LONDON (IT BOLTWISE) – Eine fehlerhafte Software im Coldcard-Hardware-Wallet von Coinkite nutzte jahrelang ein pseudozufälliges Programm statt der dafür vorgesehenen Zufalls-Chip-Erzeugung. Dadurch konnten Angreifer Seed-Phrasen für bestimmte Firmware-Versionen in einem deutlich kleineren Suchraum erraten. Coinkite meldet bereits mehr als 1.300 Bitcoin-Abflüsse aus betroffenen Wallets und stellt korrigierte Software bereit, die jedoch nur neue Seeds behebt. Wer betroffen sein könnte, soll nach dem Update einen neuen Seed erzeugen und die Coins zunächst mit einer kleinen Testtransaktion umziehen.

Coinkite hat am 30. Juli offengelegt, dass in den Coldcard-Hardware-Wallets ein Coding-Fehler aus dem Zeitraum März 2021 für zu vorhersehbare Seed-Phrasen gesorgt hat. Coldcard-Geräte sind physische Komponenten, die Bitcoin-Schlüssel offline halten sollen. Im Kern geht es um die Seed Phrase, also um die Wortfolge, die als Master Key für die Zugriffsmöglichkeit auf die Coins dient. Normalerweise soll der Seed in Echtzeit aus echter Zufälligkeit entstehen – doch laut der technischen Fehlerbeschreibung wurde bei einem Software-Update unbeabsichtigt ein Mechanismus verwendet, der nur Zufall nachahmt.
Technisch betrachtet entsteht das Problem an der Stelle, an der viele Sicherheitsmodelle am meisten Vertrauen einfordern: bei der Entropie-Erzeugung. Die Hardware soll dafür einen dedizierten Chip nutzen, der “echte” Zufallsdaten bereitstellt. Bei betroffenen Modellen wurde stattdessen aber eine Software-Logik aktiviert, die sich auf vorhersagbare Informationen stützt, etwa auf interne Zeitparameter des Geräts. Damit sinkt die effektive Anzahl möglicher Seeds drastisch. Coinkite beschreibt für Seeds, die auf den Modellen Mk2 und Mk3 mit der fehlerhaften Software erstellt wurden, nur noch rund 40 Bits echter Zufallsstärke. Für Angreifer bedeutet das: Der Suchraum ist nicht mehr “praktisch unguessbar”, sondern im Rahmen von Ressourcen und automatisierten Tests durcharbeitbar.
Die Zahlen zeigen, warum selbst “nur” ein Entropie-Fehler in einem Wallet so gefährlich werden kann. Bitcoin-Seeds mit zwölf Wörtern sind konzeptionell so angelegt, dass sie 128 Bits Zufälligkeit repräsentieren; damit wächst die Kombinationszahl in eine Größenordnung, bei der Erraten realistisch ausgeschlossen ist. Coinkites Analyse liegt jedoch deutlich darunter. Bei neueren Geräten (Mk4, Mk5 und Q) fließen zusätzlich Daten aus einem separaten Sicherheitschip ein, wodurch die effektive Stärke laut Coinkite auf etwa 72 Bits steigt. Das klingt nach Verbesserung, reicht aber ebenfalls nicht an das Zielniveau heran. Zusätzlich kommt Block-Teams zufolge noch ein weiterer Verlust hinzu: Von der zusätzlichen Zufallsmenge soll nur ein kleiner Ausschnitt – etwa 32 Bits – am Ende wirklich im Seed landen, wodurch die reale Angriffsrealität wieder näher an die Kernschwäche rückt.
Besonders brisant ist, dass das Update zwar die zukünftige Seed-Erzeugung korrigieren soll, aber ein bereits erzeugter Seed nicht automatisch “nachgebessert” werden kann. Coinkite stellt Korrektursoftware für alle betroffenen Modelle bereit, inklusive Version 4.2.0 für Mk2 und Mk3. Die Empfehlung lautet deshalb nicht nur “Update installieren”, sondern: Wer das Wallet ohne bestimmte zusätzliche Schutzmechanismen eingerichtet hat, sollte einen brandneuen Seed auf der aktualisierten Software erzeugen und die Coins in einem Migrationsprozess umziehen. Konkret rät Coinkite dazu, bei der Einrichtung mindestens 50 Würfe eines physischen Würfels einzubauen oder zusätzlich einen separaten geheimen Passphrase-Schritt zu verwenden. Wer umzieht, soll zunächst mit einer kleinen Transaktion testen und danach die vollständige Balance übertragen – eine Praxis, die gerade bei Hardware-Wallets die Gefahr von Fehlkonfigurationen reduziert.
Aus der Perspektive der Incident-Response ist auch die Zeitachse relevant. Coinkite ordnet das Fehlverhalten in einen Zusammenhang mit einem Update aus dem Jahr 2021 ein, fand den Fehler aber offenbar erst später. Bis zum 2. August hatte eine Sicherheitsforschungseinrichtung nach eigenen Auswertungen rund 1.367 Bitcoin erfasst, die zum damaligen Zeitpunkt etwa 88,6 Mio. US-Dollar entsprachen. Diese Menge soll aus mehr als 4.500 Adressen stammen, die mit der Schwachstelle in Verbindung gebracht werden. In der Darstellung von Coinkite schwingt zudem der Verdacht mit, dass ein automatisiertes Werkzeug den veröffentlichten Code früh identifiziert haben könnte: Das Unternehmen betont, dass sein Code seit Jahren öffentlich einsehbar war, und es selbst in einem früheren Versuch die Lücke nicht entdeckt hatte. Genau diese öffentliche Überprüfbarkeit, die oft als Sicherheitsvorteil gilt, konnte hier also auch dabei helfen, den Fehler zuerst aus der Außenperspektive zu finden.
Für Marktteilnehmer ist das Signal klar: Hardware-Sicherheit ist nicht nur “Box-Schutz”, sondern in hohem Maße auch Firmware-Design und Prozesskette. Zwar bleibt die Offline-Verarbeitung ein starkes Argument gegenüber Exchanges und kompromittierbaren Smartphones, aber ein Entropie-Fehler im Zufallsweg adressiert die Angriffsfläche an der falschen Stelle. Rivalen reagierten laut der vorliegenden Schilderung schnell mit Abgrenzungen: Ledger verweist darauf, dass seine Geräte eine zertifizierte Zufallszahlengenerierung über einen Secure-Chip nutzen und damit die erwartete Entropie für 24-Wort-Recovery-Phrasen bereitstellen. Trezor betont, dass das Problem firmware-spezifisch für Coldcard sei, der eigene Code nicht geteilt werde und zudem Zufall aus mehreren unabhängigen Quellen gemischt werde. Solche Differenzierungen sind für Kunden beruhigend, sie zeigen aber zugleich, dass die Zufallsarchitektur in Hardware-Wallets ein wiederkehrender Schwerpunkt für Reviews bleiben muss.
Für Betreiber und technische Entscheider ergibt sich daraus eine praktische Leitlinie: Seed-Sicherheit muss als Kette gedacht werden, nicht als Eigenschaft eines Geräts. Das betrifft die Auswahl des Zufallsquellpfads, die Testabdeckung der Fehlerfälle (im Bericht wird explizit erwähnt, dass eine Schutzprüfung nur die Existenz einer Option prüfte, nicht jedoch deren korrekte Aktivierung) sowie die Frage, wie Hersteller die Migration bereits erzeugter Geheimnisse unterstützen. Coinkite zufolge sind andere Produkte wie Tapsigner, Opendime und Satscard von dem beschriebenen Problem nicht betroffen, weil sie auf anderer Softwarebasis laufen. Dennoch sollten Wallet-Nutzer bei Firmware-Änderungen, die die Seed-Erzeugung betreffen, künftig besonders wachsam sein – nicht wegen Panik, sondern weil dieser Fall zeigt, dass schon ein kleiner Entropie-Nachteil den Unterschied zwischen “theoretisch sicher” und “praktisch angreifbar” ausmachen kann.
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