BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Unionsfraktionschef Thorsten Frei fordert mehr Gerechtigkeit bei Wartezeiten auf Facharzttermine. Er verlangt, dass alle Versicherten in vertretbarer Frist einen Facharzttermin erhalten. Als Grund nennt er das Nebeneinander von privater und gesetzlicher Krankenversicherung, das zwar Vorteile bringe, aber in der Praxis als ungerecht wahrgenommen werde. Frei kündigt an, Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann werde hierzu Vorschläge machen.

Der Ruf nach „gleichen Chancen“ bei Facharztterminen wird in der aktuellen Gesundheitspolitik vor allem deshalb lauter, weil sich der Terminmarkt immer stärker als Engpasskette entpuppt. Thorsten Frei, Unionsfraktionschef, bringt dabei einen konkreten Schmerzpunkt auf den Tisch: die häufig langen Wartezeiten auf Facharzttermine. Seine Kernaussage zielt weniger auf das Prinzip „privat versus gesetzlich“, sondern auf das Ergebnis für Patientinnen und Patienten. „Alle Versicherten müssen in vertretbarer Frist einen Facharzttermin bekommen“, stellt Frei als Maßstab in den Vordergrund. Damit verschiebt sich die Debatte von der abstrakten Systemfrage hin zu messbaren Zugangsgarantien im Versorgungsalltag.
Technisch betrachtet ist die Terminvergabe in vielen Regionen kein isolierter Prozess, sondern ein Zusammenspiel aus Kapazität, Planungstiefe und Datenflüssen: Praxisteams koordinieren Sprechzeiten, kommunale oder regionale Versorgungsstrukturen verteilen Nachfrage, und Schnittstellen zwischen Patientenanfragen und fachärztlichen Kalendern bestimmen, wie schnell ein Slot tatsächlich verfügbar wird. Wenn Wartezeiten besonders bei Fachärzten spürbar sind, liegt das häufig nicht nur an „fehlenden Terminen“, sondern an der Art, wie Kapazitäten sichtbar werden und wie flexibel sie eingesetzt werden können. Frei nennt das „Nebeneinander“ von privater und gesetzlicher Krankenversicherung als Faktor, der zwar Vorteile bringen könne, in Teilen jedoch dazu führt, dass manche Abläufe „als ungerecht empfunden“ werden oder „tatsächlich ungerecht“ sind. Für Entscheidungsträger ist das politisch heikel, weil es Vertrauen in die Planbarkeit medizinischer Versorgung betrifft.
Gegen diese Wahrnehmung positioniert sich der Diskurs bereits seit Wochen: Frei verweist auf Aussagen von Kanzler Friedrich Merz, der ein Gerechtigkeitsproblem dann sieht, wenn privat Versicherte im Eindruck sofort jede Leistung erhalten und gesetzlich Versicherte dagegen Wochen oder Monate warten. Diese Argumentationslinie ist politisch wirksam, weil sie eine für Bürger leicht verständliche Vergleichsperspektive anbietet: Nicht das System als Modell wird bewertet, sondern der Zugang im Alltag. Gleichzeitig wird damit auch klar, wo Reformen ansetzen müssten: Wenn Wartezeiten als systematisch ungleich erlebt werden, reicht es nicht, Kapazitäten generell zu erhöhen; es braucht Mechanismen, die Verfügbarkeiten gerechter sichtbar machen und Zuweisungen fairer verteilen. Für Unternehmen im Gesundheits-IT-Umfeld heißt das: Lösungen, die nur Kalender verwalten, sind langfristig zu kurz gedacht, wenn sie keine strukturellen Verbesserungen bei Vermittlung, Priorisierung und Transparenz leisten.
In diesem Zusammenhang wirkt die geplante Reform des Arbeitszeitgesetzes wie ein zweiter, parallel laufender Hebel. Frei spricht sich dafür aus, die Möglichkeit einer wöchentlichen statt einer täglichen Höchstarbeitszeit zu schaffen, ausdrücklich „im Einklang mit der europäischen Arbeitszeitrichtlinie“. Seine Begründung setzt auf bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Damit geht es nicht unmittelbar um Facharzttermine, aber mittelbar um die Frage, wie medizinisches Personal Schichten, Dienste und Belastung über den Wochenverlauf verteilt. Dass Gewerkschaften „wiederholt auf einem Ende des Acht-Stunden-Tages“ gewarnt hatten, zeigt zugleich, wie stark solche Änderungen in Arbeits- und Versorgungsrealität wirken können: Wenn Personalplanung flexibler wird, kann das Kapazitäten kurzfristig besser abdecken; es kann aber auch Befürchtungen verstärken, dass Arbeitszeitrechte faktisch verschoben werden. Für eine nachhaltige Entlastung der Terminlage ist daher entscheidend, ob Reformen im Arbeitszeitrecht zu stabileren Dienstplänen führen, die auch im Facharztbereich Wirkung entfalten.
Historisch betrachtet ist die Wartezeitdebatte in Deutschland nicht neu. Schon in früheren Reformphasen wurde versucht, unterschiedliche Stellschrauben zu adressieren: Ausbau von Kapazitäten, Anreizmodelle, Überweisungs- und Vermittlungsprozesse sowie unterschiedliche Formen von Terminservice. Der Kern bleibt jedoch gleich: Fachärzte sind oft in einem Engpass, der sich durch regionale Unterschiede und eine begrenzte kurzfristige Anpassbarkeit verschärft. Genau deshalb ist Frei mit seinem Fokus auf „vertretbare Frist“ in der Sache präziser als mit reinem Leistungsversprechen. Politisch wird es damit anspruchsvoll, weil eine „vertretbare Frist“ ohne klare Definition schnell zur politischen Worthülse werden kann. Sauber wäre eine Politik, die messbare Zielgrößen und transparente Prozesse verknüpft, etwa darüber, wie schnell bestimmte Dringlichkeitsgruppen Termine erhalten und welche Reserven Praxen tatsächlich kurzfristig aktivieren können.
Für den Markt und für die digitale Gesundheitswirtschaft ergibt sich daraus ein ziemlich konkretes Feld: Terminvergabe lässt sich nur begrenzt allein über „mehr Buchungsoptionen“ verbessern. Entscheidend sind strukturierte Daten über Verfügbarkeit, klare Regeln für Priorisierung und eine Zuweisungslogik, die im Alltag möglichst gleiche Zugänge ermöglicht. Wenn die Politik das Gerechtigkeitsproblem adressiert, werden auch Anbieter von Praxis- und Vermittlungssoftware stärker nachweisen müssen, wie sie Wartezeiten reduzieren und wie sie verhindern, dass Buchungswege für bestimmte Gruppen systematisch bessere oder schnellere Ergebnisse liefern. Besonders relevant ist zudem die Frage, wie solche Systeme mit unterschiedlichen Organisationsformen in der Versorgung zusammenarbeiten: von Einzelpraxen über MVZ-Strukturen bis hin zu regionalen Vermittlungsstellen. Genau hier entstehen oft Lücken, in denen Transparenz und Fairness im Tagesgeschäft auseinanderdriften.
Frei macht schließlich deutlich, dass die nächsten Schritte politisch bei der Bundesebene liegen: Carsten Linnemann werde Vorschläge machen. Damit verknüpft sich die Frage, ob die angekündigte Richtung eher bei Vermittlungsprozessen ansetzt oder ob strukturelle Änderungen im Finanzierungssystem und in den Versorgungsstrukturen im Vordergrund stehen. Klar ist: Die Diskussion über Wartezeiten auf Facharzttermine und die Debatte um Arbeitszeitflexibilisierung können sich gegenseitig beeinflussen. Wenn Reformen dazu führen, dass Versorgung stabiler geplant und Kapazitäten besser ausgenutzt werden, sinken im Idealfall auch die Wartezeiten. Wenn dagegen Arbeitszeitänderungen ohne spürbare Verbesserungen bei Planung und Einsatz folgen, bleibt das Terminproblem bestehen und die Fairnessdebatte verschärft sich. Genau deshalb wird der Maßstab „Gerechtigkeit im Zugang“ in den kommenden Monaten für Politik und Praxis gleichermaßen zur Prüfgröße.
Angesichts der in der Debatte genannten Vergleichslinie zwischen privat und gesetzlich Versicherten wird zudem entscheidend sein, wie Reformen kommunikativ und organisatorisch umgesetzt werden. Frei legt den Fokus auf das Erleben der Versicherten: nicht nur „was medizinisch möglich ist“, sondern „wann ein Facharzttermin tatsächlich verfügbar ist“. Unternehmen, Verwaltung und Leistungserbringer werden sich daher auf die Frage einstellen müssen, welche Daten und Prozesse als Grundlage dienen, um Wartezeiten real zu steuern. Der politische Zeitplan hängt dabei nicht zuletzt von der Ausgestaltung ab, doch das Zielbild ist inzwischen klar benannt: gleiche Chancen auf Zugang, ohne dass sich die Dauer bis zur Versorgung zwischen Gruppen systematisch unterscheidet.
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