SÜDTIROL / LONDON (IT BOLTWISE) – Ferm Labs aus der Schweiz/Italien erhält 3 Millionen Euro, um seine Deep-Tech-Plattform zur Fermentation zu skalieren. Das Startup setzt auf gentechnikfreie Mikroben und bringt Fermentationsprozesse von Wochen auf Stunden. Im Fokus steht Kokumesan, eine milchbasierte Zutat für industrielle Käserezepturen in den USA und Europa. Mit dem Kapital will Ferm Labs Bioprocessing-Kapazitäten in Südtirol ausbauen und Vertrieb sowie F&E verstärken.

Ferm Labs macht aus Fermentation eine messbar schnellere Produktionsstufe und kombiniert das mit einer klaren Zutaten-Strategie: Statt Aroma und Funktion aus möglichst vielen Einzellösungen zusammenzusetzen, soll die eigene Plattform natürliche Geschmacksträger gezielt erzeugen. Das schweizerisch-italienische Unternehmen hat dafür eine Seed-Runde über 3 Millionen Euro organisiert, wobei CDP Venture Capital als Lead-Investor auftritt. Mitbeigetragen haben laut Angaben der Runde Fund F sowie Redstone in Kooperation mit Euregio+ und Alpine VC. Ergänzend wird auch der Lebensmittelkonzern Loacker als Mitinvestor genannt.
Technisch beschreibt Ferm Labs den Kernansatz als Steuerung gentechnikfreier Mikroben, um Fermentationsprozesse von Größenordnungen „von Wochen auf Stunden“ zu bringen. Der Unterschied ist für die Produktionsplanung nicht nur kosmetisch: Kürzere Prozesszeiten können die Auslastung von Anlagen erhöhen, verschieben Laufzeiten in Pilotanlagen und verbessern die Reaktionsfähigkeit bei Rezepturänderungen. Als Zielbild nennt das Startup zudem ein High-Yield-System, das Nebenströme der Agrarwirtschaft in hochpotente Kokumi-Peptide umwandeln soll. Damit zielt die Plattform auf clean-label Anwendungen ab, in denen Verbrauchergruppen weniger Zusatzstoffe erwarten und Rezepturen ohne klassische E-Nummern auskommen sollen.
Im Mittelpunkt des Go-to-Market steht Kokumesan als Flaggschiff-Produkt. Ferm Labs positioniert die milchbasierte Zutat für industrielle Käserezepte in den USA und in Europa, weil sie dort typischerweise über Reifungsprozesse, Fett- und Salzhaushalte sowie Haltbarkeit gesteuert werden müssen. Der konkrete Nutzen, den das Unternehmen adressiert, lautet: ein „echtes Reifekäse-Aroma“ bei zugleich reduzierten Herstellungskosten in den Fabriken. Außerdem nennt Ferm Labs als Programmpunkte eine Senkung von Fett- und Salzanteilen sowie eine signifikante Verbesserung der Haltbarkeit – Punkte, die in der Praxis eng mit der Frage verknüpft sind, wie sich Geschmack, Textur und mikrobiologische Stabilität im Produkt gleichzeitig optimieren lassen.
Auch die Tonalität der Unternehmenskommunikation ist deutlich auf den wirtschaftlichen Effekt ausgerichtet. In den vorliegenden Angaben sagt Mattia Baroni, CTO und Mitgründer von Ferm Labs: „Gesetze der Geschmackskinetik neu geschrieben“ und konkret: „Wir haben die Gesetze der industriellen Geschmackskinetik schlichtweg neu geschrieben, erklärt Mattia Baroni, CTO und Mitgründer von Ferm Labs. Indem wir Fermentationstempo und Ausbeute massiv steigern, eliminieren wir den Preisaufschlag natürlicher Zutaten – bei voller Geschmacksintensität und unschlagbaren Einsatzkosten.“ Stephanie Lupold, CEO und Mitgründerin, ergänzt die Stoßrichtung mit Blick auf das Käsesegment und die Erweiterung des Portfolios: „Die Ära der Geschmacks-Kompromisse ist offiziell vorbei“, und weiter: „Kokumesan beweist, was unsere Plattform im Käsesektor leisten kann, aber das ist erst der Anfang. Wir bauen eine Kategorie-prägende B2B-Zutaten-Engine auf – und treiben die nächste Ära natürlicher Lebensmittel an, indem wir Deep-Tech-Bioprocessing mit kompromisslosem Geschmack skalieren.“
Für den Markt ist das Timing vor allem aus einem Grund relevant: Zutatenlieferanten stehen zunehmend unter Druck, sowohl regulatorische wie auch sensorische Anforderungen zu erfüllen, während gleichzeitig die Kosten pro Kilogramm funktionaler Komponenten sinken müssen. Wenn Ferm Labs tatsächlich Fermentationstaktungen von Wochen auf Stunden verschiebt, verändert das die Vergleichbarkeit zwischen klassischen Naturzutaten, enzymatischen Zubereitungen und fermentationsbasierten Alternativen. Genau in dieser Lücke können B2B-Zutatenhersteller mit Skaleneffekten punkten, weil Kunden in der Regel weniger an „Technologie“ interessiert sind als an stabilen Rezepturen, reproduzierbaren Chargen und planbaren Produktionsfenstern.
Das frische Kapital soll laut Angaben gezielt eingesetzt werden: Der Ausbau der Bioprocessing-Anlagen in Südtirol ist dabei ein zentraler Hebel. Daneben plant Ferm Labs die Skalierung der europäischen B2B-Vertriebsmannschaft sowie die Aufstockung des F&E-Teams für neue Produktkategorien. Dabei passt die Investitionslogik zu einer typischen Entwicklungsreise in der Lebensmittel-Deep-Tech-Welt: Zuerst wird der Prozess robust gemacht, dann werden Anwendungen im Produktkontext validiert, und erst danach wird das kommerzielle Tempo hochgefahren. Aus derselben Perspektive wird auch die Bewertung der Lead-Investor-Rolle verständlich: Enrico Filò, Head of Green Transition Fund bei CDP Venture Capital, sagt in den vorliegenden Angaben, Ferm Labs habe eine „außergewöhnliche Deep-Tech-Plattform“ entwickelt, die Effizienz, Nachhaltigkeit und Performance in der Lebensmittelindustrie neu definiere; die Runde soll das Unternehmen bei industrieller Skalierung und europäischer Expansion unterstützen.
Für Anwender in der Lebensmittelindustrie liegt der praktische nächste Schritt weniger in Laborversuchen als in der Integration: Welche Zielparameter lassen sich in bestehenden Produktionslinien mit vertretbarem Aufwand erreichen, und wie stabil sind die Ergebnisse über Chargen hinweg? Ferm Labs adressiert dafür genau die Klassiker der Käseindustrie – Aromaentwicklung, Fett- und Salzbilanz sowie Haltbarkeit – und setzt gleichzeitig auf clean-label Ausrichtung ohne E-Nummern sowie ohne hohe Natriumwerte. Wenn Kokumesan in den genannten Zielmärkten tatsächlich Kostennachteile traditioneller Naturzutaten reduziert, könnte das den Wettbewerb um „funktionale Geschmacksbausteine“ verschärfen und den Druck erhöhen, Bioprocessing-Prozesse nicht nur geschmacklich, sondern vor allem auch zeitlich und betriebswirtschaftlich zu optimieren.
Für die Branche ist das mehr als eine einzelne Seed-Runde: Es steht exemplarisch für den Trend, dass Fermentation in Richtung industrielle Prozesssteuerung rückt. Entscheidend wird dabei sein, wie gut Ferm Labs aus dem Versprechen „schneller Fermentieren“ eine industrielle Qualitätskennzahl macht, die Lieferketten, Produktionsplanung und Produktentwicklung gleichermaßen entlastet. Damit wäre die Plattform nicht nur eine Zutatenidee, sondern ein wiederholbarer Engineering-Ansatz für neue Geschmacksklassen.
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