MAINZ / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Energiewende, der Netzausbau und der weltweite Boom von KI-Rechenzentren erhöhen den Bedarf an Kupfer, Nickel und Aluminium spürbar. Eine Analyse von Coface erwartet bis 2035 eine wachsende Lücke zwischen Nachfrage und Angebot. Für Kupfer und Nickel hält der Kreditversicherer sogar Preise nahe einer Verdopplung für möglich. Besonders beim Nickel nennt Coface ein Defizit von rund 6,5 Millionen Tonnen bis 2035 als Risiko.

Die Rohstofflage für die Energiewende wirkt auf den ersten Blick wie ein klassisches Industrie-Thema. Doch in den kommenden Jahren verschiebt sich der Druck auf zentrale Industriemetalle zunehmend: Nicht nur der Ausbau von Stromnetzen und erneuerbaren Erzeugern treibt den Bedarf, sondern auch die wachsende Zahl von KI-Rechenzentren mit ihren Strom- und Kühlanforderungen. Eine Analyse des Kreditversicherers Coface macht genau diese Verknüpfung zwischen Infrastrukturinvestitionen und neuen Rechenzentrumsstandards deutlich und kommt zu dem Ergebnis, dass die Nachfrage nach Kupfer, Nickel und Aluminium bis 2035 deutlich stärker steigen dürfte als das Angebot.
Technisch betrachtet geht es dabei um Materialmengen entlang mehrerer Wertschöpfungsstufen. Kupfer ist besonders relevant für die Elektrifizierung von Wirtschaft und Infrastruktur, weil es in Leitungen, Schalttechnik und in Teilen der Netzinfrastruktur weiter eine zentrale Rolle spielt. Nickel wird in der Batterieproduktion und damit in der Elektromobilität stark nachgefragt; gleichzeitig trifft der Metallsektor hier auf die Tatsache, dass der Kapazitätsausbau entlang der Lieferkette schwer kalkulierbar ist. Aluminium wiederum ist zwar ebenfalls ein Schlüsselmaterial für Leichtbau und energienahe Anwendungen, der Engpass entsteht nach Coface aber weniger im Rohstoff selbst, sondern vor allem durch Investitionen in neue Produktionskapazitäten und den Zugang zu wettbewerbsfähiger Energie.
Im Marktbild setzt Coface mehrere Zahlen als Warnsignal. Für Kupfer und Nickel nennt der Bericht als zusätzlichen Nachfragehebel den Ausbau „sauberer Technologien“ bis 2035, die nach Schätzungen der Internationalen Energieagentur bereits rund 35 Prozent der weltweiten Nachfrage nach Kupfer und Nickel ausmachen könnten. Gleichzeitig verlangsamt sich der Ausbau auf Angebotsseite: Neue Minen entstehen nur langsam, weniger als ein Prozent der Explorationsprojekte erreicht die Produktionsphase, und bis zur Förderung vergehen im Durchschnitt fast 20 Jahre. Dazu kommen sinkende Erzgehalte, steigende Kosten und geringe Renditen, die den Kapazitätsausbau weiter bremsen.
Damit allein wäre es aber noch nicht erklärt, warum das Risiko gerade bei kritischen Metallen so hoch wirkt. Coface verweist zusätzlich auf die geografische Konzentration der Wertschöpfung sowie auf Handelsbeschränkungen. Bei Nickel ist Indonesien für 67 Prozent der weltweiten Nickelerzproduktion ein zentraler Faktor, während China bei mehreren Metallen mehr als die Hälfte der globalen Raffineriekapazitäten kontrolliert. Parallel ist der Anstieg von Handelsbeschränkungen für kritische Mineralien ein struktureller Zusatzhebel: Ende 2025 waren weltweit 1.138 entsprechende Maßnahmen in Kraft, zehn Jahre zuvor lag ihre Zahl bei 357. Gerade diese Kombination aus langsamer Produktionshochskalierung, Konzentration in einzelnen Ländern und wachsendem Regulierungs- bzw. Handelsdruck erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass sich Engpässe nicht kurzfristig „wegregulieren“ lassen.
Für die konkrete Bedrohungslage bei der Angebotsbilanz rechnet Coface besonders beim Nickel vor: Bis 2035 könnte ein Defizit von rund 6,5 Millionen Tonnen drohen, was etwa 35 Prozent der prognostizierten Nachfrage entspricht. Bei Kupfer sieht der Kreditversicherer je nach Nachfrageentwicklung ein Angebotsdefizit von 1,5 bis 6,5 Millionen Tonnen bis 2035. Zudem soll der rasante Ausbau von Rechenzentren zusätzlichen Druck erzeugen. Auch beim Aluminium zeigt sich nach der Einschätzung der Coface-Analysten zunehmende Knappheit; bis 2035 könnte das Angebotsdefizit auf fünf bis 15 Millionen Tonnen anwachsen.
Für Unternehmen ist die entscheidende Frage weniger „ob“ Knappheit entsteht, sondern wie stark sie sich in Kosten und Beschaffungssicherheit durchschlägt. Coface leitet daraus ab, dass Kupfer- und Nickelpreise bis 2035 nahezu verdoppeln könnten. Auch bei Aluminium werden deutliche Preissteigerungen erwartet. Damit verschiebt sich der Einkauf kritischer Metalle von einem kurzfristig preissensitiven Thema hin zu einem strategischen Wettbewerbsfaktor: Wer Lieferketten nur nach Tageskursen optimiert, läuft in Phasen struktureller Defizite Gefahr, Margen und Ausbaupläne gleichzeitig zu belasten. In der Praxis bedeutet das für Industrie und Infrastrukturbetreiber, dass Verträge, Lieferantenmix, Materialeffizienz und mögliche Substitutionspfade stärker zusammen gedacht werden müssen.
Unterm Strich beschreibt der Coface-Bericht ein Szenario, in dem sich mehrere Nachfrage- und Angebotsbremsen überlagern: Energiewende und Digitalisierung erhöhen die Materialintensität, der Hochlauf neuer Kapazitäten dauert lange, und die Lieferkette bleibt in Teilen geografisch konzentriert. Für die KI- und Tech-Industrie entsteht daraus eine indirekte, aber handfeste Konsequenz: Rechenzentren werden nicht nur durch Rechenleistung begrenzt, sondern künftig auch stärker durch die physischen Inputs, die Stromverteilung und Infrastrukturbau ermöglichen. Wer Projekte plant, sollte daher die Rohstoffseite früh in die Risikoanalyse aufnehmen und nicht als späteres Einkaufsthema behandeln.
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