LONDON (IT BOLTWISE) – Die Kritikerinnen und Kritiker des Fachmagazins „Deutsche Bühne“ haben die Münchner Kammerspiele als Gesamtgewinner der Saison 2025/26 gekürt. Für das Haus sprechen aus Sicht der Umfrage eine breite Mischung aus Schauspiel, Musik und Tanz sowie gelobte Inszenierungen einzelner Stücke. Gleichzeitig wirft das Ringen um die Nachfolge von Intendantin Barbara Mundel einen Schatten auf den Erfolg, weil der Vertrag bis 2028 läuft. Aus dem Umfeld des Hauses kommt dabei deutliche Kritik an Transparenz und Wertschätzung.

Bei Theater, Oper und Tanz ist das Urteil selten nur eine Frage von Geschmack. Die jährliche Abstimmung des Fachmagazins „Deutsche Bühne“ macht daraus eine messbare Momentaufnahme: In der Saison 2025/26 haben die Kritikerinnen und Kritiker die Münchner Kammerspiele als bundesweiten Gesamtgewinner gewählt. Das unter der Leitung von Barbara Mundel stehende Haus setzte sich dabei vor dem Theater Chemnitz sowie der Oper Dortmund durch und sicherte sich zugleich den Platz in der Kategorie Gesamtleistung eines großen Hauses – erneut vor der Staatsoper Hamburg und der Oper Frankfurt. Damit wird nicht nur der einzelne Abend bewertet, sondern auch das Gesamtprofil, das ein Haus über die Spielzeit hinweg nach außen trägt.
Spannend ist, wie die Umfrage die Stärken verteilt: Während die Münchner Kammerspiele sowohl im großen Haus als auch als Gesamtgewinner vorne lagen, werden in den kleineren Häusern andere Namen sichtbar. In der Kategorie der kleineren Häuser stachen laut Mitteilung besonders das ETA Hoffmann Theater Bamberg, das Rheinische Landestheater Neuss, das Theater Hagen sowie das Gerhart-Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau hervor. Auch im Musiktheater gibt es einen klaren Spitzenreiter: Bei den Opernaufführungen liegt „Rummelplatz“ in Chemnitz an der Spitze der Umfrage. Das Muster dahinter ist bemerkenswert, weil es mehrere Zentren statt nur einen dominanten Ort zeigt – Theaterlandschaft als Netzwerk, nicht als Einbahnstraße.
Für Technik- und Management-Teams in Kulturorganisationen ist zudem die Frage entscheidend, welche Kriterien hinter den Ergebnissen stehen. Der Kritikerkreis nennt als Erfolgsrezept eine Mixtur aus großartig inszenierten historischen Stoffen und Gegenwartstexten – ergänzt um die Verzahnung von Schauspiel, Musik und Tanz „für Jung und Alt“. Diese Beschreibung wirkt zunächst wie ein ästhetisches Schlagwort, lässt sich aber auch als Programmierungslogik lesen: Nicht eine einzelne Sparte soll dominieren, sondern mehrere Module müssen in einer gemeinsamen Produktionsrealität zusammenlaufen. Dass einzelne Stücke wie „Wallenstein“, „Mephisto“ und „Play Auerbach“ besonders gelobt wurden, verweist außerdem darauf, dass die Qualität nicht nur über ein allgemeines Profil entsteht, sondern über konkrete Produktionen, die in der Wahrnehmung der Fachkritik hängen bleiben.
Das Erfolgsmomentum wird jedoch von einer Organisationsfrage überlagert: Nach Angaben der Kritikerinnen und Kritiker überschattet das Gerangel um die Nachfolge von Barbara Mundel den Ausgang der Abstimmung. Ihr Vertrag läuft noch bis 2028; sie hätte gerne noch zwei Jahre verlängert. Laut Beschreibung im Bericht wurde die Intendanz jedoch kurz nach dem öffentlichen Bekunden ihres Interesses neu ausgeschrieben – dem Bekunden nach, nach dem lange bekannten Zeitplan des Stadtrats. In der Folge entstand eine öffentliche Debatte, die sich um Transparenz und Wertschätzung drehte. Damit prallt der Rhythmus der Kunst – Proben, Spielpläne, Spielzeitdramaturgie – auf die Agenda politischer Entscheidungsprozesse, die oft mit anderen Zyklen arbeitet.
Besonders klar wird der Konflikt in der Position, die Mundel selbst später bezog: Sie erklärte, das öffentliche und politische Ränkespiel um die Zukunft der Münchner Kammerspiele habe einen Zustand erreicht, der „für das Theater und seine Mitarbeitenden unwürdig und nicht weiter tragbar“ sei. Um möglichen Schaden abzuwenden, stehe sie daher „über 2028 hinaus“ nicht länger zur Verfügung. Zugleich wird ihr Beitrag inhaltlich eingeordnet: Unter ihrer Leitung habe sich das Haus ein starkes, bundesweit beachtetes Profil erarbeitet, und sie habe den Fokus auf Inklusion gelegt. In dem Ensemble arbeiten demnach auch Menschen mit kognitiven und körperlichen Einschränkungen. Für Organisationen ist das mehr als ein Etikett: Inklusion bedeutet in der Praxis, dass Arbeitsabläufe, Probenformate, Rollenbesetzungen und Kommunikation so gestaltet werden müssen, dass Teilhabe im Alltag funktioniert.
Auch auf der Ebene einzelner künstlerischer Disziplinen zeigt die Umfrage ein differenziertes Bild. In der Kategorie künstlerische Leistung im Schauspiel glänzte die Schauspielerin und Regisseurin Julia Riedler. Beim Ballett/Tanz setzte sich Constanza Macras mit „Goodbye Berlin“ an der Berliner Volksbühne durch. Das Kinder- und Jugendtheater wird zudem als „Sparte der Stunde“ beschrieben. Genau diese Bandbreite – von Schauspiel über Musiktheater bis hin zu Nachwuchsarbeit – wirkt wie ein Hinweis darauf, dass das Urteil der Kritikerinnen und Kritiker nicht nur Spitzenproduktionen honoriert, sondern auch die Fähigkeit, Zielgruppen über Generationen hinweg zu erreichen. In einem Umfeld, in dem Aufmerksamkeit knapp ist und Produktionskosten steigen, wird solche Durchmischung zum strategischen Vorteil.
Für die nächsten Schritte in München bedeutet die Gemengelage aus Auszeichnung und Intendanzfrage vor allem eines: Planungssicherheit wird zur Ressource. Wenn sich die künstlerische Linie unter einer neuen Leitung fortsetzen soll, braucht es frühe Klarheit darüber, wie Profil, Ensemblearbeit und Inklusionsansatz organisatorisch abgesichert werden. Gleichzeitig bleibt das Ergebnis der Abstimmung ein Signal an die Fachwelt: Die Münchner Kammerspiele haben in der Saison 2025/26 nicht nur einzelne Produktionen, sondern ein Gesamtsystem aus Inszenierung, Spartenmix und künstlerischer Ausrichtung überzeugend auf die Bühne gebracht. Ob und wie das Profil unter der sich abzeichnenden Neuordnung stabilisiert wird, entscheidet sich nun weniger im Probenraum als in der Übergabe- und Kommunikationsphase – genau dort, wo Transparenz und Wertschätzung im Bericht zum zentralen Konfliktthema geworden sind.
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