BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Unionsfraktionschef Thorsten Frei fordert mehr Gerechtigkeit bei Wartezeiten auf Facharzttermine. Er sagt, alle Versicherten müssten „in vertretbarer Frist“ einen Termin bekommen. Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann soll hierzu Vorschläge machen. Frei stellt zugleich heraus, dass die parallele Existenz von gesetzlicher und privater Krankenversicherung zwar Vorteile habe, manche Wartezeiten aber als ungerecht empfunden würden.

Frei fordert gerechtere Facharzttermine: Wartezeiten als Systemproblem
Frei fordert gerechtere Facharzttermine: Wartezeiten als Systemproblem (Foto: IT BOLTWISE)
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Wenn ein Facharzttermin zur Lotterie wird, ist das auf politischer Ebene nicht nur ein Ärgernis, sondern ein Systemsignal. Thorsten Frei, Unionsfraktionschef, bringt den Kern seiner Forderung in Berlin auf den Punkt: Alle Versicherten müssten „in vertretbarer Frist“ Zugang zu einem Facharzt bekommen. Sein Argument setzt dabei weniger bei Einzelfällen an als bei der Struktur des Angebots, in der Wartezeiten für viele Patientinnen und Patienten faktisch zum Dauerzustand werden. Frei betont zudem, dass das Nebeneinander von privater und gesetzlicher Krankenversicherung Vorteile bringt, aber eben nicht automatisch eine faire Terminvergabe garantiert.

In der Debatte taucht deshalb auch der Vorwurf als Gerechtigkeitsproblem auf, den Bundeskanzler Friedrich Merz bereits im Vorfeld formuliert hatte: Sobald sich der Eindruck verfestige, dass privat Versicherte Leistungen schneller erhalten und gesetzlich Versicherte Wochen oder Monate warten, werde das als unfair wahrgenommen. Frei knüpft daran an, indem er das Systemrisiko benennt, das aus unterschiedlichen Zugangs- und Bearbeitungswegen entsteht. Für Unternehmen und IT-Verantwortliche in der Gesundheitswirtschaft ist dabei weniger die parteipolitische Einordnung entscheidend, sondern die Frage, wie sich Terminflüsse technisch so steuern lassen, dass Wartezeiten messbar sinken und keine Versorgungslücken „zwischen“ Zuständigkeiten entstehen.

Technisch betrachtet hängt die Terminvergabe an mehreren Engpässen: Kapazitäten in Praxen, Abbildung von Dringlichkeit, Datenqualität bei Überweisungen sowie die Abstimmung zwischen Ambulanzen, Hausärzten und Fachstellen. Wenn diese Kette an einer Stelle reißt, entsteht Zeitverzug, der sich anschließend schwer wieder auffangen lässt. Genau hier können digitale Bausteine ansetzen: interoperable Schnittstellen zwischen Praxisverwaltung, Überweisungssystemen und eventuell regionalen Terminportalen; Standards für medizinische Informationen, damit bei der Priorisierung nicht geraten werden muss; und transparente Statusanzeigen, die Patientinnen und Patienten sowie medizinische Fachkräfte entlasten. Die politische Aussage „vertretbare Frist“ lässt sich dabei nur dann dauerhaft erfüllen, wenn die Fristen in der Praxis messbar gemacht werden – etwa über Kennzahlen wie mediane Wartezeit nach Fachrichtung und Dringlichkeitsprofil, statt über Bauchgefühl.

Auch die geplante arbeitszeitbezogene Reform, auf die Frei im Kontext des Koalitionsvertrags verweist, wirkt indirekt auf die Terminlage. Denn Änderungen am Arbeitszeitgesetz können sich über Dienstpläne, Schichtmodelle und die Planbarkeit von medizinischen Leistungen auf die verfügbare Sprechzeit auswirken. Die Gewerkschaften hatten laut der Darstellung wiederholt vor einem Ende des Acht-Stunden-Tages gewarnt; zugleich existiert im Koalitionsvertrag die Idee, im Einklang mit einer europäischen Arbeitszeitrichtlinie eine wöchentliche statt tägliche Höchstarbeitszeit zu ermöglichen. Für die Versorgungsrealität heißt das: Terminengpässe lassen sich nicht isoliert „wegdigitalisieren“, wenn die klinische Leistungserbringung personell und organisatorisch an Grenzen stößt. IT kann Kapazitäten effizienter verteilen – sie kann aber keine fehlenden Fachkräfte ersetzen.

Aus historischer Perspektive ist klar: Wartezeiten sind im Gesundheitswesen selten ein einzelnes Problem, das man per Gesetzesänderung sofort „wegschaltet“. In früheren Reformdebatten standen häufig Oberflächenmaßnahmen im Vordergrund, etwa neue Regeln für Zugang oder Zielwerte. Spätestens beim Betrieb zeigte sich jedoch, dass ohne saubere Daten- und Prozessintegration Priorisierung, Terminmanagement und Zuweisung nicht zuverlässig funktionieren. Die heutige Gelegenheit liegt deshalb in einer stärker datengetriebenen Steuerung, bei der digitale Infrastruktur die Grundlage schafft. Dabei kann Künstliche Intelligenz (KI) sinnvoll unterstützen – etwa bei der zeitnahen Erkennung von Dringlichkeit aus strukturierten Überweisungsdaten oder bei der Prognose von Auslastung, damit Termine weniger über „Erreichbarkeit“ verteilt werden, sondern stärker nach medizinischer Notwendigkeit.

Markt- und Umsetzungsrealität: Solche Systeme müssen in den Alltag der Praxen passen. Sie brauchen kurze Durchlaufzeiten, klare Verantwortlichkeiten und eine Nutzerführung, die den administrativen Aufwand reduziert statt erhöht. Entscheidend ist außerdem, dass digitale Neuerungen nicht neue Ungleichheiten erzeugen: Wenn Patientinnen und Patienten unterschiedliche Informationsstände haben, wenn Terminportale nicht barrierearm sind oder wenn Daten für gesetzlich Versicherte nicht genauso konsistent vorliegen wie für privat Versicherte, kippt „Effizienz“ schnell in „Intransparenz“. Genau deshalb sollte jede technische Maßnahme an Gerechtigkeitsmetriken gekoppelt werden. Wenn sich politische Ziele wie „gleiche Chancen auf Facharzttermine“ in messbare Indikatoren übersetzen lassen, werden auch spätere Nachjustierungen einfacher, weil man Wirkungen sehen kann statt nur Absichten zu hören.

Für den weiteren politischen Verlauf ist nun die Ankündigung relevant, dass Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann Vorschläge machen werde. Für IT-Entscheider und die Betreiber medizinischer Infrastrukturen bedeutet das: Wer Prozesse und Systeme heute nur „reaktiv“ betrachtet, wird bei Reformen schnell zur Umbau-Baustelle. Besser ist es, bereits jetzt die technische Grundlage zu prüfen – von Schnittstellen über Datenmodelle bis zur Protokollierung von Terminereignissen. Dann kann eine Reform, die auf gerechteren Zugängen abzielt, nicht nur als Appell verstanden werden, sondern als konkretes Betriebsprogramm mit überprüfbaren Verbesserungen. Denn am Ende entscheidet sich Gerechtigkeit nicht in Worten, sondern daran, wie zuverlässig ein Facharzttermin bei Bedarf erreichbar ist.

Gleichzeitig sollte die Debatte die Wechselwirkung zwischen Versorgungsleistung und Arbeitsorganisation ernst nehmen. Wenn freie Slots entstehen, weil Teams in der Praxis besser planbar sind, kann sich das unmittelbar in kürzeren Wartezeiten niederschlagen – aber nur, wenn diese Slots auch so vergeben werden, dass Prioritäten stimmen. Ein Zusammenspiel aus organisatorischer Reform, klaren medizinischen Eingangskriterien und einer technisch zuverlässigen Terminsteuerung ist daher der wahrscheinlichste Weg, um den Vorwurf „ungerecht“ aus dem System zu drücken. Für Patientinnen und Patienten wäre das die spürbare Folge: weniger Warten, mehr Planbarkeit und eine Versorgung, die sich nach Dringlichkeit richtet statt nach Zufall.


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