LONDON (IT BOLTWISE) – Eine europaweite Auswertung von rund zwei Milliarden Aufzugsfahrten zeigt einen klaren Nutzungswandel in Wohn- und Bürogebäuden. Wohnhäuser werden zunehmend auch tagsüber zu Arbeitsorten, während Büros länger als der klassische Arbeitstag aktiv bleiben. Gleichzeitig schwanken die Auslastungen saisonal stark, was Wartungs-, Energie- und Komfortkonzepte im Bestand neu ausrichten muss. Bis 2050 dürfte der Großteil der Gebäude weiter genutzt werden, sodass Modernisierung statt Neubau zum Kern wird.

Der Nutzungswandel im europäischen Gebäudebestand lässt sich offenbar sehr direkt an einer Komponente ablesen, die im Alltag meist nur am Rande wahrgenommen wird: dem Aufzug. Eine Datenauswertung von annähernd zwei Milliarden Aufzugsfahrten in 18 europäischen Städten, getragen von einer breiten Messgrundlage eines Aufzugsanbieters, zeichnet ein Bild, das weit über Betriebsstatistiken hinausgeht. Der Schwerpunkt verlagert sich damit für Eigentümer, Verwalter und Betreiber von der Frage, wie neue Immobilien gebaut werden, hin zur zentralen Aufgabe, vorhandene Portfolios so zu modernisieren, dass sie veränderten Lebens- und Arbeitsmustern weiterhin gerecht werden.
Technisch interessant ist dabei nicht nur, dass mehr oder weniger gefahren wird, sondern wann und in welchen Gebäudetypen. Die Untersuchung zeigt, dass Wohngebäude in Städten zunehmend Funktionen übernehmen, die früher vor allem Büros vorbehalten waren. In Brüssel etwa übersteigt zur Mittagszeit die Aufzugsnutzung in Wohnhäusern die Spitzenwerte der Pendlerströme. Dort entfallen 40 Prozent der werktäglichen Fahrten auf den Zeitraum zwischen 10 und 16 Uhr, was den privaten Raum als Arbeitsumfeld deutlich aufwertet. Im Bürosegment verschiebt sich die Aktivität zusätzlich nach hinten: In London fallen 17 Prozent der Aufzugsfahrten in Büros in die Zeit außerhalb der üblichen Geschäftszeiten und markieren damit den höchsten Wert innerhalb Europas. Für den Betrieb heißt das: Die Anlage muss nicht nur mehr Last in seltenen Zeitfenstern aushalten, sondern auch zuverlässig über längere Zeiträume funktionieren.
Neben dem Tagesrhythmus fällt in der Studie vor allem die saisonale Dynamik auf. Mailand liefert dafür ein prägnantes Beispiel: Im August sinkt die Aufzugsnutzung auf lediglich 47 Prozent eines Normalmonats. Diese Größenordnung ist für Betreiber relevant, weil sie unmittelbar mit Entscheidungen rund um Wartungszyklen, Energie- und Kühlkonzepte sowie die Personalplanung zusammenhängt. Wenn eine Anlage über Wochen deutlich weniger belastet wird, stellt sich die Frage, wie man daraus keinen Effizienzverlust macht – etwa durch zu lange Wartungsabstände oder durch nicht passende Betriebsstrategien für Gebäudeautomation und Haustechnik. Gleichzeitig macht die Perspektive bis 2050 deutlich, warum solche Feinjustierungen im Bestand so wichtig sind: Die Prognose, dass bis dahin bis zu 95 Prozent des heutigen Gebäudebestands weiter genutzt werden, reduziert den Spielraum für rein kapazitive Neubauprogramme. Modernisierung muss also in den Alltag passen, nicht umgekehrt.
Wie stark der Wandel je nach Stadt ausfällt, zeigt sich auch in den deutschen Datenpunkten. Frankfurt am Main sticht durch eine ungewöhnlich gleichmäßige Auslastung über das Jahr hervor, mit den geringsten saisonalen Schwankungen aller analysierten Städte. Die Differenz zwischen dem aktivsten und dem ruhigsten Monat liegt dort unterhalb der Hälfte dessen, was sich im europäischen Durchschnitt beobachten lässt. Für Bestandsverantwortliche bedeutet das: Grundlastplanung und die Ableitung belastbarer Wartungsintervalle fallen leichter, weil die Betriebsbedingungen weniger stark pendeln. Wartung, Energieverbrauch und Personalressourcen lassen sich dadurch tendenziell planbarer aufstellen – ein Vorteil, wenn Flächen langfristig wirtschaftlich betrieben werden sollen.
Hamburg hingegen zeigt, dass sich Nutzungsprofile auch am Wochenende klar abbilden können. Die Aufzugsnutzung am Samstagabend liegt um 21 Prozent über dem durchschnittlichen nächtlichen Aktivitätsniveau der Stadt und sogar über dem Freitagswert, der in vielen europäischen Städten typischerweise die Spitze markiert. Das deutet auf eine kombinierte Wohn- und Ausgehnutzung am Wochenende hin, bei der die Anlagen nicht wie „Büro-Infrastruktur“ nur werktags denken dürfen. München schließlich wird als Referenzfall beschrieben, der den europäischen Durchschnitt am präzisesten abbildet. Für Portfoliobetreiber mit europaweit verteilten Immobilien ist so ein Vergleichswert praktisch: Er erlaubt eine Einordnung, ob ein Standort eher stabilen Mustern folgt oder stärker von Lastspitzen und längeren Betriebsfenstern geprägt ist.
Entscheidend ist am Ende die Betriebslogik. Die Analyse macht deutlich, dass Gebäude, die ursprünglich für andere Nutzungszwecke geplant wurden, heute neuen Anforderungen unterliegen. Sicherheit, Komfort und Wirtschaftlichkeit bleiben zwar Konstanten, aber die Wege dorthin ändern sich: Wer die Gewohnheiten der Nutzer nicht berücksichtigt, riskiert Fehlanpassungen in der Instandhaltung oder im Energiemanagement. Frau Karla Lindahl, EVP für Europa bei KONE, hebt in diesem Zusammenhang die Vielfalt der Nutzungsarten hervor und betont, dass die Infrastruktur vieler Gebäude weitgehend noch bis 2050 in Betrieb sein wird. Genau hier liegt der operative Hebel: Moderne Technologien machen es möglich, Modernisierungspakete für Aufzugsanlagen so zu planen, dass sie sich laut den genannten Beispielen innerhalb einer Woche installieren lassen. Für Mieter und Eigentümer ist das relevant, weil kurze Bau- und Umrüstfenster die Ausfallzeiten reduzieren können – und damit auch die Wahrscheinlichkeit steigt, dass der städtische Aktivitätsrhythmus im Alltag stabil bleibt.
Für die Branche folgt daraus vor allem eines: Modernisierung ist nicht nur ein technisches Projekt, sondern eine Antwort auf messbare Nutzungsdaten. Betreiber sollten deshalb Betriebs- und Wartungsstrategien stärker mit den realen Fahrprofilen verknüpfen – und nicht allein mit historischen Annahmen aus der Zeit, als „Wohnen“ und „Arbeiten“ noch klar getrennte Kalender hatten. Der nächste Schritt liegt in einer datenbasierten Planung, die Tages- und Wochenmuster genauso berücksichtigt wie saisonale Dellen. Damit rückt der Bestandsbetrieb in den Fokus: Wenn bis 2050 der überwiegende Teil der Gebäude steht, entscheidet die Qualität der Anpassung darüber, ob Städte auch künftig reibungslos funktionieren – nicht durch Neubaugeschwindigkeit, sondern durch kluge Modernisierung im laufenden Betrieb.
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