MOMBASA / LONDON (IT BOLTWISE) – Die FAO meldet 2024 einen neuen Produktionshöchststand von insgesamt 235 Millionen Tonnen aus Wassertieren und Algen. Gleichzeitig verschiebt sich die Gewichtung: Aquakultur überschreitet erstmals 100 Millionen Tonnen und wächst schneller als die Fangfischerei. Der Bericht macht aber auch deutlich, dass ein großer Teil der globalen Bestände nicht innerhalb biologisch nachhaltiger Grenzen genutzt wird. Für Unternehmen und Lieferketten wird damit Nachweisbarkeit, Ressourcenplanung und zügige Umstellung auf nachhaltige Praktiken noch dringlicher.

Wenn Nahrung aus dem Meer zur strategischen Ressource wird, zeigt sich das selten so klar wie in einem Rekordjahr. Laut einem aktuellen FAO-Bericht stieg die weltweite Produktion aus Wassertieren sowie aus Algen und Meeresalgen 2024 auf insgesamt 235 Millionen Tonnen. Diese Gesamtmenge setzt sich aus 195 Millionen Tonnen Wassertieren und 40 Millionen Tonnen Algen und Meeresalgen zusammen. Die Veröffentlichung knüpft an eine langjährige Entwicklung an: Seit 1961 hat sich das Angebot an Lebensmitteln aus Wassertieren deutlich schneller erhöht als das Bevölkerungswachstum. Für die Industrie heißt das: Der Markt wächst, aber er wächst nicht überall gleichmäßig und nicht ohne ökologische Nebenbedingungen.
Technisch und operativ verschiebt sich damit der Schwerpunkt in Richtung Aquakultur. Erstmals hat die Aquakulturproduktion bei tierischen Arten die symbolische Marke von 100 Millionen Tonnen überschritten und wuchs um 8,4 Prozent gegenüber dem Stand vor zwei Jahren. Parallel legte die Fangfischerei auf 92 Millionen Tonnen zu, allerdings nur um 1,7 Prozent. Der Vergleich macht deutlich, dass Unternehmen im Wettbewerb um Skalierung und Stabilität zunehmend auf kontrollierbare Produktionssysteme setzen: Zuchtstandorte, Futterlogistik, Wasserqualität und Krankheitsmanagement werden zu den zentralen Stellschrauben. Der Markt belohnt die Planbarkeit, solange Transport- und Betriebskosten sowie Umweltauflagen beherrschbar bleiben.
Die geografische Verteilung des Wachstums ist dabei ein entscheidender Kontext für Lieferketten und Regulierung. Der Bericht ordnet die Aquakulturproduktion vor allem Asien zu: 89 Prozent der gesamten Aquakulturproduktion von Wassertieren stammen aus der Region, wobei China weltweit führend ist. Diese Konzentration ist für Einkäufer attraktiv, weil Produktionskapazitäten in bestimmten Clustern entstehen und sich dadurch Skaleneffekte realisieren lassen. Gleichzeitig erhöht sie das Risiko von Engpässen, etwa durch lokale Umweltbedingungen, Hitzewellen oder Pandemien in betroffenen Produktionsräumen. Wer exportiert, braucht deshalb belastbare Planungsdaten, leistungsfähige Logistik und eine nachvollziehbare Dokumentation der Produktionsbedingungen, um Lieferverzögerungen und Reklamationen zu reduzieren.
Am stärksten spürbar wird die ökologische Spannung jedoch in der Nachhaltigkeitsbilanz der Meeresfischerei. FAO-Direktor Manuel Barange betont die Diskrepanz zwischen Entnahme und biologisch tragfähigen Grenzen: Schätzungsweise werden 62,4 Prozent der weltweit befischten Bestände innerhalb nachhaltiger Grenzen bewirtschaftet. Fast 38 Prozent hingegen gelten als überfischt. Barange formulierte dazu eine klare Warnung: „Wir entnehmen dem Meer zu viel.“ Diese Aussage ist für Unternehmen nicht nur ein moralisches Argument, sondern ein Risiko-Faktor. Überfischung führt zu Instabilität bei Verfügbarkeit, Preisen und zur Verschärfung von Auflagen. Regionale Unterschiede machen die Lage zusätzlich komplex: Vor der nordwestafrikanischen Küste werden nach Bericht mehr als 50 Prozent der Bestände als überfischt beschrieben.
Technischer Vergleich der Produktionspfade hilft, die Konsequenzen einzuordnen: Fangfischerei ist stark von natürlichen Schwankungen abhängig, während Aquakultur zwar stärker steuerbar ist, aber andere Belastungen mit sich bringt. Besonders deutlich wird das am Beispiel großer kommerzieller Arten wie Thunfisch und am Zustand einzelner Bestände etwa beim Atlantischen Lachs, der unter verschlechtertem Lebensraum, Überfischung und Umweltvariabilität leidet. In der Branche entsteht daraus ein operativer Druck, der über das einzelne Erntejahr hinausreicht: Unternehmen müssen Portfolio-Strategien entwickeln, alternative Herkunftslinien aufbauen und die ökologische Leistungsfähigkeit ihrer Lieferanten über Audits und Messwerte belegen. Ergänzend gewinnt die digitale Nachweisführung an Bedeutung, etwa für die Herkunftskennzeichnung entlang der Wertschöpfungskette.
Auch Wettbewerb und Marktmechanik verändern sich dadurch. Neben klassischen Zuchtbetrieben rücken technologienahe Akteure in den Fokus, die versuchen, die Biologie kontrollierbarer zu machen. Als Beispiel kann man den biotechnologischen Ansatz nennen, der in der Branche unter anderem von AquaBounty verfolgt wird: Ziel sind schneller wachsende Zuchtlinien, um bei gleicher Fläche mehr Output zu erreichen. Ob und wie schnell sich solche Konzepte durchsetzen, hängt jedoch stark von regulatorischen Entscheidungen und gesellschaftlicher Akzeptanz ab. Experten aus dem Nachhaltigkeits- und Meeresressourcenbereich erwarten daher nicht nur technologischen Fortschritt, sondern vor allem strengere Bewertungsmaßstäbe für Einträge, Fangbelege und Habitat-Impact. Für den Markt bedeutet das: Transparenz wird zu einem Wettbewerbsvorteil, nicht nur zu einer Pflichtübung.
Für die Zukunft lassen sich mehrere Entwicklungslinien ableiten, die sowohl wirtschaftlich als auch regulatorisch wirken. Erstens wird das Wachstum der Aquakultur weiter anhalten müssen, um die steigende Nachfrage nach Fisch und Meeresfrüchten abzufedern, andernfalls geraten Importe und Preise in Turbulenzen. Zweitens dürfte die Fangfischerei stärker unter Druck geraten, weil Überfischung nicht beliebig „ausgeglichen“ werden kann: Wenn Bestände einbrechen, sinkt die Ertragsfähigkeit langfristig. Drittens werden Berichtspflichten und Nachhaltigkeitsstandards zunehmen, etwa im Kontext von EU- und internationalen Vorgaben zur Nachweiskette und zum Schutz sensibler Bestände. Unternehmen, die heute in Mess-, Reporting- und Verifizierungsprozesse investieren, bauen sich damit Resilienz auf, während Nachzügler mit höheren Betriebskosten und Lieferunterbrechungen rechnen müssen.
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