BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Umfrage zeigt: Bei neu eingebürgerten Menschen greifen die meisten zur doppelten Staatsbürgerschaft. Seit der Reform zum Staatsangehörigkeitsrecht können Einbürgerungen ihre bisherige Herkunftsstaat-Zugehörigkeit leichter behalten. Gleichzeitig sinken 2025 die Antragzahlen, während politische Gegner Loyalitätskonflikte und Parallelgesellschaften befürchten. Der Beitrag ordnet Technik- und Verwaltungsimplikationen ein, inklusive Sicherheits-Checks durch den Verfassungsschutz.

Doppelpass: Mehrheit neuer Deutscher nutzt Mehrstaatigkeit – Reform, Zahlen, Streit
Doppelpass: Mehrheit neuer Deutscher nutzt Mehrstaatigkeit – Reform, Zahlen, Streit (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Diskussion um die doppelte Staatsbürgerschaft bekommt neue Aktualität – und zwar nicht primär durch Paragrafen, sondern durch beobachtbares Nutzerverhalten. Wie aus einer Umfrage hervorgeht, machen neu Eingebürgerte in weiten Teilen von der Möglichkeit Gebrauch, die bisherige Staatsangehörigkeit beizubehalten. In Städten mit entsprechender Erhebung liegt die Quote der Mehrstaatigkeit demnach häufig im Bereich von 85 bis 98 Prozent, während diejenigen, die keinen Doppelpass wählen, laut Angaben vor allem auf rechtliche Hürden im Herkunftsstaat oder auf frühere Staatenlosigkeit zurückgeführt werden. Damit wird aus einer politischen Streitfrage zunehmend eine Verwaltungs- und Biografie-Entscheidung mit klarer Realität.

Ein wichtiger Hintergrund dafür ist die Reform des Staatsangehörigkeitsrechts, die Ende Juni 2024 in Kraft trat. Seither gilt: Wer Deutscher wird, darf grundsätzlich die bisherige Staatsangehörigkeit behalten. Vor der Änderung war das deutlich enger geregelt – etwa für EU-Bürger oder in ausgewählten Ausnahmen, wenn der Herkunftsstaat die Entlassung aus der bisherigen Staatsangehörigkeit verweigerte. In der Praxis verschiebt diese Harmonisierung den Entscheidungsraum, weil sie den „Kostenblock“ reduziert, der zuvor oft aus aufwendigen Entlassungsverfahren, Wartezeiten oder faktischen Versagungen resultierte. Für Integrationsverwaltungen und für Antragsteller bedeutet das eine spürbar andere administrative Dynamik.

Auch die Einbürgerungsvoraussetzungen wurden angepasst: Für die Einbürgerung reicht seither ein rechtmäßiger, gewöhnlicher Aufenthalt von fünf Jahren. Besonders gut integrierte Personen konnten sich zwar teilweise schon nach drei Jahren einbürgern lassen – diese „Turbo-Einbürgerung“ wurde aber im vergangenen Jahr wieder beendet. Das ist nicht nur eine Frage der Aufenthaltsdauer, sondern beeinflusst die zeitliche Planung für Behörden, Sprach- und Integrationsangebote sowie die Dokumentenlogistik. Wer die Anforderungen erfüllt, trifft früher auf einen Prozess, der Identitätsnachweise, Nachweise über Lebensunterhalt und formale Nachweise zur gesellschaftlichen Ordnung umfasst. In einem digitalisierten Verwaltungsumfeld wird sichtbar, wie stark solche Regelwerke Laufzeiten und Bearbeitungsqualität prägen.

Gerade deshalb ist der politische Widerstreit bemerkenswert, weil er unterschiedliche Risiken adressiert. Auf der Gegenseite wird argumentiert, Doppelpass könne Loyalitätskonflikte begünstigen und gesellschaftliche Parallelstrukturen fördern. Befürworter verweisen dagegen auf praktische Vorteile: erleichterte Reisen, die Klärung von Erbrechts- und Eigentumsfragen sowie die Möglichkeit, in beiden Staaten zu arbeiten. In der aktuellen Debatte taucht zudem die Forderung nach einem klaren Bekenntnis zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung auf, einschließlich der historischen Verantwortung Deutschlands für nationalsozialistisches Unrecht. Ergänzend kommt eine Sicherheitsabklärung ins Spiel: Vor der Entscheidung wird das Verfahren mit einer Anfrage beim Verfassungsschutz kombiniert, wenn Hinweise auf Extremismus oder Islamismus möglich sind.

Die Zahlen zeigen zudem eine gewisse Abkühlung im Antragsgeschehen. Insgesamt seien die neu gestellten Einbürgerungsanträge 2025 um rund zehn Prozent gesunken – auf etwa 189.000 Anträge. Regional wird die Lage unterschiedlich sichtbar: Berlin liegt bei rund 36.100 Anträgen, München folgt mit etwa 17.800, wobei dort zusätzlich ein Bearbeitungsstau problematisch ist. Laut Angaben lag Anfang Mai die Zahl der noch nicht entschiedenen Anträge in München bei über 40.200. Gleichzeitig deuten veröffentlichte Landeszahlen und Recherchen darauf hin, dass im vergangenen Jahr deutlich mehr Einbürgerungen erfolgt sein dürften – mit einer Größenordnung von über 300.000. Für Behörden heißt das: selbst wenn Anträge sinken, bleibt die Prozessauslastung in Teilen angespannt.

Beim Blick auf Herkunftsländer und Prozessausgänge wird der Zusammenhang zwischen Integrationspolitik und sicherheitsbezogener Verwaltung besonders deutlich. Die Einbürgerungen erfolgten 2025 demnach am häufigsten für Menschen aus Syrien, gefolgt von der Türkei, Afghanistan, Iran und Russland. Sprachkenntnisse und ein eigenes Einkommen als Nachweis sind dabei zentrale Faktoren, ebenso die Anforderungen an Identitätsnachweise und die Anerkennung der deutschen Gesellschaftsordnung. Die Verfassungsschutzabfragen führen nur in einem sehr kleinen Teil der Fälle zu übermittelten Erkenntnissen; in den erhobenen Städten liegen Ablehnungen aufgrund solcher Hinweise im niedrigen einstelligen Bereich. Dennoch sind Einzelfälle politisch hochsensibel: In Sachsen-Anhalt wurden Anträge abgelehnt, weil kein Bekenntnis zum Existenzrecht Israels abgegeben werden wollte – eine Regelung, die seit Anfang 2023 dort gilt, und die später auch in Brandenburg eingeführt wurde.

Der Markt- und Verwaltungsbezug liegt vor allem in der Frage, wie solche Entscheidungen operationalisiert werden. Einbürgerungsverfahren sind eine Art „Compliance-Pipeline“: Identität wird geprüft, Voraussetzungen werden gegen Akten und Register abgeglichen, Sicherheitsabfragen werden ausgelöst, und abschließend entscheidet die Behörde. Der Wechsel von restriktiveren auf flexiblere Regelungen wirkt dabei wie ein Parameter-Update in einem stark vernetzten Prozess: Er verändert Datenflüsse, Dokumentationsanforderungen und die Wahrscheinlichkeit bestimmter Fallgruppen. Vergleichbar mit regulatorisch getriebenen Identity-Workflows in anderen Ländern, etwa im EU-Umfeld, zeigt sich: Wo Regeln klarer und früh zugänglich werden, sinkt tendenziell die Hürde vor der Antragstellung, während die Behörde neue Schwerpunkte in Qualitätssicherung und Einzelfallprüfung setzen muss.

Mit Blick auf die Zukunft dürfte die größte Herausforderung weniger im „Ob“ der Mehrstaatigkeit liegen, sondern im „Wie“ der Abwicklung. Wenn Reformen die Bindung an Entlassungsverfahren senken, steigt der Anteil der Fälle, in denen Behörden verstärkt mit Mehrstaatigkeits- und Nachweisfragen arbeiten müssen, statt mit Entlassungsnachweisen. Gleichzeitig bleibt die Sicherheitskomponente dauerhaft relevant, weil sie nicht „wegtransformiert“ wird, sondern sich in technischem Dokumentenhandling und Prozess-Controlling übersetzt. Branchenbeobachter erwarten, dass die kommende Phase stärker daten- und verfahrensorientiert wird: Behörden werden ihre Bearbeitungspipelines priorisieren, Medien- und politische Debatten werden Einzelfälle stärker als Indikator wahrnehmen, und Antragsteller profitieren nur dann nachhaltig, wenn Wartezeiten und Staus sichtbar reduziert werden. Der Doppelpass wird damit vor allem ein Test dafür, wie gut Verwaltung und Rechtsrahmen im Alltag zusammenwirken.


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