LONDON (IT BOLTWISE) – In Großbritannien nehmen Darmkrebs- und weitere Krebsdiagnosen bei unter 50-Jährigen seit Jahren zu. Für England zeigt eine Auswertung von NHS-Daten zwischen 2001 und 2023 einen Anstieg der Darmkrebsfälle von 1.289 auf 2.989 sowie eine deutliche Erhöhung der Rate pro 100.000. Weltweite Datensammlungen stützen das Bild über mehrere Länder hinweg, während die Forschung Ursachen zwischen Lebensstil, Umwelt und Biologie einordnet. Gleichzeitig sehen die Fachleute aktuell keinen Grund, Screening-Programme pauschal auf jüngere Altersgruppen auszuweiten.

Darmkrebs bei Jüngeren: Warum die Raten in UK und teils Deutschland steigen
Darmkrebs bei Jüngeren: Warum die Raten in UK und teils Deutschland steigen (Foto: IT BOLTWISE)
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Der Anstieg von Krebsdiagnosen bei Erwachsenen unter 50 Jahren rückt zunehmend in den Fokus der Forschung – besonders, weil er sich nicht auf eine einzelne Region oder eine Tumorart beschränkt. Auswertungen, die auf großen Registerdaten beruhen, zeigen vielmehr ein wiederkehrendes Muster: In verschiedenen Ländern steigen die Raten in jüngeren Kohorten, auch wenn sich die Gründe dahinter je nach Tumortyp unterscheiden können. Damit verschiebt sich die öffentliche Wahrnehmung von Krebs als überwiegend altersgebundener Erkrankung hin zu einer Entwicklung, die bereits im mittleren Lebensabschnitt spürbar wird.

Konkrete Zahlen aus Großbritannien untermauern diese Entwicklung. Für England dokumentieren Daten des britischen Gesundheitsdienstes NHS im Zeitraum von 2001 bis 2023 einen Anstieg bei mehreren Krebsformen: Bei Darmkrebs kletterten die Fallzahlen von 1.289 auf 2.989, parallel stieg die Rate von 3,9 auf 8,4 je 100.000 Personen unter 50 Jahren. Auch die Größenordnung der jährlichen Diagnoserate verschob sich spürbar – von etwa 1 Fall je 26.000 auf etwa 1 Fall je 12.000. Bei Männern wird zudem ein Zuwachs bei Prostatakrebs sichtbar (158 auf 640 Fälle; Rate 1,0 auf 3,6 je 100.000), während für Nierenkrebs ein Anstieg von 510 auf 1.065 Fälle (1,5 auf 3,0 je 100.000) berichtet wird. Bei Frauen steigt Gebärmutterkrebs von 335 auf 698 Fälle (1,8 auf 3,9 je 100.000), außerdem nehmen unter anderem Brust- und Leberkrebs in den betrachteten Altersgruppen zu.

Auch außerhalb Großbritanniens lässt sich ein ähnlicher Trend erkennen. Auswertungen zu insgesamt zwölf Krebsarten, die Daten aus den USA, den Niederlanden und dem Vereinigten Königreich gegenüberstellen, zeigen steigende Raten für Darm- und Nierenkrebs bei unter 50-Jährigen in allen drei Ländern. Beim Blick auf die letzten Jahrzehnte wird die Dynamik besonders deutlich: Für das Vereinigte Königreich wird berichtet, dass die Darmkrebsrate bei Menschen im Alter von 25 bis 49 Jahren seit den frühen 1990er-Jahren um mehr als 50 Prozent gestiegen ist. In einer internationalen Studie mit Daten aus 50 Ländern und Regionen bis 2017 wird früh auftretender Darmkrebs zudem in einem Großteil der untersuchten Regionen beobachtet – einschließlich einer Region, in der ein jährlicher Anstieg von knapp 4 Prozent gemessen wurde. Neben solchen epidemiologischen Ergebnissen bleibt aber entscheidend, wie stark diagnostische Effekte (z. B. bessere Erkennung) die Zahlen mitprägen und wie groß der Beitrag realer biologischer Veränderungen ist.

Für Deutschland existieren ebenfalls Hinweise auf eine Verschiebung innerhalb jüngerer Altersgruppen. Laut den genannten Daten stieg die Gesamtrate über alle Krebsarten hinweg bei Personen unter 50 Jahren zwischen 1999 und 2019 von 92,0 auf 95,2 je 100.000 – bei sinkender Sterblichkeit, was auf Fortschritte in Therapie und Versorgung hindeuten kann. Differenzierter betrachtet liegen für Darmkrebs Angaben im Zeitraum 2003 bis 2023 vor: Hier stieg die Rate bei den 20- bis 49-Jährigen im Schnitt jährlich um 0,8 Prozent bei Männern und 0,9 Prozent bei Frauen. Innerhalb der Untergruppen fällt der Anstieg in den 20- bis 29-Jährigen deutlich höher aus (3,3 Prozent jährlich bei Männern, 3,9 Prozent bei Frauen), während die Gruppe der 40- bis 49-Jährigen weitgehend stabil bleibt. Insgesamt betreffen in Deutschland jährlich rund 56.000 Darmkrebsfälle etwa 5 Prozent Personen unter 50 Jahren – die absolute Zahl ist damit geringer als in älteren Kohorten, die Wachstumsrichtung aber umso relevanter für Prävention und Planung.

Technisch-epidemiologisch betrachtet liefert die Forschung derzeit mehrere mögliche Erklärungsansätze, die nicht gegenseitig ausschließen. Eine Analyse mit Daten aus England, den USA und den Niederlanden legt nahe, dass jüngere Generationen bei mehreren Tumorarten höhere Erkrankungsraten aufweisen als frühere Kohorten im selben Lebensalter. Gleichzeitig spielt die langfristige Wirkung chronischer Entzündungsprozesse in der biologischen Argumentation eine zentrale Rolle. Verbesserte Diagnostik kann zwar helfen, Fälle früher zu erkennen, reicht aber laut den beschriebenen Einschätzungen nicht allein aus, um den gesamten Trend zu erklären. Rund 20 Prozent der früh auftretenden Darmkrebserkrankungen werden zudem auf erbliche Syndrome zurückgeführt, was den Stellenwert von genetischer Risikoklärung insbesondere bei familiärer Belastung unterstreicht.

Auf Bevölkerungsebene werden als Einflussfaktoren Veränderungen bei Ernährung, Bewegungsmangel, Übergewicht sowie Umweltbelastungen diskutiert. Auf Basis der beschriebenen Daten haben sich Adipositasraten weltweit seit 1990 mehr als verdoppelt; in England werden für 2024 rund 66 Prozent der Erwachsenen als übergewichtig oder adipös eingeordnet. Zusätzlich wird aus den Register- und Lebensstilstudien abgeleitet, dass ein großer Teil der Krebsfälle auf individuell veränderbares Verhalten zurückgehen könnte. Parallel untersuchen Forschende auch das Darmmikrobiom sowie Alkohol- und Rauchverhalten; Hinweise auf einen Zusammenhang mit modRNA-Impfungen werden in den vorliegenden Berichten nicht genannt. Um mögliche biologische Zusammenhänge systematisch zu prüfen, ist für PROSPECT-UK eine Studie mit 250.000 Personen im Alter von 18 bis 50 Jahren geplant. Wichtig bleibt dabei der praktische Teil: Der WCRF sieht derzeit keinen Anlass, Screening-Programme pauschal auf jüngere Altersgruppen auszuweiten; anhaltende oder ungeklärte Symptome sollen aber frühzeitig medizinisch abgeklärt werden. Für Unternehmen und Gesundheitssysteme bedeutet das: Präventionskommunikation, hausärztliche Pfadsteuerung und diagnostische Zugänglichkeit werden in den kommenden Jahren stärker in den Vordergrund rücken müssen, wenn sich die beobachteten Trends weiter bestätigen.


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