LONDON (IT BOLTWISE) – Das DIW hebt seine Herbstprognose für Deutschland deutlich an: Das preisbereinigte BIP soll 2026 um 1,2 % statt zuvor 0,5 % steigen. Für 2027 erwartet das Institut 1,0 % Wachstum gegenüber 0,8 % in der Sommerprognose. Gleichzeitig warnt die Konjunkturabteilung vor wackligen Aussichten in den kommenden Quartalen. Hohe Energiepreise und der Gaspreisdruck bleiben demnach zentrale Risiken, besonders für energieintensive Branchen.

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) setzt in seiner Herbstprognose einen deutlich optimistischeren Konjunkturtakt für Deutschland an als noch im Sommer. Laut den veröffentlichten Zahlen soll das preisbereinigte Bruttoinlandsprodukt (BIP) 2026 um 1,2 % zulegen, nachdem das DIW zuvor lediglich 0,5 % erwartet hatte. Für 2027 geht das Institut von 1,0 % aus (Sommerprognose: 0,8 %). 2028 prognostiziert das DIW zudem ein Wachstum von 0,7 %. Damit zeichnet sich zwar eine spürbare Verbesserung ab, aber der Ton bleibt vorsichtig: Die wirtschaftliche Erholung erfolgt nach Einschätzung des DIW nicht geradlinig und mit spürbaren Belastungsfaktoren.
DIW-Konjunkturchefin Geraldine Dany-Knedlik ordnet die Entwicklung in ihrem Wortlaut als teilweise bessere Lage ein, gleichzeitig jedoch nicht als grundlegenden Turnaround. „Die deutsche Wirtschaft erholt sich in diesem Jahr etwas besser als gedacht, steht aber noch immer auf etwas wackligen Beinen“, sagte sie. Als ein Auslöser nennt das DIW den Ölpreisanstieg: Obwohl es im Kontext des Iran-Kriegs zu Preisimpulsen hätte kommen können, sei der Anstieg „überraschend moderat“ ausgefallen. Hintergrund ist laut DIW unter anderem die Freigabe strategischer Reserven. Daneben hätten „Sonderfaktoren“ die Exporte gestützt, diese Stabilisatoren dürften aber nach Ansicht der Institutsleitung nicht dauerhaft tragen.
Auch wenn die Jahreswerte nach oben angepasst wurden, bleibt die kurzfristige Dynamik aus DIW-Sicht gedämpft. Das Institut rechnet damit, dass die Wirtschaftsleistung im dritten Quartal stagniert. Als Bremse nennt es „hohe Energiepreise“ sowie „Niedrigwasser auf wichtigen Wasserstraßen“. Für viele Unternehmen wirkt beides nicht abstrakt, sondern unmittelbar über Produktions- und Logistikkosten: Energieintensive Branchen wie die Chemie- und Metallindustrie spüren demnach den Druck besonders stark. Zusätzlich erwartet das DIW, dass die Belastungen aus dem Energiepreisschock zeitverzögert erst vollständig sichtbar werden.
Marcel Fratzscher bringt diese Gemengelage in die fiskalische Perspektive. Er betont, dass 70 % des für 2026 erwarteten Wachstums auf öffentlichen Konsum und öffentliche Investitionen zurückgehen. Gleichzeitig beziffert das DIW die zusätzlichen fiskalischen Impulse für 2026 bis 2028 auf 33, 23 und 4 Milliarden Euro. Genau diese Zusammensetzung erklärt, warum die Prognose zwar anzieht, aber strukturelle Schwächen nicht automatisch verschwinden: Wenn ein großer Teil der Wachstumsunterstützung aus der öffentlichen Seite kommt, hängt die nachhaltige Entwicklung stärker von politischen und budgetären Rahmenbedingungen ab als von einer sich selbst tragenden Investitionsdynamik in privaten Unternehmen.
Inhaltlich zielt das DIW daher vor allem auf die Lücke bei den privaten Investitionen. „Die privaten Investitionen reichen weiterhin nicht aus, um die Wettbewerbs- und Innovationsfähigkeit Deutschlands nachhaltig zu stärken“, sagte Fratzscher. Das ist weniger eine Momentaufnahme als ein Hinweis auf die Qualität des Aufschwungs: Für eine breite Produktivitätsentwicklung braucht es Investitionen, die Innovationen in Produktion, Prozessen und Technologien anstoßen und nicht nur kurzfristige Nachholeffekte abfedern. Entsprechend macht das Institut die weitere Entwicklung davon abhängig, ob der Energieschock tatsächlich nachlässt und ob sich Investitionen stärker als bisher stabilisieren.
Als zentrales Risiko markiert das DIW das Winterhalbjahr. Die Konjunkturabteilung verweist dabei ausdrücklich auf „die hohen Gaspreise“ als Gefahr, die Nachfrage und Kosten gleichzeitig belasten kann. Damit ist die Prognose auch ein Blick in die operative Realität vieler Betriebe: Für Branchen mit hohem Gasbedarf können selbst moderate Nachfrageschwankungen schnell zu deutlich größeren Margenrisiken führen. Der Makroausblick des DIW liest sich daher wie ein Szenario mit Engpass- und Verzögerungseffekten: Verbesserungen in den Jahresraten sind möglich, aber sie hängen daran, dass Energiepreise nicht erneut eskalieren und dass Wasserwege nicht zu zusätzlichen Transport- und Produktionshemmnissen werden. Für Unternehmen bedeutet das vor allem, ihre Investitions- und Energiepreisrisiken weiter granular zu steuern, statt sich allein auf die höheren Jahreswachstumszahlen zu verlassen.
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