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BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Muskel-Skelett-Erkrankungen verursachen in Deutschland einen erheblichen Teil der Arbeitsausfälle: Nach DAK-Auswertungen entfallen rund 19,8 Prozent aller Fehltage auf Rückenschmerzen und verwandte Beschwerden. Gleichzeitig zeigen aktuelle Bewertungen, dass ergonomische Arbeitsplatzanpassungen allein häufig nicht ausreichen, um Schmerzen oder Fehlzeiten nachhaltig zu senken. Mit dem IGAcheck wird zwar ein Instrument zur Erfassung von Belastungsprofilen bereitgestellt, doch Unternehmen forderten in der Praxis eine Überarbeitung. Für die Prävention rückt damit stärker die Kombination aus technischen Maßnahmen, Bewegungswechseln und verhaltensbasierten Programmen in den Fokus.

Fehltage durch Muskel-Skelett-Erkrankungen: 19,8 % und neue Präventionswege
Fehltage durch Muskel-Skelett-Erkrankungen: 19,8 % und neue Präventionswege (Foto: IT BOLTWISE)
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Arbeitsbedingte Muskel-Skelett-Erkrankungen stehen erneut im Zentrum der Präventionsdebatte, weil sich die Belastungen in der Arbeitswelt deutlich verschoben haben. Mit Globalisierung, stärkerer Flexibilisierung und dem Ausbau der Informations- und Dienstleistungstätigkeiten steigen zwar vor allem psychomentale sowie psychosoziale Anforderungen. Trotzdem bleibt ein großer Teil der Beschäftigten in Deutschland körperlich belastet: Mehr als ein Viertel arbeitet weiterhin mit Tätigkeiten, die den Bewegungsapparat regelmäßig fordern. Genau an dieser Schnittstelle zwischen körperlicher Belastung und zunehmender Büro- und Bildschirmarbeit lassen sich die Ursachen für Fehlzeiten oft nicht mehr mit einem einzelnen Hebel erklären, sondern nur mit einem Bündel aus Analyse, Arbeitsplatzgestaltung und Verhaltenstraining.

Als praktisches Werkzeug zur systematischen Erfassung von Belastungsschwerpunkten adressiert die Initiative Gesundheit und Arbeit (IGA) den sogenannten IGAcheck. Das Instrument soll branchen- und berufsbezogene Anforderungs- und Belastungsprofile erstellen, damit Betriebe ihre Präventionsaktivitäten zielgerichteter steuern können. In der Praxis zeigte sich jedoch nach vier Jahren Einsatz, dass das Tool die Erwartungen von Anwendern – insbesondere bei der Anwendung im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung – nicht durchgängig erfüllt. Daraufhin erfolgte eine überarbeitete Neuausgabe. Das ist nicht nur ein redaktioneller Schritt, sondern berührt einen Kernpunkt: Die Gefährdungsbeurteilung muss rechtssicher, belastbar und verständlich genug sein, um in heterogenen Unternehmensrealitäten von kleinen und mittleren Betrieben auch wirklich umgesetzt zu werden.

Wie unterschiedlich Unternehmen mit Belastungen umgehen, zeigt zudem eine Studie des Instituts Arbeit und Wirtschaft (IAW) an der Universität Bremen in Kooperation mit der Arbeitnehmerkammer Bremen zur Gestaltung hybrider Arbeit. Während in einer untersuchten Behörde psychische und physische Belastungen systematisch in die Gefährdungsbeurteilung einflossen und Homeoffice-Ausstattung sowie Erreichbarkeitsregeln klar geregelt waren, dominierten bei einem privaten IT-Dienstleister eher informelle Absprachen. Dort verlagerte sich Verantwortung auf die Beschäftigten, die ergonomische Stühle und Schreibtische teilweise privat anschafften. Für Arbeitgeber ergibt sich daraus ein strategisches Dilemma: Hybride Arbeitsmodelle erhöhen die Komplexität, weil der Arbeitsplatz nicht mehr nur im Betrieb existiert, sondern im privaten Raum. Gleichzeitig bleibt die Aufgabe bestehen, Gefährdungen so zu erfassen und zu steuern, dass die Prävention nicht zufällig verteilt ist.

Technisch und evidenzbasiert betrachtet, reicht die reine Optimierung der Ausstattung allerdings oft nicht aus. Ein aktualisiertes Cochrane-Review aus dem Jahr 2026 fand kaum Hinweise darauf, dass ergonomische Arbeitsplatzanpassungen allein Arm-, Nacken- oder Schulterbeschwerden lindern oder krankheitsbedingte Fehlzeiten reduzieren. Das ist für viele Betriebe zunächst kontraintuitiv, denn höhenverstellbare Schreibtische, passende Stühle und Schulungen wirken auf den ersten Blick wie direkte Risikominderung. Die Datenlage legt aber nahe, dass der Bewegungsapparat weniger auf „die perfekte Sitzposition“ reagiert als auf den Mix aus Bewegung, Variation und Belastungssteuerung im Tagesverlauf. Passend dazu beziffern Auswertungen der DAK den Anteil von Muskel-Skelett-Erkrankungen wie Rückenschmerzen auf rund 19,8 Prozent aller Fehltage in Deutschland; der Krankenstand liegt dabei bei 5,4 Prozent und die durchschnittliche Dauer der Krankschreibung bei 19,5 Kalendertagen pro Kopf.

Ergonomik allein greift also häufig zu kurz – und das lässt sich auch an Empfehlungen aus dem Arbeitsschutz ablesen. Dr. Britta Weber vom Institut für Arbeitsschutz der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) sieht das Hauptproblem der Bildschirmarbeit vor allem in langandauerndem monotonem Sitzen. Neben der Anpassbarkeit von Tisch und Stuhl sowie einer Orientierung an der 90-Grad-Regel wird ein regelmäßiger Haltungswechsel als entscheidend genannt; zudem seien höhenverstellbare Schreibtische zwar empfehlenswert, könnten aber keine sportliche Betätigung ersetzen. Auch bei „Walking Pads“ gibt es aus Arbeitsschutzsicht Vorbehalte, weil Stolper- und Sturzgefahren das Risiko erhöhen können, wenn die Nutzung nicht sicher organisiert ist. Als Standard für Büroarbeitsplätze gelten zudem Beleuchtungsstärken von in der Regel 500 Lux und eine Monitorneigung, bei der die Oberkante weiter vom Nutzer entfernt ist. Praktisch bedeutet das: Haltungswechsel oder Bewegungspausen alle 30 bis 60 Minuten bilden für viele Konstellationen den sinnvollsten Takt, um Belastungsspitzen zu brechen.

Damit rückt ein multimodaler Ansatz in den Fokus, der Technik mit Verhalten verknüpft – und zugleich die ersten Beschwerden früh abfängt. Die Deutsche Rentenversicherung Bayern Süd stellte dafür mit RV Fit ein Präventionsprogramm vor, das Berufstätigen bei ersten Anzeichen ein kostenfreies Angebot auf den Säulen Bewegung, Ernährung und Stressbewältigung macht. Solche Programme adressieren, dass Schmerzen und Funktionsbeeinträchtigungen selten nur mechanisch entstehen: Stressverarbeitung, Regeneration und Alltagsbewegung beeinflussen die Belastbarkeit, selbst wenn der Arbeitsplatz optimal eingestellt ist. Ergänzend lohnt auch der Blick ins Ausland: Internationale Daten der spanischen Arbeitsschutzversicherung Umivale Activa zeigen, dass 95,8 Prozent der im Jahr 2025 erbrachten Gesundheitsleistungen auf traumatologische Läsionen entfielen; amtliche Jahresberichte in Spanien ordnen zudem rund 30 Prozent der Arbeitsunfälle mit Ausfall überanstrengungsbedingten Ursachen zu. Für deutsche Unternehmen unterstreicht das vor allem die gemeinsame Linie, dass Prävention an der Schnittstelle von Ergonomie, Bewegungsprofil und Risikosteuerung ansetzen muss.

Aus Unternehmenssicht entscheidet sich der Erfolg weniger an einzelnen Maßnahmen als an der Umsetzung in Prozessen. Wenn Gefährdungsbeurteilungen in der Praxis scheitern, dann häufig deshalb, weil sie zu kompliziert sind oder zu wenig in die reale Organisation passen – genau hier setzt die überarbeitete Neuausgabe des IGAcheck an. Für die nächsten Schritte heißt das konkret: Betriebe brauchen verständliche Auswertungen ihrer Belastungsprofile, klare Regeln für den hybrid geprägten Alltag und ein Präventionsangebot, das Beschäftigte nicht erst bei fortgeschrittenen Beschwerden erreicht. Auch KI kann dabei indirekt helfen, etwa bei der Strukturierung von Belastungsdaten oder beim Auffinden von Mustern in Meldungen; entscheidend bleibt jedoch, dass der Mensch weiterhin im Mittelpunkt steht und Maßnahmen messbar auf die Arbeitssituation abgestimmt werden.

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