BONN / LONDON (IT BOLTWISE) – Der BUND fordert einen nationalen Plan für Wasserknappheit und kritisiert, die Debatte auf die wirtschaftlichen Folgen niedriger Wasserstände für die Schifffahrt zu verengen. Vor einem Spitzentreffen mit Wirtschaftsverbänden und dem neuen Bundesverkehrsminister Steffen Bilger mahnt der Verband, den Schutz der Flüsse sowie der Trinkwasserressourcen in den Mittelpunkt zu stellen. Als Teil der Lösung nennt der BUND Nordrhein-Westfalen Schwammlandschaften, Renaturierung von Flüssen und Auen sowie einen sparsameren Umgang mit Wasser. Außerdem müsse die Trinkwasserversorgung bei Nutzungskonflikten Priorität haben.

BUND fordert nationalen Plan gegen Wasserknappheit statt Fokus auf Binnenschifffahrt
BUND fordert nationalen Plan gegen Wasserknappheit statt Fokus auf Binnenschifffahrt (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Debatte um Wasserknappheit bekommt in Deutschland einen neuen Schwerpunkt: Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) verlangt einen nationalen Plan, der nicht nur auf kurzfristige Folgen für einzelne Sektoren schaut, sondern die Wasserpolitik grundlegend neu ausrichtet. In Bonn fordert der BUND NRW dabei ausdrücklich, dass die Konferenz vor dem Spitzentreffen von Wirtschaftsverbänden mit dem neuen Bundesverkehrsminister Steffen Bilger nicht zum reinen „Schifffahrts-Thema“ werden darf. Aus Sicht des Verbandes ist die aktuelle Niedrigwasserlage zu eng gefasst, wenn sie vor allem als Logistikproblem verstanden wird.

Technisch betrachtet hängt die Verfügbarkeit von Wasser in Flusseinzugsgebieten nicht nur vom Niedrigstand selbst ab, sondern davon, wie viel Niederschlag vor Ort gespeichert werden kann und wie schnell er wieder ins Gewässer gelangt. Der BUND nennt dafür konkrete Instrumente: sogenannte Schwammlandschaften, die große Mengen Regenwasser aufnehmen, speichern und in Trockenperioden verzögert abgeben können. Dieser Ansatz zielt auf eine „Pufferfunktion“ im Landschaftssystem, die deutlich weiter reicht als das reine Reagieren auf Pegelstände. Ergänzend fordert der Verband die Renaturierung von Flüssen und Auen, weil natürliche Auen als Speicher- und Abflusszonen bei Hoch- und Niedrigwasser eine zentrale Rolle spielen.

Gleichzeitig macht der BUND in der Argumentation klar, dass Nutzungskonflikte nicht nach dem lautesten Wirtschaftsinteresse entschieden werden dürfen. Bei Zielkonflikten müsse die Trinkwasserversorgung Vorrang vor wirtschaftlichen Einzelinteressen haben, heißt es in der Mitteilung. Das ist mehr als ein politischer Appell, denn Trinkwasser entsteht in der Praxis oft aus Einträgen und Übergängen, die im Flächenmanagement mitentschieden werden: weniger Speicherfähigkeit, mehr Abfluss in Trockenphasen und stärkere Konzentration von Belastungen erhöhen den Druck auf Aufbereitung und Versorgungssicherheit. Mit Blick auf die Binnenschifffahrt formuliert der Verband daher auch eine klare Umkehr der Perspektive: nicht die Natur dem Verkehr anpassen, sondern den Güterverkehr an die realen Flussbedingungen.

Für den Güterverkehr nennt der BUND einen weiteren Hebel, der vor allem organisatorisch wirkt: Der Güterverkehr sei stärker auf die Schiene sowie auf Schiffstypen zu verlagern, die für Niedrigwasser geeignet seien. Damit beschreibt der Verband keine einzelne Maßnahme, sondern eine Strategie, die Betriebs- und Flottenentscheidungen mit Wasserregimen verknüpft. Gerade bei Niedrigwasser sind Restriktionen wie Fahrwassertiefen, Zeitfenster und Umschlagsketten entscheidend; wenn diese Faktoren dauerhaft variabler werden, verschiebt sich der Planungsaufwand in Richtung Szenarien und Flexibilität. Für Unternehmen bedeutet das, dass Investitionen in Transporte nicht isoliert nach heutigen Bedingungen, sondern entlang realistischer Zukunftsprofile für Wasserstände bewertet werden müssen.

Politisch ist die Forderung nach einem nationalen Plan auch deshalb brisant, weil Wasserknappheit in vielen Regionen zugleich Umwelt-, Infrastruktur- und Gesundheitsfragen berührt. Der BUND stellt dabei „mehr“ als Schifffahrt in den Vordergrund und verweist auf den Rhein als Lebensraum sowie auf seine Bedeutung als wichtigste Trinkwasserquelle für Millionen Menschen. In dieser Logik ist der Fluss nicht nur eine Verkehrsader, sondern ein Ökosystem mit Funktionen für Artenvielfalt und Wasserhaushalt. Genau deshalb kritisiert der Verband, dass man sich angesichts des Niedrigwassers vor allem um die Schifffahrt kümmern wolle.

Als historischer Hintergrund lässt sich ergänzen, dass Deutschland in der Wasserwirtschaft über Jahrzehnte häufig stärker auf den Schutz vor Hochwasser als auf den Umgang mit länger anhaltenden Trockenphasen fokussierte. Niedrigwasserereignisse wurden zwar immer wieder beobachtet, doch die Kombination aus trockenen Vegetationsphasen, geringeren Abflüssen und höheren Anforderungen an die Wassernutzung erzeugt inzwischen einen anderen Planungsdruck. Der BUND argumentiert im Kern dafür, diesen Druck mit einem national abgestimmten Rahmen zu beantworten, der Speicherfähigkeit der Landschaft, Renaturierung sowie priorisierte Wasserverwendung als zusammenhängende Bausteine behandelt. Das betrifft nicht nur Umweltbehörden und Wasserwerke, sondern ebenso Kommunen, Flächennutzer und Betreiber von Infrastrukturen, die mit Flüssen wirtschaften.

Für die nächsten Schritte dürfte entscheidend sein, wie der national formulierte „Plan für Wasserknappheit“ in messbare Programme übersetzt wird: Welche Flächen werden für Schwammlandschaften bereitgestellt, welche Renaturierungsmaßnahmen bekommen Priorität, und wie werden Zielkonflikte zwischen Trinkwasser, Naturschutz und Verkehrskapazitäten entschieden? Der BUND liefert dafür bereits eine Leitlinie, indem er die Trinkwasserversorgung und den Erhalt der Natur als Vorrang benennt und Anpassung von Transporten fordert. Wenn Politik und Wirtschaft diese Logik übernehmen, verschiebt sich der Schwerpunkt von reinen Reaktionsmechanismen auf dauerhafte Anpassung in Planung, Bau und Betriebsprozessen. Gleichzeitig bleibt offen, wie schnell und in welchem Umfang sich die geforderten Maßnahmen in bestehenden Zuständigkeiten und Budgets konkret durchsetzen lassen.


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