ERFURT/UNTERBREIZBACH / LONDON (IT BOLTWISE) – Thüringens Umweltminister Tilo Kummer sieht in der stillgelegten Kali-Grube Bischofferode eine Option, salzhaltige Produktionsabwässer von K+S künftig besser zu entsorgen. Voraussetzung sei eine Einigung mit der zuständigen LMBV, die für die sichere Verwahrung der Grube verantwortlich ist. Kummer nennt als Rechenrahmen mehr als 300.000 Kubikmeter Abwasser, falls die Abwässer aus dem Werra-Werkverbund in die Grube eingeleitet werden können. Gleichzeitig bleibt offen, wie schnell sich eine tragfähige Lösung nach 2027 auch unter strengen wasserrechtlichen Vorgaben umsetzen lässt.

Thüringens Umweltpolitik greift ein Problem an, das K+S seit Jahren begleitet: die Salzbelastung aus dem Werksverbund an Werra und Weser. Umweltminister Tilo Kummer stellt dabei nicht nur eine weitere Diskussion über Grenzwerte in den Raum, sondern verweist konkret auf die Anfang der 1990er Jahre stillgelegte Kali-Grube Bischofferode in Nordthüringen. Seine Kernaussage lautet, dass dort noch Kapazitäten für die Aufnahme salzhaltiger Abwässer aus den Werken im hessisch-thüringischen Kali-Revier vorhanden sein könnten. Für K+S mit Sitz in Kassel ist das vor allem deshalb relevant, weil es derzeit um eine wasserrechtliche Einleiterlaubnis für die Zeit nach 2027 geht und die Entsorgungsfrage politisch wie gesellschaftlich unter Druck bleibt.
Technisch betrachtet setzt der Vorschlag auf einen kontrollierten Entsorgungsweg über die stillgelegte Grube. Kummer beschreibt, dass geprüft werden sollte, Abwässer von den Kali-Halden im Umfeld von Bischofferode mit einer relativ geringen Salzkonzentration mit hochkonzentrierter Lauge aus der Werra anzureichern und dann in die Grube einzuleiten. Für die Einleitung sei eine gesättigte Lösung nötig, damit unterirdisch keine vorhandenen Salze ausgewaschen werden. Genau dieser Punkt macht den Unterschied zu reinem „Abkippen“: Während die geochemische Zusammensetzung darüber entscheidet, ob sich Salze mobilisieren, bestimmt die hydraulische Planung, ob die Grube als geordnete Senke funktionieren kann. Damit rückt nicht nur die Umweltwirkung an der Oberfläche, sondern auch die Langzeitwirkung im Untergrund in den Fokus.
Im Gespräch spielt außerdem die Rolle der bundeseigenen Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft mbH (LMBV): Sie gilt als zuständig für die sichere Verwahrung der Grube Bischofferode. Kummer macht damit deutlich, dass ein Entsorgungskonzept nicht allein am Bedarf von K+S scheitern oder gelingen kann, sondern an einer formalen und operativen Zustimmung der zuständigen Stelle. Der Minister kündigt an, dass eine Nutzung der Kapazitäten weiterhin durch die zuständige Bundesgesellschaft geprüft werden soll. Als besonders ambitioniert wirkt die genannte Größenordnung: Wenn es mit der LMBV zu einer Einigung käme, könnten nach seiner Information mehr als 300.000 Kubikmeter Produktionsabwässer auf diesem Weg entsorgt werden. Damit wird das Thema auch wirtschaftlich, weil sich Entsorgungskosten und Produktionsrisiken stark an die Frage knüpfen, ob Alternativen zu Einleitungen in Gewässer realistisch sind.
Der Druck zur Lösung ist nicht nur politisch, sondern auch zeitlich und rechtlich getaktet. K+S arbeitet derzeit an Investitionen in geänderte Produktionsverfahren: Das Unternehmen investiert nach eigenen Angaben insgesamt rund 600 Millionen Euro in die Umstellung auf eine trockene Aufbereitung und eine weitere Verringerung der Umweltauswirkungen; der Umbau soll 2028 abgeschlossen sein. Gleichzeitig sind neue, niedrigere Zielwerte beim Salzgehalt maßgeblich, die nach Angaben aus dem politischen Vorfeld erst bis zu einer straffen Übergangsphase erreicht werden müssen. Kummer verweist darauf, dass im Dezember ein Treffen der Flussgebietsgemeinschaft Weser geplant ist, einem bundesländerübergreifenden Gremium, das den Schutz der Weser inklusive ihrer Zuflüsse wie die Werra zum Ziel hat. In der Vorbereitung hätten sich laut Ministerium viele Bundesländer auf eine streng befristete Übergangslösung von ein bis maximal zwei Jahren verständigt, bis die neuen Zielwerte verbindlich eingehalten werden können.
Damit prallen zwei Zeithorizonte aufeinander: der Umbau in der Produktion bis 2028 und der Blick auf die Einleiterlaubnis nach 2027. Schon früher gab es laut Bericht einen Versuch, große Mengen Kali-Lauge ab 2022 über eine untertägige Rohrleitung in die ebenfalls stillgelegte Grube Springen zu lagern; diese Pläne seien wegen geologischer Bedingungen und Sicherheitsbedenken gescheitert. Das zeigt, dass die „Endlagerfrage“ im Kali-Bereich nicht nur eine Genehmigungs- oder Kostenfrage ist, sondern stark von der Geologie und der Sicherheitstechnik abhängt. Auch die gesellschaftliche Debatte bleibt präsent: Umweltorganisationen wie der BUND Thüringen sowie eine Bürgerinitiative kritisieren die Entsorgungspraxis, und aus dem politischen Umfeld der Grünen wird ein Zeichen gegen die Einleitung beziehungsweise Entsorgung von Kali-Abwässern angekündigt. In der Abwägung zwischen Ökologie und Ökonomie verweist Kummer auf das Ziel, einen „vernünftigen Weg“ zu finden, und nennt dabei auch den Abschluss eines Investitionsprojekts als wichtigen Faktor, um die Zielwerte möglichst bald zu erreichen.
Für die Branche ist der Fall über K+S hinaus relevant, weil er zeigt, wie stark Entsorgungswege im Bergbau von der Kombination aus Prozessoptimierung und Infrastruktur abhängig sind. Wer wie K+S auf trockene Aufbereitung setzt, reduziert die Stofflast an der Quelle, bleibt aber dennoch auf belastbare Endpfade angewiesen, sobald Restströme anfallen. Genau hier kann die Grubenoption Bischofferode zu einem realistischen Baustein werden, wenn geochemische Randbedingungen, Sicherheitsanforderungen und wasserrechtliche Vorgaben zusammenspielen. Selbst die erwähnte Prognose, dass der Kali-Abbau bis 2060 möglich sein soll, macht deutlich: Entscheidungen über Untertage-Verwahrung wirken über Jahrzehnte. Für Unternehmen und Behörden heißt das, dass schon in der Übergangsphase nach 2027 nicht nur kurzfristige Lösungen zählen, sondern Planungssicherheit für die nächste Projektgeneration geschaffen werden muss.
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