LONDON (IT BOLTWISE) – Der „Certified EV Battery Report“ wertet mehr als 500.000 Batterietests aus und zeigt, wie stark der State of Health (SoH) gebrauchter E-Autobatterien tatsächlich mit der Laufleistung sinkt. Die Ergebnisse bestätigen zwar den allgemeinen Trend zu weniger Kapazität, liefern aber gleichzeitig große Unterschiede zwischen Baureihen und selbst innerhalb einzelner Modellreihen. Für den Gebrauchtwagenkauf empfiehlt Aviloo deshalb eine direkte Akku-Diagnose statt nur auf Kilometerstand oder Systemeinstellungen zu vertrauen. Außerdem geben Experten konkrete Hinweise, wie sich mit 80-Prozent-Strategie, Tiefentladungen vermeiden und moderatem Laden die Alterung bremsen lässt.

Wer heute einen gebrauchten Stromer kauft, steht beim Akku oft vor zwei widersprüchlichen Erwartungen: Einerseits sollen die Batterien möglichst lange halten, andererseits wirkt die Reichweite im Alltag manchmal schon nach wenigen Jahren „gefühlt“ geringer. Der neue „Certified EV Battery Report“, veröffentlicht vom österreichischen Batteriediagnose-Spezialisten Aviloo, setzt hier bei einer Frage an, die sich mit pauschalen Annahmen kaum seriös beantworten lässt: Wie verändert sich der State of Health (SoH) tatsächlich über Laufleistungen hinweg – und wie stark streuen die Werte zwischen einzelnen Fahrzeugen?
Für die erste Ausgabe hat Aviloo nach eigenen Angaben mehr als 500.000 Batterietests ausgewertet, die zwischen 2022 und 2026 an 20 gängigen E-Auto-Modellen durchgeführt wurden. Die Stichprobe erstreckt sich auf Nord- und Südamerika, Europa, Australien und Asien; untersucht wurde dabei nicht „irgendein“ Leistungswert, sondern der SoH als Verhältnis der noch vorhandenen nutzbaren Kapazität zur Kapazität im Neuzustand. Betrachtet wurden drei typische Belastungsstufen: 50.000, 100.000 und 150.000 Kilometer. Damit lässt sich die Alterung nicht nur als einzelne Zahl betrachten, sondern als Verlauf über mehrere Lebensabschnitte.
Im Kern zeigt die Auswertung ein grundsätzlich positives Bild: Im Durchschnitt sinkt der SoH mit steigender Laufleistung. Gleichzeitig liegen die untersuchten Akkus auch bei hohen Laufleistungen meist deutlich über den typischen Garantiegrenzen der Hersteller. Diese Garantien sehen in der Regel nach acht Jahren oder 160.000 Kilometern noch mindestens 70 Prozent der ursprünglichen Kapazität vor. Für Käufer ist allerdings entscheidend, dass „im Durchschnitt“ nicht gleich „für das konkrete Auto“ bedeutet: Die Werte streuen innerhalb einzelner Modellreihen teils erheblich, und schon bei einer Baureihe wie dem Mercedes EQA, die in der Untersuchung mit vergleichsweise geringer Degradation auffällt, können einzelne Fahrzeuge bei gleicher Laufleistung spürbar auseinanderliegen.
Die größten Unterschiede macht der Report an konkreten Beispielen sichtbar. Beim Hyundai Ioniq 5 mit 72,6-kWh-Akku sinkt der mediane SoH von 97,2 Prozent (50.000 Kilometer) auf 92,8 Prozent (150.000 Kilometer). Ähnlich robust zeigt sich der VW ID.4 mit 77-kWh-Batterie, dessen Wert von 95,3 auf 90,6 Prozent zurückgeht. Auch das Tesla Model Y (78,8 kWh) bleibt in dieser Auswahl relativ stabil: 94,5 Prozent nach 50.000 Kilometern und 90,3 Prozent nach 150.000 Kilometern. Deutlich stärker altert dagegen der Nissan Leaf ZE1 mit 40-kWh-Akku: Sein medianer SoH liegt bei 91,1 Prozent nach 50.000 Kilometern, fällt auf 86,3 Prozent nach 150.000 Kilometern und zeigt zugleich die größte Streuung innerhalb der vier Vergleichsmodelle – mit einer Differenz zwischen besonders gut und besonders schlecht erhaltenen Akkus von bis zu 13,5 Prozentpunkten.
Dass kleinere Akkus tendenziell schlechter abschneiden, führt Aviloo unter anderem auf mehr Ladezyklen bei gleicher Fahrleistung zurück. Auch klimatische Bedingungen und das Ladeverhalten spielen eine Rolle, weil sie Temperatur und chemische Belastung über die Lebenszeit beeinflussen. Ein weiterer Punkt, der für den Markt praktisch ist: Der Report zeigt Muster, aber liefert keine „Rangliste“. Aviloo bezeichnet die vier Beispiele explizit als Auswahl aus insgesamt 20 untersuchten Baureihen. Genau deshalb kann der Kaufprozess nicht nur über Kennzahlen wie Baujahr, Kilometerstand oder über die Anzeige des Batteriemanagementsystems laufen, die im Zweifel nur indirekt informieren.
Für die Praxis im Gebrauchtwagenkauf empfiehlt Aviloo, den Akku unabhängig prüfen zu lassen. Die Ermittlung des SoH erfolgt über einen rund dreiminütigen Test über die OBD-Schnittstelle; anschließend berechnet das Unternehmen den SoH anhand verschiedener Fahrzeug- und Batteriedaten. Ergänzend dazu ordnet TÜV Thüringen in Person von Fahrzeugexperte Marcel Schauffler die typischen „Akkupflege“-Hebel ein: Für die meisten Alltagsszenarien reichen 80 Prozent Ladezustand aus, ohne dass daraus Nachteile entstehen, und das schont den Akku. Tiefentladungen sollten vermieden werden; häufige Vollladungen auf 100 Prozent sowie Ladezustände unter 10 Prozent bedeuten laut Schauffler zusätzlichen Stress und können den Kapazitätsabbau beschleunigen. Auch beim Laden gilt: Wer nicht ständig mit hohen Leistungsprofilen arbeitet, kann die Belastung reduzieren – schonender sei Laden mit 11 bis 22 Kilowatt an einer Wallbox oder öffentlichen Ladesäule.
Daneben nennt Schauffler konkrete Betriebsregeln für reale Nutzungssituationen: Bei längeren Standzeiten zwischen 30 und 70 Prozent sollte der Akku nicht voll und auch nicht fast leer stehen. Zudem kann große Hitze die Selbstentladung beschleunigen; „ein dauerhaft schattiger Platz oder eine kühle Garage“ könne sich im Sommer positiv auswirken. Für Unternehmen und Flotten ist das nicht nur „Betriebstipps“, sondern auch ein Steuerungsproblem: Wenn Fahrzeuge im Umlauf sehr unterschiedlich geladen und geparkt werden, entstehen genau die im Report beschriebenen Streuungen. Die zentrale Botschaft für den Gebrauchtwagenmarkt lautet deshalb: Die Batteriealterung ist berechenbarer als viele glauben, aber sie bleibt ohne Messung am individuellen Fahrzeug schwer verlässlich einzuschätzen.
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