STUTTGART / LONDON (IT BOLTWISE) – Die drei großen deutschen Autobauer verlieren im internationalen Vergleich weiter an Boden. In der ersten Jahreshälfte sanken ihre Umsätze zusammen auf rund 284 Milliarden Euro, was 2,9 Prozent weniger als im Vorjahr entspricht. Gleichzeitig rutscht auch das Ergebnis vor Zinsen und Steuern um 19,0 Prozent auf 13,0 Milliarden Euro ab. Für die Profitabilität sieht eine Branchenanalyse vor allem strukturelle Kostennachteile und ein hohes China-Risiko als Bremse.

Die deutschen Hersteller bekommen die Wettbewerbsdynamik der vergangenen Monate deutlich zu spüren. Laut einer Analyse der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY schrumpften die Umsätze von Volkswagen, Mercedes-Benz und BMW in der ersten Jahreshälfte auf rund 284 Milliarden Euro. Das entspricht einem Rückgang um 2,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr. EY ordnet das als drittes Umsatzminus in Folge für die deutschen Anbieter in einem ersten Halbjahr ein, während gleichzeitig ein breiteres Bild der Autowelt eher von Wachstum geprägt war.
Im Gesamtranking zeigt sich der Effekt noch stärker. Während 15 der untersuchten Autobauer bei EY ein Umsatzplus melden, belegen die drei deutschen Konzerne die Plätze 16, 17 und 19. Beim Zuwachs stechen vor allem Tesla, gefolgt von Suzuki und Geely, heraus. Interessant ist dabei nicht nur die Bewegung in Prozentwerten, sondern die Richtung: Offensichtlich reicht es dem deutschen Trio zunehmend weniger, in absoluten Größenordnungen mitzuhalten, wenn der Marktanteils- und Margendruck global steigt.
Auch auf der Ertragsseite wird die Schwäche sichtbar. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) der deutschen Autobauer sank um 19,0 Prozent auf 13,0 Milliarden Euro. EY verweist darauf, dass VW, Mercedes und BMW zwar weiterhin mit Abstand vor vielen Herstellern aus anderen Ländern liegen, der Wert aber der niedrigste seit dem Pandemie-Jahr 2020 ist. Damit treffen gleich mehrere Faktoren zusammen: eine angespanntere Kostenstruktur, Druck auf die Rendite und die Frage, wie schnell sich Volumen- und Misch-Effekte in profitables Wachstum umsetzen lassen.
Besonders hart wirkt aus Sicht der Analyse der Markt in China. EY-Experte Constantin Gall beschreibt die Region als von der „Cashcow“ zum Sorgenkind geworden: Zwischen Januar und Juni verzeichneten die drei deutschen Hersteller einen Absatzrückgang von 25 Prozent. Der Grund liege laut Gall in der extremen Wettbewerbsintensität, in schwacher Konjunktur und in einer veränderten Nachfrage im Elektrosegment, in dem chinesische Kunden demnach stärker auf einheimische Marken setzen. Zudem sank der Anteil Chinas am weltweiten Absatz von Volkswagen, Mercedes-Benz und BMW innerhalb eines Jahres von 28,9 auf 23,5 Prozent – ein Signal, das sich nicht einfach durch andere Regionen „ausgleichen“ lässt.
Der Blick auf andere Teile der Branche zeigt, dass der Gegenwind nicht nur „von außen“ kommt, sondern auch hausgemachte Muster verstärkt. Zwar stiegen bei den US-Herstellern Ford, General Motors und Tesla die Werte laut EY um 32,9 Prozent, gleichzeitig gilt aber: Ein Teil der Vergleichbarkeit leidet, wenn viele Unternehmen im Vorjahr Abschreibungen im Zusammenhang mit dem E-Auto-Geschäft vorgenommen hatten. Genau darauf verweist die Analyse, denn dadurch kann der Anstieg beim Gewinn aller betrachteten Hersteller um 11,4 Prozent auf 43,7 Milliarden Euro stärker ausfallen als es die operative Lage allein erklärt. Für Investoren und Managementteams ist das entscheidend: In solchen Phasen wird die Kennzahl „Gewinn“ ohne begleitende Bereinigung schnell zu einem unscharfen Kompass.
Während die betriebswirtschaftlichen Zahlen die Grundlage liefern, macht die soziale Dimension den Druck in Deutschland greifbar. Angesichts der Krise laufen Jobabbauprogramme, die sich über mehrere Jahre erstrecken, und damit sind laut der Berichterstattung Zehntausende Beschäftigte betroffen – darunter bei Mercedes-Benz, BMW, im VW-Konzern sowie bei Marken und Zulieferern wie Bosch, AUMOVIO, ZF Friedrichshafen und Mahle. Für das weitere Tempo in der Transformation ist zudem die Frage zentral, ob Unternehmen genug finanzielle Spielräume haben, um parallel in Batteriefertigung und Zukunftstechnologien zu investieren.
Die IG Metall reagiert mit Mobilisierung gegen geplanten Stellenabbau. Unter dem Motto „Zukunft statt Kahlschlag“ will die Gewerkschaft am Montag an gut 200 Orten mit mehr als 100.000 Teilnehmenden auftreten. Inhaltlich fordert sie von den Herstellern unter anderem mehr Investitionen in deutsche Werke, etwa in Batteriefertigung und autonomes Fahren. Von der Politik verlangt sie wettbewerbsfähige Industriestrompreise und Zölle auf chinesische Plug-in-Hybrid-Fahrzeuge – also Maßnahmen, die die Kostenbasis und den Importdruck unmittelbar beeinflussen sollen.
Für die strategische Ausrichtung ergibt sich daraus ein enger Zusammenhang: Wer in China unter Druck gerät, spürt nicht nur Umsatzrückgänge, sondern auch, wie schnell sich Kosten- und Produktportfolios anpassen müssen. EY beschreibt die Ursache der Profitabilitätskrise dabei als strukturelle Kostennachteile, unter anderem durch Produktionsanteile in Deutschland, hohe Energiepreise sowie aus Sicht der Analyse erhebliche Kosten für Regeln und Bürokratie. Damit wird auch verständlich, weshalb Gall davon spricht, dass Veränderungen nicht konsequent genug umgesetzt würden. Für Unternehmen heißt das in der Praxis: Ergebnisqualität, Skalierung und Standortkosten werden in den kommenden Quartalen zu einem gemeinsamen Prüfstein – weniger als „Technologiefrage“, mehr als Abbildung der gesamten Wertschöpfungskette im Markt.
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