LONDON (IT BOLTWISE) – Seit dem 1. Januar 2026 gilt das CO₂-Grenzausgleichssystem (CBAM) auch für Aluminium in Europa, und die ersten Preissignale werden sichtbar. Obwohl der Preis für CBAM-Zertifikate in den ersten beiden Quartalen 2026 nahezu stabil blieb, verschieben sich die Mehrkosten der Importeure durch Übergangsregeln zunächst in engen Grenzen. Für nachhaltige Produzenten entsteht allerdings ein Risiko: Durch die noch fehlende vollständige Berücksichtigung indirekter Emissionen und durch „Resource Shuffling“ bleiben Vorteile oft aus. Parallel rückt die EU-Kommission mit neuen Gebührenplänen und möglichen Verlängerungen von ETS-Kostenentlastungen die Weichen für die Dekarbonisierung bis 2038 neu.

Seit dem 1. Januar 2026 ist das CO₂-Grenzausgleichssystem (CBAM) in der EU in Kraft, und beim Aluminiummarkt zeigt sich früh, wie stark ein scheinbar „kleiner“ Übergangseffekt in die Kalkulation von Importeuren hineinwirkt. In den ersten beiden Quartalen 2026 bewegten sich die Preise für CBAM-Zertifikate laut den vorliegenden Marktdaten auf einem stabilen Niveau: Im ersten Quartal lag der Preis bei 75,36 Euro pro Tonne CO₂-Äquivalent, im zweiten Quartal sank er nur leicht auf 75,28 Euro. Diese Stabilität ist wichtig, weil sie erklärt, warum sich die Mehrbelastung zunächst nicht als sprunghafte Kostenschockwirkung zeigt, sondern als präziser Aufschlag auf die Importpreise.
Für die konkrete Größenordnung der Mehrkosten ist entscheidend, dass 2026 noch nicht der volle Faktor angesetzt wird: Es wird lediglich ein Faktor von 2,5 Prozent verwendet, und zudem zählen für die Berechnung zunächst ausschließliche direkte Emissionen. Daraus ergeben sich für Aluminiumimporte rechnerisch geschätzte Zusatzkosten von 6 bis 8 Euro pro Tonne. In Relation zum „laufenden“ Marktpreis entspricht das rund 0,3 Prozent – also einem Wert, der in vielen Beschaffungsstrategien eher als erwartbarer Kostenbestandteil denn als unmittelbarer Verdrängungshebel wirkt. Gleichzeitig entsteht aber genau daraus die zweite, paradoxe Ebene: Weil indirekte Emissionen aus der Stromerzeugung noch nicht vollständig in die Bilanz einfließen, profitieren Produzenten mit kohlebasiertem Strom teils stärker, als man es aus dem Zielbild „Emissionsreduktion“ ableiten würde.
Diese Lücke führt in der Praxis zu Verschiebungen entlang der Lieferketten. In der Quelle wird beschrieben, dass große Multi-Asset-Konzerne „Resource Shuffling“ nutzen: Sie exportieren emissionsarme Bestände in die EU, während kohlenstoffintensive Produktion in andere Märkte umgeleitet wird. Für nachhaltige Produzenten ergibt sich dadurch ein strukturelles Problem: Selbst wenn deren Emissionsprofil faktisch besser ist, sehen sie im Preis oft nur geringe oder keine Vorteile, weil der Handel kurzfristig über Bilanzierung und Bestandssteuerung „optimiert“ wird. Der Effekt ist weniger ein technisches Detail als ein Marktmechanismus: Solange die Systemlogik nicht die relevanten Emissionsanteile über alle Produktionsbedingungen hinweg abbildet, bleibt der Anreiz, tatsächlich Dekarbonisierung in der gesamten Anlage- und Energieinfrastruktur umzusetzen, gedämpft.
Während die Übergangsphase die unmittelbaren Kosten begrenzt, verschiebt die EU-Kommission parallel die strategische Planung für die Zukunft. Ein Vorschlag vom 17. Juli 2026 sieht vor, die kostenlosen ETS-Zertifikate für CBAM-geschützte Sektoren bis 2038 zu verlängern; ursprünglich war ein Auslaufen bis 2034 geplant. Zentral ist die Kopplung an Investitionsanforderungen: Ab 2031 sollen Unternehmen konkrete Investitionspläne zur Dekarbonisierung vorlegen. Zur Finanzierung der Umstellung wird außerdem eine „Industrial Decarbonisation Bank“ mit einem Volumen von 100 Milliarden Euro angekündigt. Gerade dieser Mix aus längerer Entlastung und mehr Berichtspflichten trifft jedoch auf Skepsis: Branchenverbände wie EUROFER sehen eine vollständige Dekarbonisierung bis Anfang der 2030er-Jahre ohne wettbewerbsfähigen grünen Strom und Wasserstoff als unrealistisch an; zudem wird in der Quelle erwähnt, dass große Marktteilnehmer erste Projekte zur Direktreduktion von Eisen in Europa verzögert haben.
Die wirtschaftliche Gemengelage verschärft sich, sobald man Recycling als eigenen Hebel betrachtet. Der internationale Recyclingverband BIR drängt auf eine stärkere Einbindung der Kreislaufwirtschaft, weil neue Herkunftsregeln und die Reduktion zollfreier Kontingente die Branche belasten. Beispielhaft wird für Stahlimporte die „Melt and Pour“-Vorschrift genannt, die seit dem 1. Juli 2026 gilt, sowie die Folgen bei Überschreitung von Quoten: Dann drohen Zölle von bis zu 50 Prozent. Besonders deutlich wird der Druck im Fall ukrainischer Metallurgie, wo Schätzungen zufolge die Exporteinnahmen 2026 um mehr als 1,1 Milliarden US-Dollar sinken könnten; rund 400 bis 450 Millionen US-Dollar davon würden auf CBAM entfallen. Zusätzlich erschweren steigende Logistik- und Stromtarife im Inland den Wettbewerb gegenüber Produzenten aus China oder der Türkei.
Damit ist der zweite große Themenblock abgedeckt: administrative Kosten und Umsetzungsaufwand. In der Quelle kritisiert die Industrie Pläne, eine Bearbeitungsgebühr von 0,05 Euro pro CBAM-Zertifikat einzuführen. Bei einem erwarteten Emissionsvolumen von 440 Millionen Tonnen CO₂ entspräche das grob jährlichen Mehreinnahmen von rund 22 Millionen Euro – und damit einem Vielfachen der üblichen Börsengebühren, was insbesondere für volumenstarke Akteure relevant wird. Für kleinere und mittlere Unternehmen kommen zusätzliche Belastungen hinzu: unflexible Rückkaufsregeln und lange Bearbeitungszeiten von bis zu 42 Tagen sollen den operativen Takt bremsen. Die öffentliche Konsultation zu den Plänen läuft noch bis zum 6. August 2026, was zumindest zeitlich Spielraum für Anpassungswünsche lässt.
Technisch und organisatorisch schreitet die Umsetzung von CBAM ebenfalls voran, und hier zeigen sich die nächsten Engpässe: 24 benannte nationale Akkreditierungsstellen werden adressiert, von denen elf bereits einsatzbereit sind. Erste akkreditierte Verifizierer für Emissionsberichte werden ab September 2026 erwartet; die Kosten für Verifizierung werden je nach Unternehmensgröße in der Quelle mit 5.000 bis über 150.000 Euro beziffert. Genau diese Bandbreite ist für die Marktdynamik entscheidend, weil sie bestimmt, ab welcher Unternehmensgröße sich Daten- und Compliance-Prozesse „lohnend“ industrialisieren lassen. Für Unternehmen heißt das in der Praxis: Jetzt ist weniger die Frage, ob CBAM kommt – sondern wie schnell sich Mess-, Daten- und Verifizierungsprozesse so aufsetzen lassen, dass die kommenden Stufen nicht zu einem zusätzlichen Wettbewerbsnachteil werden.
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