WASHINGTON / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Verteidigungs-Startup Covenant stellt mit „Anthem“ einen schweren Marschflugkörper vor, der laut Anbieter schnell in großen Stückzahlen und zu vergleichsweise niedrigen Kosten produziert werden soll. Das System kombiniert einen Feststoffbooster für den Start mit einem Strahltriebwerk für die Marschphase und ist auf Reichweite in einem Pazifik-Szenario ausgelegt. Covenant nennt als Zielgröße einen Preis im mittleren sechsstelligen Bereich pro Flugkörper bei Vollauslastung und plant eine schrittweise Auslieferung ab 2027. Dazu passt die modulare Produktionsstrategie: Teile sollen in Israel gefertigt werden, während die Startserie in den USA hochgefahren wird.

Covenant stellt „Anthem“ vor: günstige Marschflugkörper mit hoher Reichweite
Covenant stellt „Anthem“ vor: günstige Marschflugkörper mit hoher Reichweite (Foto: IT BOLTWISE)
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Die neue Marschflugkörper-Initiative von Covenant zielt weniger auf eine spektakuläre Reichweiten-Labormessung als auf einen strukturellen Engpass der Rüstungsindustrie: Verfügbarkeit. In den letzten Jahren wurde in den USA und bei Bündnispartnern wiederholt Druck spürbar, weil vor allem langreichweitige Präzisionswaffen in großen Stückzahlen gebraucht werden, gleichzeitig aber viele bestehende Systeme nur begrenzt wirtschaftlich skalierten. Genau hier setzt Covenant an, indem das Startup nach eigenen Angaben einen schweren, bodengestützten Marschflugkörper entwirft, der „mass-produced“ und damit nicht nur als Einzellösung, sondern im Volumen gedacht ist.

Das Projekt heißt „Anthem“ und trägt einen Gefechts-/Nutzlastanteil von mehr als 200 Kilogramm. Damit positioniert sich Covenant zwischen Kategorien: Anthem soll als bodengestütztes System in einem Verbund funktionieren, bei dem mehrere Reichweitenklassen zusammenarbeiten. In der Erklärung wird Anthem ausdrücklich als Begleiter zu etablierten Langstrecken-Flugkörpern genannt, darunter Tomahawk (1.000 Meilen bzw. 1.609 Kilometer) und JASSM-ER (600 Meilen), die von großen Konzernen in definierten Produktionsfenstern bereitgestellt werden. Die technische Grundidee bleibt dabei vergleichsweise klar: Ein Feststoffraketenmotor übernimmt den Start, anschließend sorgt ein Jet-Triebwerk mit „heavy fuel“ für die Marschphase. Covenant sagt außerdem, dass der Flugkörper in den vergangenen zwölf Monaten mehr als 200 Testflüge absolviert hat.

Spannend ist die Logik hinter der angekündigten Kosten- und Skalierungsstrategie. Covenant argumentiert, dass vergleichbare Waffen von großen Auftragnehmern oft in kleinen Stückzahlen und zu sehr hohen Kosten gebaut würden. Auf dieser Ebene klingt das wie ein typischer Startup-Kampf gegen „vested interests“ – nur dass es diesmal nicht primär um Software-Ökosysteme geht, sondern um harte Produktions- und Lieferkettenfragen. Covenant betont, bewusst keine reine „Sole-Source“-Abhängigkeit zu wählen: Für den Feststoff-Raketentriebwerk-Teil werden drei Anbieter genutzt, ein vierter sei in der Planung. Ergänzend werden langfristige Vereinbarungen für mehr als 4.000 Jet-Triebwerke über die kommenden zwei Jahre genannt. Das ist industriepraktisch relevant, denn gerade bei skalierbaren Flugkörpern entscheidet die Lieferfähigkeit einzelner Komponenten darüber, ob eine Stückpreisdebatte realistisch bleibt oder nur in der Präsentationsfolie funktioniert.

Auch das industriepolitische und militärplanerische Setting sticht heraus. Covenant sagt, Anthem werde teilweise in Israel gefertigt. Gleichzeitig öffnet das Dallas-Werk des Unternehmens am selben Tag, an dem das Projekt vorgestellt wird: Es umfasst 105.000 Quadratfuß (9.754 Quadratmeter) und soll laut Plan von Beginn an Richtung „full-rate production“ gehen. Für die Produktionskapazität nennt Covenant eine Zielgröße von 5.000 Marschflugkörpern pro Jahr in Dallas sowie eine weitere Anlage ähnlicher Größe in Sachsen, ebenfalls mit 5.000 Einheiten pro Jahr. In Nordisrael ist zudem ein kleinerer Standort vorgesehen, der 2.000 Einheiten jährlich herstellen soll. Diese Aufteilung ist nicht nur eine Frage der Fertigungslast, sondern auch ein Hebel für Resilienz: Wenn ein Standort in einem spezifischen Zeitfenster Engpässe hat, können andere Anlagen die Lieferrate stabilisieren.

Die Marktdynamik bekommt dabei zusätzliche Spannung durch die zeitliche Einordnung. Die Enthüllung fällt in eine Phase, in der die USA und Verbündete nach Angaben aus der Rüstungsbeschaffung versuchen, Bestände wieder aufzufüllen – insbesondere mit langreichweitigen Präzisionswaffen, die einfacher verfügbar und günstiger sein sollen. Covenant ordnet Anthem in ein Nutzungskonzept ein, das auf bodengestützte Starts setzt und für Strike-Optionen aus Inselregionen in Reichweite ausgelegt ist. In den Planungen wird dabei explizit auf Szenarien verwiesen, in denen Waffen von verbündeten Inseln nahe an China wirken könnten, ohne auf bemannte Flugzeuge oder große Seeverbände angewiesen zu sein. Das koppelt sich organisatorisch an Systeme wie NMESIS (Navy-Marine Expeditionary Ship Interdiction System), in das Anthem als Teil eines Bodensystems eingebettet wird, das auf Flugtransport umgeladen werden kann.

Für die wirtschaftliche Bewertung nennt Covenant konkrete Zielgrößen und erste kommerzielle Signale. Das Unternehmen peilt einen Preis im mittleren sechsstelligen Bereich pro Flugkörper an, sobald die Produktion in vollem Umfang läuft. Bereits gebucht seien grob 150 Millionen US-Dollar an Aufträgen; die erste Umsatzphase erwartet Covenant für 2027, wenn die Lieferkurve anzieht. Dazu kommt eine Auslieferungs-Roadmap nach Regionen: Eine internationale Kundengruppe soll demnach noch im laufenden Jahr mit der Übernahme deutscher Anthems beginnen, während Lieferungen an die US Army für 2027 vorgesehen sind. Für Unternehmen im Verteidigungs- und Zulieferumfeld ist das vor allem deshalb relevant, weil hier ein „Scale-up“-Beweis angestoßen wird: Neue Anbieter scheitern häufig nicht an der Technologie allein, sondern daran, in großen Stückzahlen zuverlässig zu liefern – insbesondere, wenn Produktionsstätten, Bauteillieferanten und Testzyklen synchronisiert werden müssen.

Technisch betrachtet ist Covenant aber nicht nur „billiger“, sondern versucht den Systembau als modulare Industriearbeit zu strukturieren. Auffällig ist der klare Fokus auf ein zweistufiges Antriebskonzept und auf die Planbarkeit der Zulieferströme, von Feststoffmotoren bis zu den Jet-Triebwerken. Gleichzeitig spielt die Testhistorie in der Kommunikationslogik eine große Rolle: Mehr als 200 Flüge in einem Jahr sind kein Ersatz für eine große Serienbewertung, aber ein Signal, dass die Konstruktion wiederholt reproduzierbar geprüft wurde. Für die nächsten Schritte wird damit vor allem entscheidend, wie gut sich diese Testleistung in „production rate“-Qualität übersetzt: gleichbleibende Fertigungstoleranzen, zuverlässige Motorlieferungen und ein Trainings-/Instandhaltungsmodell, das auch in einem Volumenbetrieb funktioniert. Wenn Covenant dieses Paket zwischen Technologie, Fertigung und Beschaffung tatsächlich schließt, könnte „Anthem“ zu einem Beispiel werden, wie neue KI-gestützte Prozessautomatisierung in der Fertigungsplanung und Qualitätsprüfung künftig die Lücke zwischen Prototyp und Massenproduktion in der Verteidigung schließen hilft.


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