KARLSRUHE / LONDON (IT BOLTWISE) – dm will sein Drogerieangebot im kommenden Jahr deutlich ausbauen und dabei Herz-Kreislauf-Erkrankungen stärker adressieren. Geschäftsführer Sebastian Bayer verweist darauf, dass sich Vitaldaten per Sensorik künftig ohne großen Zusatzaufwand erfassen lassen – etwa durch eine Messkabine, in die Kundinnen und Kunden sich angezogen stellen. Für die Einführung nennt dm keinen festen Termin, geht aber nach eigenen Angaben noch im aktuellen Kalenderjahr in den Start. Gleichzeitig wächst der Widerstand aus der Ärzteschaft und es läuft ein Gerichtsverfahren rund um vorherige Screening-Angebote.

dm zieht nach den bisherigen Gesundheits-Tests in Pilotfilialen erneut die nächste Stufe der Filialmedizin in Betracht: Die Drogeriemarktkette aus Karlsruhe möchte das Sortiment um Herz-Kreislauf-Erkrankungen erweitern und dafür künftig gezielt Vitaldaten erfassen. Geschäftsführer Marketing + Beschaffung Sebastian Bayer ordnet die Pläne in Deutschland mit Blick auf die Häufigkeit von Herz-Kreislauf-Erkrankungen ein und nennt als Motivation die Tatsache, dass es sich dabei um die häufigste Todesursache handelt. Entscheidend für den Ansatz ist dabei nicht die „Vorsorge“ als Marketingversprechen, sondern die technische Machbarkeit: Bayer sagt, die technologische Entwicklung sei inzwischen so weit, dass sich Vitaldaten und weitere Parameter zuverlässig erfassen lassen. Als Beispiel nennt er eine Messkabine, in die sich Kundinnen und Kunden angezogen stellen.
Dass dm damit nicht bei bloßen Gesundheits-Statements stehenbleibt, zeigt auch der geplante Zeitrahmen. Einen konkreten Starttermin nennt Bayer zwar nicht, geht aber nach eigenen Aussagen davon aus, dass das neue Angebot noch im laufenden Kalenderjahr startet. Unklar bleibt zunächst, mit welchen Partnern dm dabei arbeiten möchte – und genau dieser Punkt sorgt in der Fachwelt für Misstrauen. Der Bundesverband Niedergelassener Kardiologen bewertet die Ankündung kritisch: Prävention dürfe nicht unstrukturiert und ohne Fachwissen versucht werden. Der Bundesvorsitzende Norbert Smetak empfiehlt stattdessen, solche Themen stärker in die Praxen zu holen, weil Präzision bei Risiken, Symptomen und individueller Anamnese entscheidend sei.
Technisch interessant ist an dem Konzept, wie „automatisierte digitale Messkabinen“ in diesem Umfeld bereits heute diskutiert werden. Die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie (DGK) teilt laut ihrem Kenntnisstand mit, dass ähnliche Messkabinen unabhängig von dm aktuell in der klinischen Praxis getestet würden. Gleichzeitig ist die DGK-Position eindeutig: Die Testphase sei nach Wissen der Gesellschaft noch nicht abgeschlossen. Ob dm genau auf dieses Messprinzip abzielt, bleibt der DGK zufolge offen. Klar wird aber, was die medizinische Leitplanke ist: Menschen mit Verdacht auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen sollen sich in ärztliche Beratung begeben und gegebenenfalls behandeln lassen, weil es sich um schwerwiegende Erkrankungen handeln kann, mit denen man nicht leichtfertig umgehen sollte.
Der rechtliche und organisatorische Kontext ist auch deshalb so sensibel, weil dm bereits vor etwa einem Jahr in ausgewählten Pilotfilialen Gesundheitschecks angeboten hat – darunter Haut- und Blutanalysen sowie Augenscreenings. Beim Augenscreening startet demnach eine zweite Testphase, in der dm sowohl in ländlichen Regionen in Schleswig-Holstein als auch in Großstädten untersuchen will, wie das Angebot dort angenommen wird. Die Filialzahl soll dabei von derzeit 8 auf 30 steigen; Umbauarbeiten sind für Ende August und September geplant. Gleichzeitig stellt dm die Blutwertanalyse derzeit aus, betont aber, dass sie sich als relevantes Angebot erwiesen habe und das Unternehmen das stärker selbst steuern möchte.
Aus Sicht der Markt- und Umsetzungsperspektive geht es dm zudem darum, den Prozess rund um die Hautuntersuchungen enger zu verzahnen. Bayer sagt, es gehe aktuell vor allem darum, die Vermittlung an einen Online-Hautarzt zu verbessern. Damit verschiebt sich der Schwerpunkt von der reinen Datenerhebung hin zu der Frage, wie aus Messergebnissen eine sinnvolle nächste medizinische Handlung wird. Genau diese Schnittstelle – zwischen Screening im Handel und fachlicher Einordnung – ist auch der Kern der Kritik, die sich bereits zuvor an dm entzündet hat: Verbände von Haut- und Augenärzten haben die Angebote kritisiert, und die Wettbewerbszentrale hat wegen des Augenscreenings rechtliche Schritte eingeleitet.
Rechtlich wird es im Herbst konkreter: Für den 9. September ist am Landesgericht Karlsruhe eine Verhandlung angesetzt. Laut Klage- bzw. Verfahrensbegehren verlangt der Verein, dass dm in den Filialen kein Augenscreening zur Feststellung von Augenkrankheiten durch Menschen durchführen lässt, die keine Ärzte sind, und dass solche Angebote nicht beworben werden. Außerdem ist am Düsseldorfer Landgericht im November ein weiterer Prozess geplant; dort geht es demnach um den Kooperationspartner von dm. Für den weiteren Rollout bei Herz-Kreislauf-Checks bedeutet das: Selbst wenn die Sensorik technisch funktioniert, entscheidet am Ende die Ausgestaltung des gesamten Behandlungs- und Beratungsprozesses darüber, wie Unternehmen, Partner und Gerichte die Trennlinie zwischen Screening, Beratung und medizinischer Behandlung bewerten.
Für die Umsetzung bei dm bleibt damit die zentrale Engineering- und Betriebsfrage offen, wie die Messung in eine belastbare klinische oder zumindest fachärztlich abgesicherte Kette eingebettet wird. Wenn dm wie angekündigt eine Messkabine nutzt, muss das Produktdesign nicht nur robuste Sensorik liefern, sondern auch sicherstellen, dass die Ergebnisinterpretation, die Übergabe an medizinische Stellen und die Kommunikation mit Kundinnen und Kunden mit einem klaren Protokoll zusammengehen. Genau hier liegen die Unterschiede zwischen einem reinen „Self-Service-Test“ und einem Screening, das medizinische Risiken tatsächlich reduziert. Unabhängig davon, wie schnell dm den Rollout auf weitere Filialen plant, dürfte die Diskussion um digitale Messkabinen und die laufenden Gerichtsverfahren im Herbst den Takt vorgeben, in dem neue Angebote in Deutschland im Retail-Kontext wachsen können.
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