HAMBURG / LONDON (IT BOLTWISE) – Fielmann will seine Expansion in Deutschland mit Blick auf den Jahresverlauf weiter vorantreiben und sieht nach Angaben des Konzernchefs erhebliches Wachstumspotenzial. Der Marktanteil lag zuletzt nach Absatz bei 6,7 Millionen Brillen bei 57 Prozent, nach Umsatz bei 25 Prozent. Gleichzeitig betonte er im Interview, dass das Bundeskartellamt aus seiner Sicht keine Hürde darstelle, solange Kunden weiterhin Auswahl hätten. Während die Aktie über XETRA zeitweise um 0,96 Prozent auf 41,35 Euro nachgab, bleibt die Filialstrategie damit der zentrale operative Treiber der Debatte.

Der Kursrückgang der Fielmann-Aktie wirkt zunächst wie ein kurzfristiges Signal, tatsächlich dreht sich die Diskussion aber um etwas Grundsätzlicheres: Wie viel Wachstum ist im deutschen Augenoptikmarkt noch möglich, ohne in wettbewerbsrechtliche Probleme zu geraten? Laut Angaben aus einem Interview der Deutschen Presse-Agentur sieht Konzernchef Thomas Fielmann weiterhin Raum für zusätzliche Filialen und verweist auf eine Dynamik, die nicht allein aus dem Filialnetz entsteht, sondern auch aus der Preisintensität im Markt. Dass die Aktie über XETRA zeitweise um 0,96 Prozent auf 41,35 Euro fiel, zeigt vor allem die klassische Diskrepanz zwischen Börsenrhythmus und strategischer Ladenbau- und Standortplanung.
Operativ baut Fielmann die Expansion auf eine bereits breite Basis. Im jüngsten Geschäftsbericht heißt es, dass die Augenoptiker-Kette bislang mehr als 700 Geschäfte in den drei Ländern betreibt, in denen sie nach eigenen Angaben aktiv ist. In Deutschland, so der Konzernchef, sei das Wachstumspotenzial noch nicht ausgeschöpft; der Marktanteil sei bereits ausgeweitet worden, und er zeigte sich zuversichtlich, dass dies auch im laufenden Jahr erneut gelingt. Für die Einordnung sind die Kennzahlen wichtig: Nach Absatz kam der Marktanteil zuletzt auf 57 Prozent bei 6,7 Millionen Brillen, nach Umsatz auf 25 Prozent. Diese Staffelung macht deutlich, warum der Wettbewerb in der Fläche so entscheidend ist: Wer beim Volumen stark ist, kann Skaleneffekte bei Einkauf, Fertigungstiefe und Logistik besser ausspielen.
Wettbewerbspolitisch steht bei Fielmann weniger die Frage „ob“, sondern „wie“ im Mittelpunkt. Der Konzernchef sagte, es gebe Schwierigkeiten mit dem Bundeskartellamt nicht; vielmehr wolle die Aufsicht laut seinen Aussagen vor allem verhindern, dass Kunden in einer Stadt faktisch keine Auswahl mehr hätten. Seine Argumentationslinie: Wenn in einer Stadt etwa sechs Augenoptiker existieren und Fielmann davon „einer von mehreren“ ist, gebe es kartellrechtlich keine Herausforderung. Damit verschiebt sich die strategische Planung in den Bereich der Standortsegmentierung: Filialneueinrichtungen müssen so geplant werden, dass sie den Wettbewerb nicht „zusammenkappen“, sondern die Präsenz mehrerer Anbieter respektieren. Gleichzeitig heißt das nicht, dass jede Expansion automatisch unproblematisch wäre, sondern dass der Konzern seine Wachstumslogik entlang dieser Auswahl-Argumentation ausrichtet.
Die zweite große Rahmenbedingung ist der Charakter des Marktes selbst. Fielmann bezeichnet Deutschland als den wettbewerbsintensivsten Augenoptikmarkt der Welt und ordnet das vor allem der hohen Preissensibilität der Kunden zu. Wenn Kaufentscheidungen „vor allem auf Grundlage der Preise“ fallen, wird aus Filialwachstum nicht nur ein Thema der Reichweite, sondern auch ein Thema der Kalkulation: Welche Preispunkte lassen sich im jeweiligen Einzugsgebiet durchsetzen, ohne Margen dauerhaft zu drücken? Hier gewinnt die Marktstruktur an Relevanz. Der wichtigste Wettbewerber in Deutschland ist Apollo, der zur EssilorLuxottica-Gruppe gehört und eigenen Angaben zufolge inklusive Franchisepartner rund 900 Filialen betreibt. In einem solchen Umfeld wird jeder Standort zu einer Mikro-Wettbewerbsfrage: Wie schnell kann ein neues Geschäft Kunden gewinnen, wie stabil sind Wiederkäufe und Beratung, und wie reagiert der Wettbewerb direkt im selben Preisband?
Dass der Konzernchef zugleich keine größeren Zukäufe anderer Optiker in Deutschland plant, passt zu dieser Logik. Statt Akquisitionen setzt Fielmann auf organisches Wachstum über die eigene Filialentwicklung. Das reduziert zwar kurzfristig Integrationsrisiken und heterogene Prozesse, verlagert aber die gesamte Ausführungsqualität auf Auswahl, Aufbau und Betrieb neuer Niederlassungen. Zum Hintergrund gehört auch die Historie des Unternehmens: Die erste Niederlassung öffnete Gunter Fielmann 1972 in Cuxhaven; heute leitet Thomas Fielmann seit November 2019 das Unternehmen allein. In Europa und den USA betreibt Fielmann rund 1.300 Geschäfte. Diese internationale Breite liefert Erfahrung, kann aber im deutschen Markt dennoch nur bedingt auf identische Wettbewerbsbedingungen übertragen werden, weil Preislogik und Filialdichte regional sehr unterschiedlich ausfallen.
Für Anleger und Marktbeobachter ist damit weniger die Frage „ob“ Expansion stattfindet, sondern „welcher Anteil des Potenzials“ in konkrete Neueröffnungen überführt wird. Der Konzernchef deutet einen Weg an, der sich auf den Standortmix und den Marktanteilshebel stützt. In einem preisgetriebenen Umfeld kann das bedeuten, dass die Kennzahlen im Absatz stärker wachsen als die Erlöse, sofern Preisspielräume eingeschränkt bleiben. Umgekehrt schafft ein stabiles Volumen eine Grundlage, um Kosten je Stück zu senken und die Versorgungskette effizient zu betreiben – ein Punkt, der in der Praxis oft darüber entscheidet, ob der Marktanteil nach Absatz und nach Umsatz gleichmäßig steigt. Genau diese Divergenz zeigt sich in den genannten Zahlen: Absatzdominanz bei gleichzeitig niedrigerem Umsatzanteil.
Unterm Strich lässt sich die Meldung als Signal für eine Fortsetzung der Wachstumsstrategie lesen, während die Börse die unmittelbare Kursreaktion eher an kurzfristige Erwartungen knüpft. Die Aktie reagiert auf die Gegenwart; die Unternehmensplanung richtet den Blick auf Standorte, Kundenwege, Lieferketten und Wettbewerbsdynamik über Monate hinweg. Wenn Fielmann das Wachstumspotenzial in Deutschland aktiv nutzen will, wird entscheidend sein, wie konsistent neue Filialen in den bestehenden Portfolio-Logikraum passen und wie schnell sie in der jeweiligen Preisumgebung Nachfrage generieren. Für den Markt bleibt dabei zentral, dass sowohl das Wettbewerbsbild als auch die kartellrechtliche Perspektive an der „Auswahl für den Kunden“ hängt – und dass ein Markt mit rund 900 Apollo-Filialen in Deutschland das Maß für jede zusätzliche Neueröffnung setzt.
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