BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Mehr als die Hälfte der Diabetes-Neuerkrankungen gilt als vermeidbar, wenn Menschen ihren Lebensstil gezielt anpassen. Gleichzeitig rückt eine neue KI-Methodik in den Vordergrund: Sie kann aus Blutproteinen und Stoffwechselprodukten Herz-Kreislauf-Risiken teils bis zu 15 Jahre voraussagen. Auf der 60. Jahrestagung der Deutschen Diabetes Gesellschaft wird damit Prävention als größter Hebel betont und Diagnostik zunehmend datengetrieben gedacht. Der Artikel zeigt, wie sich diese Erkenntnisse in Schulungen, Therapiepfade und kommenden Daten zur Wirksamkeit neuer Medikamente übersetzen lassen.

Diabetes-Prevention: 55% der Neuerkrankungen durch Lebensstil vermeidbar – KI prognostiziert Herzrisiken
Diabetes-Prevention: 55% der Neuerkrankungen durch Lebensstil vermeidbar – KI prognostiziert Herzrisiken (Foto: IT BOLTWISE)
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Auf der 60. Jahrestagung der Deutschen Diabetes Gesellschaft in Berlin fiel eine Botschaft ungewöhnlich klar aus: Viele Diabetes-Neuerkrankungen sind nicht primär Schicksal, sondern Ergebnis von veränderbaren Faktoren. Laut den präsentierten Forschungsergebnissen ließen sich über die Hälfte der Fälle durch strukturierte Verhaltensänderungen vermeiden. Bemerkenswert ist dabei die quantifizierte Gewichtung: Genetische Veranlagung beeinflusst das Risiko, doch der Lebensstil wirkt in den Daten deutlich stärker. Das verschiebt den Fokus von reiner „Reparaturmedizin“ hin zu Präventionsprogrammen, die in Unternehmen, Schulen und kommunalen Versorgungsstrukturen messbar verankert werden können.

Technisch betrachtet wird Prävention zunehmend als datenbasierter Prozess verstanden, nicht als reine Aufklärungskampagne. Ein Beispiel sind Interventionsstudien, die Bewegungsumfänge mit klinischen Endpunkten verknüpfen: Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt zwar 150 Minuten pro Woche, doch weitere Auswertungen zeigen, dass deutlich höhere Aktivitätsvolumina das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall spürbar reduzieren können. Der methodische Kern solcher Studien ist die genaue Erfassung von Aktivitätsmustern über längere Zeiträume und die saubere Trennung zwischen Korrelation und kausalem Effekt. Für die Versorgungsrealität heißt das: Messbare Programme benötigen geeignete Datenerhebung, ärztliche Einbindung und eine kontinuierliche Wirksamkeitskontrolle.

Ein zweiter Strang der Debatte betrifft die alltägliche Ernährung, also „versteckte“ Risikotreiber in Fertig- und Zusatzstoffwelten. In der NutriNet-Santé-Studie werden seit 2009 langfristige Daten von über 100.000 Teilnehmenden gesammelt und mit Gesundheitsoutcomes zusammengeführt. Genannt werden dabei insbesondere Konservierungs- und Zusatzstoffe, die mit höherem Bluthochdruck- sowie insgesamt kardiovaskulärem Risiko assoziiert sind. Interessant ist zusätzlich, dass auch antioxidative Zusätze wie Zitronensäure oder Ascorbinsäure in den Auswertungen mit ungünstigeren Blutdruckwerten verbunden waren. Solche Befunde beeinflussen nicht nur individuelle Entscheidungen, sondern auch Produkt- und Kennzeichnungspolitiken, etwa im Rahmen europäischer Bewertungsprozesse für Lebensmittelzusatzstoffe.

Während Prävention über Verhalten und Ernährung ansetzt, ergänzt die neue Generation KI-gestützter Diagnostik das Bild. Forschende der Universität Hongkong haben ein Tool namens CardiOmicScore entwickelt, das aus einer einzigen Blutprobe insgesamt Tausende Biomarker auswertet: 2.920 Blutproteine und 168 Stoffwechselprodukte. Damit zielt das System darauf, das Risiko für gleich mehrere große Herz-Kreislauf-Erkrankungen – darunter koronare Herzkrankheit, Schlaganfall und Herzinsuffizienz – bis zu 15 Jahre im Voraus zu prognostizieren. Entscheidend ist die praktische Übertragbarkeit: Je früher Risikogruppen identifiziert werden, desto besser lassen sich personalisierte Interventionen planen, bevor irreversible Schäden entstehen. Für ein Enterprise-Umfeld ist zudem die Frage zentral, wie man diese Modelle in bestehende Labordaten-Workflows und Facharztprozesse integriert.

Dass es nicht nur um Diabetes, sondern um das Zusammenspiel von Risikoprofilen geht, betont auch die Poseidon-Studie von Novo Nordisk. Bei knapp 19.000 Patientinnen und Patienten aus 18 Ländern zeigt sich: Wer zugleich an Arteriosklerose und chronischer Nierenerkrankung leidet, weist häufiger erhöhte Entzündungswerte auf. Diese Entzündungsmarker stehen wiederum in Verbindung mit einem höheren Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall und kardiovaskulären Tod. Damit wird eine unterschätzte Risikoachse sichtbar, die viele Standardtherapien bislang nicht ausreichend adressieren. Gerade für Gesundheitssysteme mit begrenzten Ressourcen ist das relevant: Wenn Entzündung als „gemeinsamer Verstärker“ wirkt, kann die Therapieplanung künftig stärker multidimensional werden – inklusive zielgerichteter Schulung und engmaschiger Nachverfolgung.

Im Markt verschärft sich gleichzeitig der Wettbewerb um wirksamere Therapieoptionen. In Europa wurde die Zulassung von Wegovy in einer 7,2-mg-Dosierung in der Empfehlung der EU-Arzneimittelbehörde CHMP diskutiert. Clinical Daten etwa der Cleveland Clinic werden dabei als Hinweis auf mögliche Vorteile von GLP-1-Therapien bei Patientinnen und Patienten mit Herzinsuffizienz gelesen; zugleich wird aber auch die Herausforderung benannt, dass nach Absetzen wieder Gewicht ansteigt. Dieser Zielkonflikt trifft nicht nur auf Novo Nordisk zu: Auch Eli Lilly arbeitet mit eigenen GLP-1- bzw. verwandten Konzepten (z. B. gegen Gewichtszunahme über längere Zeiträume) und treibt damit den Wettbewerb um Langzeitwirksamkeit und nachhaltige Effekte. Für medizinische Organisationen heißt das: Therapieentscheidungen müssen klinische Nutzenwerte, Nebenwirkungsprofile und Implementationsaufwände in Schulungsprogrammen zusammenbringen.

Ein weiterer Aspekt sind Systembarrieren, die sich weniger gut „wegoptimieren“ lassen als ein Modell-Feature. In Bayern wurde der „Masterplan Prävention“ vorgestellt, der den Wandel von der Reparaturmedizin zur Präventionskultur fördern soll – mit kostenlosen Bewegungsprogrammen im Freien und generationenübergreifender Unterstützung. Der Haken: Strenge Altersgrenzen, fehlende Kapazitäten und organisatorische Lücken können dazu führen, dass gerade jene Gruppen, die am meisten profitieren würden, zu spät oder gar nicht erreicht werden. Aus Regulierungsperspektive kommt hinzu, dass Gesundheitsdaten für Risiko- und Präventionsmodelle datenschutzkonform verarbeitet werden müssen. Das umfasst technisch saubere Einwilligungs- und Zweckbindungskonzepte sowie organisatorische Prozesse zur sicheren Datenübertragung und -speicherung.

Für die zweite Jahreshälfte 2026 zeichnet sich ein klares Zielbild ab: Hochentwickelte Diagnostik und einfache Lebensstilinterventionen sollen sich ergänzen. KI-gestützte Tools wie CardiOmicScore liefern die Grundlage für präzisere Risiko-Klassifizierung, während Medikamenten- und Schulungspfade die Intervention in der Breite umsetzen. Gleichzeitig bleibt der konsensfähige Hebel bestehen: Verhaltensänderungen sind in den Daten der größte Faktor zur Reduktion chronischer Erkrankungen. Damit rückt strukturierte Patientenschulung als wiederkehrender Erfolgsmechanismus in den Mittelpunkt – nicht als „Add-on“, sondern als integraler Teil von Versorgung und Rückfallprävention. In der Praxis bedeutet das für Unternehmen, Kliniken und Krankenkassen: Wer Daten, Training und Therapie eng koppelt, kann Wirkung wahrscheinlicher messbar machen, statt nur zu versprechen.


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