WIEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Der Jahresbericht der österreichischen Finanzmarktaufsicht zeigt, wie der Finanzsektor 2025 trotz geopolitischer und technologischer Umbrüche stabil blieb. Besonders im Fokus stehen neue EU-Regeln für den Krypto-Markt nach MiCAR sowie erstmals anwendbare Vorgaben für digitale Resilienz mit DORA. Zugleich beschreibt die FMA, dass Pilotprojekte mit KI bereits in Betrugsbekämpfung, Identifikationsprozessen und der Bearbeitung von Schadensmeldungen getestet werden. Der Bericht verbindet damit Aufsicht, Kapitaldisziplin und Cyber-Modernisierung zu einer klaren, operativen Roadmap.

Die Finanzwelt in der DACH-Region steht 2025 unter einem doppelten Druck: Einerseits verschärfen geopolitische Spannungen und globale Marktverwerfungen das Risiko-Umfeld, andererseits drängen digitale Technologien in bisherige Kernprozesse von Banken, Versicherern und Marktplattformen. Genau vor diesem Hintergrund hat die österreichische Finanzmarktaufsicht ihren Jahresbericht 2025 vorgelegt und dabei den Schwerpunkt auf Sicherheit, Kompetenz und Wirksamkeit der Aufsicht gelegt. In den Kernaussagen zieht sich ein Leitmotiv durch: Sicherheit entsteht nicht automatisch durch Regelwerke, sondern muss fortlaufend neu erarbeitet und in der Praxis nachgewiesen werden.
Technisch wird die Aufsicht dabei konkreter als viele Beobachter zunächst erwarten: Die FMA verweist auf solide Kapital- und Liquiditätskennziffern heimischer Institute und leitet daraus ein arbeitsteiliges Sicherheitsverständnis ab. Für die Aufsicht bedeutet das, dass Kapitalaufbau, konservative Bewertung und ausreichende Vorsorgen nicht nur „Compliance“ sind, sondern die Grundlage für das Abfedern externer Schocks bilden. Besonders relevant ist der Hinweis, nationale Risiken wie etwa im Immobilienbereich eng zu monitoren. Das ist zugleich ein historisch wiederkehrendes Muster: In vielen Finanzkrisen entstanden Folgerisiken weniger aus dem großen globalen Ereignis selbst, sondern aus schlecht gepufferten regionalen Konzentrationen.
Ein zentraler Block des Berichts betrifft die Krypto-Regulierung. 2025 war das erste Jahr der Aufsicht über den Kryptomarkt im Rahmen der EU-Verordnung MiCAR. Damit verschiebt sich die Aufsicht von einem weitgehend beobachtenden Modell hin zu einem strukturierten, datenbasierten Regime: Für die von der FMA lizenzierten Kryptowerte-Dienstleister (CASPs) werden erstmals Meldedaten im Jahresbericht sichtbar gemacht. Genau hier treffen Regulierung und Informationsarchitektur aufeinander, denn wirksame Aufsicht verlangt vergleichbare, rechtzeitig bereitgestellte Daten. Im europäischen Kontext ist außerdem entscheidend, dass Aufsicht nicht fragmentiert, sondern harmonisiert erfolgen soll; der Bericht plädiert für ein Modell, in dem größere CASPs stärker durch die ESMA geprägt werden, während kleinere national bleiben.
Parallel dazu rückt digitale Resilienz als Querschnittsthema in den Vordergrund. Ebenso wie MiCAR wurde im Jahr 2025 der EU-Rechtsrahmen für DORA erstmals anwendbar und soll mehr Transparenz über Cybersicherheits- und digitale Risiken schaffen. DORA adressiert nicht nur Sicherheitsmaßnahmen, sondern auch strukturelle Fragen wie Meldewege, Management von Betriebsrisiken und die Einbindung digitaler Lieferketten. Für Unternehmen ergibt sich daraus eine anspruchsvolle Aufgabe: Resilienz muss prozessual nachweisbar sein, nicht bloß in technischen Zielbildern existieren. Historisch gesehen hat die Branche auf Vorfälle oft reaktiv reagiert; DORA setzt stärker auf vorbereitete Abläufe und messbare Standards, was die Aufsichtskapazität im Ernstfall entlasten kann.
Besonders interessant für Technologie- und Unternehmensentscheider ist der Abschnitt zur Künstlichen Intelligenz. Die FMA stellt klar, dass die Anwendung von KI im Finanzsektor inzwischen angekommen ist, und nennt als Bereiche Pilotprojekte und Tests unter anderem für Betrugsbekämpfung, Identifikationsprozesse, Geldwäscheprävention sowie für die Bearbeitung von Schadensmeldungen. Damit folgt die Aufsicht einem realen Branchentrend: KI wird häufig zuerst in „zweckgebundenen“ Use Cases eingeführt, weil dort Aufwand-Nutzen-Verhältnisse und messbare Qualitätsmetriken vergleichsweise gut verfügbar sind. Der Bericht deutet jedoch bereits an, dass der kommende Fokus weniger auf reinen Experimenten liegt, sondern auf der Aufsicht über diese Systeme selbst.
Im Marktkontext wird zudem die Einbettung in internationale Prüf- und Bewertungsmechanismen sichtbar. Die jahrelange Vorarbeit im Bereich Prävention von Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung wurde laut Bericht durch eine Länderprüfung im Rahmen der Financial Action Task Force (FATF) eindrucksvoll bestätigt; das Ergebnis wird als „substantial“-Rating, also als zweithöchste Stufe, beschrieben. Solche Bewertungen wirken wie ein Qualitätssiegel, führen aber auch zu Folgewirkungen für die IT- und Datenlandschaft, weil Systeme zur Transaktions- und Verhaltensüberwachung, Alert-Workflows und Nachweisprozesse oft tief in Datenpipelines und regelbasierte Compliance-Logiken eingreifen. Zugleich zeigen gerichtliche Entscheidungen im Berichtsjahr, dass die Verfahren der FMA von den Gerichten weitgehend als stichhaltig betrachtet wurden.
Auch wenn der Bericht die generelle Stabilität betont, bleibt der Ton klar risikoorientiert. So empfiehlt die FMA den Beaufsichtigten, nicht in Selbstzufriedenheit zu verfallen: Gewinne sollten genutzt werden, um Investitionen in Kernbereiche wie Digitalisierung, Effizienzsteigerung und Cybersicherheit zu priorisieren. Aus Expertensicht ist das ein wichtiger Punkt, denn „Sicherheit“ wird in Finanzhäusern schnell zur einmaligen Projektaufgabe erklärt, obwohl sie sich in kontinuierliche Verbesserungszyklen übersetzen muss. Wenn Unternehmen KI-Systeme einführen, entstehen außerdem neue Angriffs- und Fehlerrisiken, etwa durch Modelldrift, Datenleckagen oder unsaubere Entscheidungsdokumentation. Genau deshalb ist die Kombination aus MiCAR, DORA und KI-Fokus strategisch sinnvoll: Sie zwingt zu durchgängiger Governance.
Für die Zukunft zeichnet der Bericht eine Arbeitsagenda, die sich in mehreren Zeithorizonten aufteilt. Kurzfristig geht es um die Operationalisierung der Meldedatenregime bei CASPs und um DORA-konforme Prozesse, die Cybersicherheit und digitale Betriebsrisiken real messbar machen. Mittelfristig dürfte die Aufsicht bei KI-gestützten Use Cases von Pilotprojekten zu Bewertungs- und Prüfmechanismen übergehen, etwa wenn es um Modellvalidierung, Transparenz, Nachvollziehbarkeit und sichere Betriebsführung geht. Langfristig wird sich entscheiden, ob Finanzorganisationen KI-Entwicklung als wiederholbaren „Engineering“-Zyklus begreifen oder als Ad-hoc-Versuch. Wer diese Unterschiede versteht, kann Chancen wie Automatisierung und schnellere Bearbeitung von Schadensfällen nutzen, ohne dabei Sicherheits- und Datenschutzrisiken zu ignorieren.
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