LANGENSELBOLD / LONDON (IT BOLTWISE) – Das Startup cosy.green vernetzt smarte Thermostate mit einer zentralen Steuerungseinheit im Heizungsraum und nutzt KI-Algorithmen für das Wärme-Management. In den Pilotprojekten in zwei städtischen Wohngebäuden spart die Stadt Langenselbold nach eigenen Angaben nach kurzer Zeit spürbar bei den Heizkosten. Das Unternehmen nennt sieben Tonnen eingespartes CO2 bei insgesamt sieben Wohneinheiten im ersten Einsatz. Entscheidend ist dabei auch die Bewohner-App, die individuelles Regeln in Echtzeit ermöglicht.

cosy.green digital optimiert Bestandsheizungen mit KI und senkt Heizkosten
cosy.green digital optimiert Bestandsheizungen mit KI und senkt Heizkosten (Foto: IT BOLTWISE)
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Viele Gebäudebetreiber stehen vor dem gleichen Dilemma: Ein kompletter Heizungstausch kostet, Förderungen können helfen, aber gerade im Mehrfamilienhaus verschiebt sich die Umsetzung häufig. Gleichzeitig gilt für Bestandsanlagen ein harter Realitätscheck. Viele Öl- oder Gasheizungen sind im Alltag nicht so fein auf den individuellen Bedarf abgestimmt, wodurch ein Teil des Energiesparpotenzials ungenutzt bleibt. Genau hier setzt das hessische Startup cosy.green an, indem es nicht primär neue Technik einbaut, sondern die vorhandene Heizinfrastruktur digital optimiert.

Die Grundidee wirkt zunächst banal, technisch ist sie aber anspruchsvoll: cosy.green kombiniert digitale Thermostate, eine zentrale Steuerungseinheit im Heizungsraum und KI-Algorithmen zu einem gemeinsamen Steuerungsnetzwerk. Gründer Alexander Hirsch beschreibt den Unterschied zu klassischen Setups so, dass Kessel, Thermostate und Pumpen in herkömmlichen Systemen isoliert voneinander reagieren. In der Praxis bedeutet das, dass das Gesamtsystem nicht als abgestimmte Regelstrecke funktioniert, sondern eher als Summe einzelner, lokal getakteter Entscheidungen. Dazu kommt, dass viele Smart-Home-Lösungen in der Vergangenheit stark auf die Wohnungsperspektive ausgelegt waren, ohne die Daten und Randbedingungen der zentralen Heizkomponenten im Blick zu haben.

Marktlich adressiert cosy.green damit eine Lücke zwischen Neubau-Planung und Bestandsoptimierung. In Neubauten werden energieeffiziente, klimafreundliche Heizsysteme meist von Anfang an mitgedacht; im Wohnmietgeschäft und bei Bestandsgebäuden fehlt dagegen oft der Anreiz oder die einfache technische Grundlage, um einzelne Stellschrauben konsequent zusammenzuführen. Das Geschäftsmodell setzt daher auf messbare Zielpfade: Hirsch sagt, das System definiere für jedes Wohnobjekt das Einsparpotenzial und in Etappen, was erreicht werden soll. Für den Fall, dass die vereinbarten Ziele nicht erzielt werden, nennt er ein Rücktrittsrecht aus dem Zehnjahresvertrag.

Der erste Realitätsbeweis läuft in einem Pilotkontext, der für die Branche besonders interessant ist, weil er die Wirtschaftlichkeit im operativen Betrieb prüfen lässt. Aktuell betreibt das Startup drei Pilotkunden mit insgesamt 50 Wohneinheiten; weitere 5.000 Einheiten seien vertraglich vereinbart. Zu den ersten Kunden zählt laut Angaben die Stadtverwaltung in Langenselbold, die cosy.green seit einem halben Jahr in zwei städtischen Wohngebäuden einsetzt. In dem Modell zahlt die Stadt pro Wohnung 235 Euro im Jahr als Abo, die anschließend in der jährlichen Nebenkostenabrechnung auf die Mieter umgelegt werden. Für die Projektphase berichtet Klimaschutzmanagerin Annika Bein von einer schnellen Amortisation: Die Einsparungen hätten die zusätzlichen Kosten bereits nach einem halben Jahr ausgeglichen, zudem sei es zu einer Rückzahlung von etwa 45 Euro pro Wohneinheit gekommen.

Die technische Wirkung lässt sich dabei nicht nur an Kosten messen, sondern auch am CO2-Fußabdruck. Durch das Steuerungsnetzwerk in den beiden Wohngebäuden nennt cosy.green insgesamt sieben Tonnen eingespartes CO2. Zum Einordnen greift das Unternehmen den Vergleich auf, dass 560 Buchen ein ganzes Jahr lang wachsen müssten, um diese Menge an Kohlenstoffdioxid zu binden. Für Hirsch ist das ein „erster wirtschaftlicher Meilenstein“ und „ein Schritt für den Klimaschutz“; aus Sicht der Energieberatung unterstreicht Oliver Völksch von der Verbraucherzentrale Hessen die Bedeutung der Optimierung bestehender Heizungen. Er stellt dabei nicht nur Energieeffizienz in den Vordergrund, sondern auch Komfort: Er sagt, es gehe „nicht nur um eine Verbesserung der Energieeffizienz“, sondern auch um eine Komfortsteigerung für die Nutzer der Gebäude.

Technisch wird die Bewohner-App als Schnittstelle zwischen Nutzerverhalten und Regelstrategie wichtig. Damit können Mieter und Bewohner per Handy die Temperatur in einzelnen Räumen individuell steuern. Bleibt etwa ein Wohnzimmer tagsüber ungenutzt, kann die Heizung heruntergeregelt werden; vor der tatsächlichen Nutzung lässt sich die Temperatur wieder auf ein Wohlfühlniveau anpassen. Daneben reagieren die intelligenten Thermostate auf geöffnete Fenster und schließen dann automatisch das Heizungsventil. Im Hintergrund verknüpft ein zentraler Heiz-Algorithmus Daten der Thermostate, Nutzerangaben und Wetterdaten und passt die Heizungssteuerung in Echtzeit an. Nach Angaben des Unternehmens konnten Vertragspartner im Durchschnitt zwischen 25 und 29 Prozent Energie einsparen; Hirsch formuliert als nächstes Ziel, „die 30-Prozent-Marke“ im nächsten Winter erreichen zu wollen.

Für Unternehmen und Bestandsverwalter ist dabei vor allem die Kombination aus Datenfluss und Prozessdesign entscheidend: Thermostate liefern lokale Mess- und Zustandsdaten, die zentrale Einheit sorgt für Systemkohärenz, und KI-Algorithmen bilden die Grundlage, um aus Wetter, Nutzerverhalten und Gebäuderandbedingungen eine praktikable Regelstrategie abzuleiten. Genau in dieser Kopplung liegt der Unterschied zu Insellösungen, die lediglich Einzelräume optimieren, aber nicht das Zusammenspiel von Anlage, Lastprofil und Betrieb berücksichtigen. Gleichzeitig zeigt die Pilotphase, wie stark der Markterfolg davon abhängt, ob sich Einsparungen so nachweisen lassen, dass Abrechnung und Kundenvertrauen im Alltag funktionieren.

Wenn cosy.green gegen Ende des Jahrzehnts expandieren will, nennt das Startup konkret Großbritannien und Frankreich als Zielmärkte. Dort ist das Thema CO2-Reduktion ebenfalls hochrelevant, und gerade bei fossilen Heizsystemen kann die Optimierung von Bestandsanlagen als Zwischenschritt helfen, bis größere Sanierungszyklen greifen. Für Entscheider bedeutet das: Wer heute bereits eine ausgerollte Smart-Home-Infrastruktur besitzt, sollte prüfen, ob sie mit zentralen Anlageninformationen zusammenspielen kann. In vielen Gebäuden entscheidet nicht nur die Hardware über den Erfolg der Energiewende, sondern vor allem, wie gut sich reale Nutzungssignale in eine belastbare Steuerlogik überführen lassen.


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