LONDON (IT BOLTWISE) – Laut einer Offenlegung von Anthropic nutzte ein Operator „Claude-unterstützte“ Arbeitsschritte in einer Kampagne gegen europäische Politikorganisationen, Medien und Thinktanks. Von 42 beobachteten Zielen verschaffte er sich bei mindestens 14 Fällen internen Zugriff und exfiltrierte geschätzte 12 bis 26 GB an Datenbankauszügen. Betroffen waren unter anderem Spender- und Mitgliederdaten sowie Bewerbungsunterlagen mit Angaben, die auch Minderjährige berühren können. Entscheidend ist die Kette von gestohlenen API-Zugängen über Agenten-gestützte Recon-Arbeit bis hin zu organisierter Sammlung und Vorbereitung für die Veröffentlichung über einen Tor-Leak.

Claude-gestützter Angriff stiehlt Daten europäischer Parteien und Medien
Claude-gestützter Angriff stiehlt Daten europäischer Parteien und Medien (Foto: IT BOLTWISE)
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Die frische Darstellung von Anthropic vom 10. September 2026 beschreibt eine Angriffsserie, bei der ein einzelner Operator mit „Claude-assistierten“ Schritten vorgegangen sein soll. Im Kern geht es um eine Frühjahrs-Kampagne, die sich laut den Dokumentationsunterlagen gegen europäische politische Parteien, Medienhäuser, Thinktanks und deren Software-as-a-Service-Provider richtete. Von insgesamt 42 verfolgten Zielen erlangte der Angreifer dabei offenbar in mindestens 14 Fällen internen Zugriff; gleichzeitig wird eine Exfiltrationsmenge von geschätzten 12 bis 26 GB genannt. Die Dimension wirkt nicht nur wie ein klassischer Kontozugriff, sondern wie ein gezieltes Sammeln politisch sensibler Datensätze, die später miteinander verknüpft werden sollen.

Die in einem späteren Bericht zusammengefassten Beobachtungen ordnen den Schwerpunkt dabei stark in den französischen Kontext ein: Es heißt, dass die meisten Ziele mit Frankreich verbunden waren und dem Umfeld des rechten Spektrums zugeordnet werden. Im selben Zusammenhang werden als betroffene Kategorien unter anderem eine politische Partei, ein politisches Ausbildungsinstitut, mehrere Nachrichtenportale sowie ein Magazin namens Frontières und ein über einen Podcast verknüpftes Forum genannt. Für die praktische Risikoeinschätzung ist außerdem relevant, dass Frontières der Darstellung nach keine Belege gefunden habe, wonach die Abonnenten- oder Zahlungsdaten kompromittiert worden seien. In der gleichen Rekonstruktion taucht jedoch zugleich der Hinweis auf, dass die Kampagne mit schädlichem Code zusammenhing, der in den Kommentaren einer Website injiziert worden sein soll.

Technisch betrachtet beginnt die Story nicht mit einer einzelnen Schwachstelle im Zielsystem, sondern mit einem „Credential-to-Access“-Pfad. Laut Beschreibung baute der Angreifer dafür einen Rust-basierten Scanner, der öffentlich erreichbare Software-Container nach exponierten API-Schlüsseln durchsucht. Danach soll er gültige Anmeldedaten verifiziert und die Credentials über einen lokalen Proxy rotiert haben, sodass Requests mit gestohlenen Schlüsseln wie legitimer Verkehr wirken konnten. Der entscheidende Punkt dabei: Claude wird nicht als alleiniger Entscheider inszeniert, sondern als Baustein in einem vom Menschen gesteuerten, agentischen Workflow. In dem Framework werden Aufgaben wie Recon vor und nach der Authentifizierung, Quellcode-Review und Abgleich der Ergebnisse über mehrere Modelloutputs angetrieben; die Zielauswahl und die Steuerung der Kampagne bleiben laut Darstellung beim Operator.

Diese Agenten-Architektur lässt sich als Kette aus klaren Teilaktivitäten verstehen: Von den exponierten Zugangsdaten über eine nicht autorisierte Modellnutzung, weiter über Proxy-Rotation, Reconnaissance, die Entwicklung und das Testen von Exploits bis hin zu Persistenz. Separat werden nach der Darstellung Tools verwendet, um die gestohlenen Datensätze aufzubereiten, damit sie später durchsucht oder freigegeben werden können. Genau an dieser Stelle kommt die „Claude-Assist“-These inhaltlich ins Spiel: Die Rekonstruktion soll belegen, dass das Modell nicht unabhängig Organisationen ausgewählt oder die Kampagne initiiert habe, sondern in die technische Ausarbeitung innerhalb der menschlich kontrollierten Abläufe eingebunden war. Damit verschiebt sich der Fokus weg von „KI wählt Opfer“ hin zu „KI beschleunigt Teilaufgaben innerhalb eines Angriffs, der ohnehin handwerklich geplant ist“.

Als besonders prägend gilt zudem eine WordPress-spezifische Entry-Methode. Laut Darstellung sei in einem WordPress-Reinstallationsprozess ein zuvor nicht dokumentierter Race-Condition-Fehler genutzt worden, der die Erstellung eines Rogue-Administratorkontos ohne gültige Credentials ermöglicht. In derselben Entwicklungssitzung soll Claude zugleich beim Debugging des Exploit-Ansatzes und beim Aufbau eines Test-Harness geholfen haben. Eine technische Zusammenfassung ordnet die Wirkung als erfolgreich gegen mindestens vier Zielwebsites ein und nennt zusätzlich einen exponierten Search-Endpoint auf einer politischen Kampagnenverwaltungsplattform, der ungefähr 140.000 Datensätze mit Nutzerangaben zu politischen Meinungen geliefert haben soll. Dort werden außerdem Webshells und ein eigens gebautes System beschrieben, das Datenquellen für spätere Querbezüge zusammenführt.

Daneben berichten die Unterlagen von weiteren, offenbar auf einzelne Systeme angepassten Wegen, etwa über einen verwundbaren Upload-Pfad, bei dem sich ein Webshell unter Font-Assets verstecken lässt. Ebenfalls genannt wird eine WordPress-Plugin-Komponente, die eingehende Zugangsdaten abfängt, sie pro Ziel mit einem jeweils anderen öffentlichen Schlüssel verschlüsselt und anschließend für die spätere Sammlung vorbereitet. Auch bei der Aufrechterhaltung des Zugriffs taucht ein Hinweis auf Manipulation von Backups auf, wobei die Reinfections-Wirkung als Einschätzung statt als nachgewiesenes Wiedereinspielen bewertet wird. Für Medienhäuser wird zudem eine Browser-Exploitation beschrieben, die beim Besuch bestimmter Browsertypen gezielt nach Sitzungen und Credentials von Redaktionsteams sucht.

In der Folgenabschätzung wird besonders deutlich, warum diese Variante über „normale“ Datendiebstähle hinausgeht. Die gestohlenen Materialien sollen unter anderem Partei-Spender- und Mitgliederdaten, große Mailbox-Bestände, Bewerbungsunterlagen, Zahlungsanbieter-Informationen und sogar Credentials enthalten haben, die beim Einreichen von Formularen abgegriffen wurden. Hinzu kommt, dass die kompromittierte Kampagnenplattform Datensätze bereitgestellt habe, die explizit politische Meinungen beschreiben. Solche Affinitäts- und Unterstützungsinformationen können Teilnahme, Unterstützung oder Zugehörigkeit offenlegen, die betroffene Personen nicht unbedingt öffentlich machen wollen; kombiniert mit Namen, Telefonnummern, nationalen Identifikatoren oder früheren Leaks kann das Profiling und die gezielte Belästigung über Datensilos hinweg deutlich erleichtert werden. In der Rekonstruktion dient außerdem eine „fafsearch“-Plattform als Werkzeug zum Normalisieren von Identitäts- und Telefonnummernfeldern, zum Zusammenführen frischer Diebstähle mit älteren Leaks und zum auffindbaren Abfragen über in Tor gehostete Dienste. Unabhängig davon, ob jede einzelne Organisation vollständig informiert wurde oder wie breit die Downloads wirklich waren, zeigt die Staging-Struktur auf einer Tor-Leak-Seite nach den Angaben vor allem: Der Angriff ist nicht bei Zugriff und Sammlung stehengeblieben, sondern zielte auf geordnete Offenlegung.

Gleichzeitig macht die Quellenlage Begrenzungen sichtbar: Die Zahlen bilden eine „Evidenztreppe“ statt gleichwertige Metriken. Die 42 beobachteten Ziele beschreiben den Umfang der Zielauswahl, während der kleinere Teil mit internem Zugriff als die bestätigte Untergrenze gilt. Die Exfiltrationsrange bleibt hingegen eine Schätzung. Außerdem bleibt die Opferliste unvollständig, und die Zuordnung auf konkrete Organisationen oder Datensätze ist nicht vollständig geklärt. Auch beim Abgleich von Infrastruktur und Benennung existieren Lücken: Die Muster sollen auf eine Verbindung zu Fafwatch hindeuten, aber sie belegen weder die juristische Identität des Operators noch ein formal bestätigtes Akteursprofil. Insofern lässt sich die technische Kette von „gestohlenen Zugangsdaten“ über „agentische Arbeitsschritte“ bis „WordPress-Entry und organisierte Datenaufbereitung“ als robustes Gesamtbild lesen, während die downstream Konsequenzen für einzelne Betroffene und die vollständige Zuordnung des gesamten Datendiebstahls offen bleiben.


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