spanne von 73 bis 74 Prozent einpendeln könne, nach rund 75 Prozent im ersten Quartal des Geschäftsjahres 2027.
Auch der zweite Komplex, also die Finanzierung von Partnern, wird mit einer quantitativen Sicht verknüpft. Die Analysten beziffern direkte Beteiligungen NVIDIAs auf rund 70 Milliarden US-Dollar. Darin enthalten seien 30 Milliarden US-Dollar für OpenAI und bis zu 10 Milliarden US-Dollar für Anthropic. Diese Summe ordnet die Bank in Relation zu den freien Cashflows der nächsten zwei Jahre ein: 15 Prozent der erwarteten freien Cashflows von rund 470 Milliarden US-Dollar. Daneben wird eine separat gemeldete Bürgschaft über 250 Milliarden US-Dollar für die Anmietung eines 10-Gigawatt-Campus von SoftBank Energy in Ohio durch OpenAI als nachrangige, bedingte Garantie eingestuft. Der Punkt dahinter ist weniger das einzelne Instrument als die Einordnung im Cashflow-Profil: Aus Sicht der Bank fällt diese Garantie nicht wie ein unmittelbarer Kapitalabfluss ins Gewicht, sondern sei strukturell mit üblichen Projektfinanzierungen vergleichbar.
Für die Marktdynamik bis 2030 verweist die Bank of America auf beobachtbare Mietpreise für GPUs nahe Rekordniveaus. In der Nachricht heißt es, dass für B200-Chips 5,66 US-Dollar pro Stunde angesetzt würden. Aus diesen Rahmenbedingungen leiten die Analysten eine Zielspanne für den Marktanteil ab: Bis 2030 erwarten sie 65 bis 70 Prozent im breiteren Markt für KI-Beschleuniger. Gleichzeitig soll die Ertragskraft je Aktie bis dahin auf über 25 US-Dollar steigen. Solche Projektionen sind für Entscheider relevant, weil sie die Frage beantworten, ob die aktuelle Investitionswelle in KI-Rechenzentren eher ein Zyklus-Boost oder eine länger tragfähige Effizienz-Story ist.
Dass diese Argumentation in der kurzfristigen Kurswahrnehmung ankommt, zeigt der Blick auf die Aktie selbst. Für das laufende Jahr 2026 wird eine starke Performance beschrieben: Am Freitag schloss der Titel an der NASDAQ bei 223,96 US-Dollar, was seit Jahresbeginn rund 20 Prozent entspricht. Zur Einordnung wird genannt, dass der S&P 500 im gleichen Zeitraum nur etwa 13 Prozent zugelegt habe. Gleichzeitig bleibt laut Bank of America das Upside-Gebot der eigenen Einschätzung groß: Ausgehend vom Kursziel sehen die Analysten ein Kurspotenzial von 56 Prozent. Für den nächsten Realitätscheck steht bereits ein konkretes Datum im Raum: Am 26. August legt NVIDIA die tatsächlichen Zahlen für das zweite Geschäftsquartal vor. Für den Markt geht es dann darum, ob die erwartete Übererfüllung der Prognosen tatsächlich eintritt – denn genau solche Abweichungen entscheiden in Phasen hoher Erwartungen häufig darüber, ob sich die Bewertung ausweitet oder die Fantasie zunächst abkühlt.
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