BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Mehrheit deutscher Unternehmen fordert laut DIHK-Umfrage eine härtere EU-Handelspolitik gegenüber China. 55 Prozent der Befragten wollen das sogar dann, wenn es dem eigenen Geschäft schadet. Gleichzeitig berichten 66 Prozent von wachsendem Wettbewerbsdruck aus China, wobei 35 Prozent ihn als stark bis sehr stark einordnen. Offen bleibt, wie die EU Unabhängigkeit von chinesischen Exportströmen konkret erreichen soll.

Die Ergebnisse einer DIHK-Umfrage unter mehr als 1.300 Unternehmen zeichnen ein klares Bild: Der Wettbewerb mit China ist für viele Betriebe nicht nur ein Randthema, sondern wird zunehmend als Belastung im Tagesgeschäft spürbar. 66 Prozent der Firmen geben an, wachsende Konkurrenz aus China zu erleben; davon wiederum bewerten 35 Prozent den Druck als stark bis sehr stark. Genau hier setzt die politische Forderung an: 55 Prozent der Befragten sprechen sich für eine härtere europäische Handelspolitik gegen China aus – und zwar ausdrücklich auch dann, wenn eine solche Linie kurzfristig der eigenen Unternehmenslage schaden könnte.
Technisch betrachtet ist das weniger ein einzelner „Zollsatz“-Effekt als ein Bündel aus Handelsbedingungen, Produktions- und Kostenvorteilen sowie Marktzugängen. Wenn Produkte aus China schneller in europäische Regalmärkte gelangen, geraten vor allem jene Bereiche unter Druck, in denen Qualität und Differenzierung allein nicht mehr reichen, um Preis- und Lieferfähigkeit auszugleichen. Interessant ist der Blick auf die Branchenlogik: Bei Unternehmen ohne direktes China-Geschäft nimmt die wahrgenommene Konkurrenz nach Angaben der Umfrage ab – hier sehen mehr als sechs von zehn Betrieben keine wachsende chinesische Konkurrenz. In der Industrie dagegen verschärft sich der Wettbewerb spürbar: 83 Prozent berichten von zunehmender Konkurrenz durch chinesische Anbieter.
Damit verschiebt sich die Debatte von der Frage „Wer hat direkte Umsätze mit China?“ hin zu „Wer steht im Wettbewerb um den Absatz in Europa?“. Genau darauf verweist auch DIHK-Chefanalyst Volker Treier: Mehr Konkurrenz bedeute nicht automatisch weniger China-Geschäft. Für die Unternehmen gehe es darum, sich am Markt zu behaupten und zugleich dort weiter zusammenzuarbeiten, wo es wirtschaftlich sinnvoll ist. Diese Aussage ist vor allem als strategischer Hinweis zu lesen: Handelspolitik soll den Druck erhöhen, aber nicht zwangsläufig das gesamte bilaterale Wirtschaftsgeflecht kappen, das für bestimmte Wertschöpfungsketten weiterhin relevant bleibt.
Beim konkreten Politikmix wird der Zielkonflikt zwischen Abschottung und Wettbewerbsfähigkeit deutlich. Nur 25 Prozent der befragten Unternehmen wollen, dass die EU Handels- und Investitionshürden gegenüber China abbaut. Eine Mehrheit setzt dagegen auf einen anderen Ansatz: Europa solle unabhängiger vom asiatischen Exportvorteil werden. Die populärste Maßnahme in der Umfrage ist ein geschlossenes außenwirtschaftliches Auftreten der EU (67 Prozent). Dahinter steckt der Wunsch, dass europäische Positionen nicht zersplittert verhandeln, sondern als Block auftreten – was aus Unternehmenssicht die Planbarkeit verbessert, weil politische Signale und Marktzugangsvoraussetzungen konsistenter werden können.
Parallel zur handelspolitischen Linie nennen die Unternehmen auch interne Stellschrauben, um dem Wettbewerbsdruck zu begegnen. 60 Prozent entwickeln neue Produkte gegen die Konkurrenz aus China, 50 Prozent senken ihre Kosten, und 39 Prozent suchen neue Absatzmärkte. Der Maßnahmenkatalog zeigt: Viele Betriebe wollen nicht nur „gegen“ China agieren, sondern „für“ die eigene Resilienz. Innovation kann dabei helfen, die Differenzierung über Produktfeatures, Liefermodelle oder Serviceleistungen wieder stärker zu machen. Kostensenkungen zielen auf die Wettbewerbsfähigkeit im Preis-Leistungs-Vergleich, während neue Absatzmärkte zumindest einen Teil der Abhängigkeit von einzelnen Regionen reduzieren.
Für die Unternehmen bedeutet das, dass die nächste Phase der Strategie nicht nur in der Geopolitik stattfindet, sondern in der Umsetzung von Wettbewerbsfähigkeit. Eine härtere EU-Linie kann den Markt verändern, etwa über strengere Rahmenbedingungen oder veränderte Spielregeln im Handel. Gleichzeitig bleibt laut Umfrage erkennbar, dass ein pauschaler Rückzug aus China für viele nicht das Ziel ist. Entscheidend wird sein, wie sich europäische Handelspolitik in konkrete Instrumente übersetzt – und wie schnell Unternehmen die Zeit zwischen politischem Signal und operativer Wirkung überbrücken. In Summe liefert die DIHK-Erhebung damit eine Momentaufnahme: Der politische Wunsch nach mehr Gegenwind gegen chinesische Konkurrenz wächst, doch die Antwort der Firmen lautet zugleich, in Produkte, Kostenstrukturen und Absatzplanung aktiv gegenzusteuern.
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