LONDON (IT BOLTWISE) – Die 40 DAX-Konzerne haben im zweiten Quartal laut einer EY-Auswertung Betriebsgewinne von 52,6 Milliarden Euro erzielt. Gleichzeitig schrumpft die Beschäftigung in der deutschen Autoindustrie, wo laut Zeitraum Juli 2025 bis Juli 2026 mehr als 42.000 Stellen verloren gingen. EY verweist darauf, dass sich Gewinn- und Umsatzwachstum vor allem im Ausland konzentrieren. Ob KI den Arbeitsmarkt bereits spürbar verändert, ist nach Einschätzung von Arbeitsmarktforschern umstritten.

Die Kombination aus DAX-Rekordgewinnen und gleichzeitigem Jobabbau wirkt auf den ersten Blick widersprüchlich. Im zweiten Quartal verdienten die 40 im DAX gelisteten Unternehmen zusammen, wie aus einer EY-Auswertung hervorgeht, 52,6 Milliarden Euro Betriebsgewinne vor Zinsen und Steuern (EBIT) und lagen damit mit sieben Milliarden Euro fast 16 Prozent über dem Vorjahreszeitraum. Auch der Vergleich zum Gesamtjahr hilft dabei kaum: Der Wert liegt rund zehn Prozent über dem bisherigen Höchstwert im Jahr 2024. Damit steht eine starke Gewinnphase aber nicht automatisch für eine robuste Entwicklung am deutschen Arbeitsmarkt.
Der Grund für die Schieflage liegt laut EY nicht in einem einheitlichen Aufschwung, sondern in einer ungleichen Verteilung der Ergebnisse. 29 Unternehmen konnten ihre Gewinne steigern, während elf Einbußen hinnehmen mussten; unter den Verlierern sind drei der vier im DAX notierten Automobilhersteller. EY ordnet das Wachstum vor allem „außergewöhnlichen Sonderkonjunkturen“ zu, die sich derzeit auf einzelne Branchen konzentrieren. Ein Beispiel liefert die Rüstungsindustrie: Rheinmetall meldete ein Plus von rund 69 Prozent beim Umsatz und baute parallel die Belegschaft aus, mit einer Beschäftigungssteigerung um fast ein Viertel innerhalb eines Jahres. Diese Logik lässt sich auch auf KI-nahe Lieferketten übertragen, denn wer Gasturbinen, Kühltechnik oder andere Komponenten für Rechenzentren liefern kann, profitiert häufig direkt vom Infrastrukturboom.
Technisch betrachtet sind solche Gewinnspitzen oft dort besonders sichtbar, wo Aufträge skalieren und Produktionsauslastung schnell in höhere Margen übersetzt werden. Bei der Allianz und der Deutschen Telekom wurden im DAX die höchsten operativen Quartalsgewinne gemeldet: 4,9 Milliarden Euro bei der Allianz und 6,9 Milliarden Euro bei der Telekom. In beiden Fällen spielt laut vorliegenden Angaben der Geschäftsmix und insbesondere die Rolle internationaler Töchter eine große Rolle; bei der Telekom trägt unter anderem die amerikanische Tochtergesellschaft T-Mobile US wesentlich zum Ergebnis bei. In Deutschland bleiben dagegen viele klassische Industriepfade unter Druck: EY betont, dass die Nachfrage am Heimatstandort schwach sei und dass das Gewinn- und Umsatzwachstum „in erster Linie im Ausland“ stattfinde.
Für die Beschäftigung heißt das: In der Industrie treffen sich mehrere Belastungen zeitlich, statt sich gegenseitig auszugleichen. Besonders deutlich wird es in der Automobilbranche. Allein von Juli 2025 bis Juli 2026 gingen dort mehr als 42.000 Stellen verloren, das sind knapp sechs Prozent; auch die Zulieferer setzen Sparprogramme nach Angaben von Statistikern noch strenger um als die großen Hersteller. Am 30. Juni 2026 waren in der deutschen Leitbranche laut Statistikern aus Wiesbaden noch 691.500 Menschen beschäftigt, so wenig wie noch nie seit 2005. Selbst wenn Unternehmen im zweiten Quartal ihre Umsätze stabilisieren konnten, bleibt die Personalplanung häufig vorsichtig: BMW hat den Abbau von 8.000 Stellen angekündigt, im VW-Konzern wird nach den vorliegenden Angaben über deutlich höhere Zahlen gerungen, Bosch will weltweit bis zu 22.000 Stellen streichen und ZF plant 14.000 Stellenstreichungen in Deutschland.
Arbeitsmarktökonomisch ist der Kernkonflikt damit weniger die Zahl der gestrichenen Stellen allein, sondern das Tempo, mit dem neue Jobs entstehen. Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) sieht das Aufkommen der Künstlichen Intelligenz auf dem deutschen Arbeitsmarkt nicht als das größte Problem. Problematischer sei vielmehr, dass derzeit kaum neue Arbeitsplätze entstehen, während früher in anderen Krisenphasen wie 2009 oder in der Pandemie mit Instrumenten wie Kurzarbeitergeld Zeit überbrückt werden konnte. In dieser Lesart steckt die Industrie also nicht nur in einer Kosten- und Nachfragekrise, sondern in einer „Erneuerungskrise“, in der Investitionen zwar nötig wären, aber schneller als zuvor zögern. Auch Oliver Falck, Leiter des Ifo-Zentrums für Innovationsökonomik und digitale Transformation, widerspricht dem Eindruck eines fundamentalen Widerspruchs zwischen Gewinnen und Jobabbau: Sondereffekte in Rüstung und Energie trieben Gewinne, während gleichzeitig in der Industrie vergleichsweise wenige neue Stellen entstehen.
Daneben spielt der internationale Wettbewerb eine harte Rolle, die in den vergangenen Jahren zunehmend durch chinesische Anbieter geprägt wurde. In einer Einordnung, die auf Aussagen von Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der Hamburg Commercial Bank, gegenüber Reuters basiert, zeigt sich der „China-Schock“ als verstärkender Faktor: Der Wettbewerb habe in kurzer Zeit massiv an Intensität gewonnen. Für Unternehmen ergibt sich daraus eine strategische Spannung zwischen kurzfristiger Ergebnisoptimierung und mittel- bis langfristiger Transformation. Falck fordert daher, der Staat solle die Forschungsförderung stärker auf Hightech-Branchen und Startups konzentrieren, statt Geld in etablierte Bereiche wie Auto und Chemie zu lenken, wenn dort keine großen Innovationssprünge zu erwarten seien. Genau hier wird auch der KI-Teil der Debatte greifbar: Nicht die Frage, ob KI Jobs ersetzt, sondern ob Deutschland mit passenden Investitions- und Innovationsschwerpunkten die neuen Rollen schafft, die aus Automatisierung, Software-naher Produktion und Infrastruktur für Rechenzentren entstehen könnten.
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