FRANKFURT / LONDON (IT BOLTWISE) – Melissa Ott, Geschäftsführung der Futury GmbH am Bertramshof, fordert deutlich mehr Wachstumskapital für deutsche Startups. In Deutschland fließen bisher rund acht Milliarden Euro pro Jahr in Startups, sagt sie. Um die Finanzierungslücke zwischen Seed und späterem Scale-up zu schließen, seien langfristig 30 Milliarden Euro jährlich nötig. Beim Thema Bürokratie nennt sie konkrete Hürden wie langsame Unternehmensanmeldungen und veraltete Prozesse für Beglaubigungen.

Im Startup-Alltag entscheidet sich früh, ob aus einer vielversprechenden Idee ein skalierbares Geschäftsmodell wird. Melissa Ott sieht diese Schwelle in Deutschland aktuell zu eng gebaut: Sie leitet gemeinsam mit Charlie Müller den Start-up-Park der Futury GmbH am Frankfurter Bertramshof und beschreibt Startups als wichtigen Teil der Antwort auf die Wirtschaftsflaute. Gleichzeitig betont sie, dass Innovation nicht allein aus dem Startup-Lager kommen kann; auch etablierte Unternehmen müssten ihre Innovationsgeschwindigkeit spürbar erhöhen. Genau darin steckt für Ott der Kern ihrer Aussage: Startups sind essenziell, aber sie brauchen ein funktionierendes Finanz- und Umsetzungsumfeld.
Ott ordnet den Fortschritt dabei an messbaren Größen aus der Frühphase ein. Für das erste Halbjahr 2026 nennt sie in Deutschland „über 3000“ Startup-Gründungen. Das entspreche mehr als 50% gegenüber dem zweiten Halbjahr 2025 und zeige damit, dass es bei der Dynamik an der Spitze durchaus Bewegung gibt. Auch die Beschäftigungsseite liefert für sie ein Argument: In Summe seien derzeit rund 500.000 Menschen in Deutschland in Startups tätig. Die Folgerung ist pragmatisch: Wenn die Zahl der Teams und die Zahl der Jobs wächst, ist der Engpass nicht das Interesse an neuen Unternehmen, sondern die Frage, wie verlässlich späteres Wachstum finanziert wird.
Auf die politische Seite blickt Ott differenziert, aber mit klarer Richtung. Sie sagt, es sei positiv, dass die Politik das Thema Startup-Ökosystem inzwischen ernster nimmt als früher, als Startups häufig als Experimentierfläche eingeordnet wurden. Für ihre Einordnung nennt sie zwei konkrete Veröffentlichungen: Zuerst habe das Land Hessen, anschließend das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie Startup-Strategien veröffentlicht. Dort sieht sie laut eigenen Angaben Bausteine für den Ausbau der Hochschulen als Innovationsmotor und für mehr Wachstumskapital über alle Startup-Phasen. Besonders wichtig ist für Ott die Umsetzungsgeschwindigkeit, weil der „Rückenwind“ ohne konsequente Maßnahmen in der Praxis kaum Wirkung entfaltet.
Technisch und finanziell läuft es für Startups dann auf eine klassische Kette hinaus: Ideen werden zu Prototypen, Prototypen zu Produkten, und erst dort zeigt sich, ob Kunden, Produktion und Vertrieb die Kosten tatsächlich tragen. Genau an diesem Übergang verortet Ott die größte Lücke: In Deutschland würden pro Jahr etwa acht Milliarden Euro in Startups investiert. Um mehr Unternehmen über das sogenannte „Valley of Death“ zu bringen, also die Finanzierungskluft zwischen Startphase und Wachstumsfinanzierung, bräuchte es insgesamt 30 Milliarden Euro jährlich. Als Blaupause erwähnt sie international ausgerichtete Kapitalallokation: Beim Capital-for-Innovation-Summit im Juni sei ein Beispiel aus Kanada vorgestellt worden, ein Pensionsfonds der Lehrkräfte, der breit investiert und unter anderem Venture Capital umfasst, mit positivem Renditeeffekt. Ott knüpft daran die Erwartung, dass die Altersvorsorge stärker auf dem Kapitalmarkt ausgerichtet werden müsste, um danach auch Startups gezielter mitfinanzieren zu können.
Zur Mittelbeschaffung gehört für sie nicht nur ein Blick auf einzelne Investoren, sondern die Kombination mehrerer Finanzquellen. Sie erklärt, Banken und Versicherungen unterlägen zwar gewissen Einschränkungen bei Investitionen in Startups oder Venture Capital, gleichzeitig gebe es aber privates Kapital und Unternehmen, die investieren könnten. Wenn Deutschland mehr Wagniskapital mobilisieren wolle, müssten nach ihrer Darstellung die Rahmenbedingungen so gestaltet werden, dass sowohl öffentlich geprägte als auch private Kapitalströme wirksam werden. Dabei ordnet Ott auch die Debatte um Marktrisikobereitschaft ein: Entscheidend sei weniger, ob das Land „mehr Flexibilität im Allgemeinen“ verspricht, sondern ob es die praktischen Schritte beschleunigt, damit aus frühem Fortschritt späterer Markterfolg werden kann.
Genau hier setzt Ott bei Bürokratie und Prozessen an und nennt dafür Beispiele, die in der Umsetzung schnell spürbar sind. Bei notariellen Beglaubigungen stellt sie die Frage, ob diese nicht digital möglich sein müssten, weil die Technik grundsätzlich vorhanden sei. Ebenso wichtig sei die Geschwindigkeit bei der Unternehmensanmeldung: In Estland dauere es laut ihren Angaben wenige Minuten, in Deutschland dagegen „Monate“, und die jungen Firmen könnten sich diese Verzögerung nicht leisten, weil bereits in der Aufbauphase Gehälter zu zahlen und Rechnungen zu stellen sind. Daneben nennt sie weitere Hürden wie Mitarbeiterbeteiligung, die ihrer Auffassung nach derzeit zu streng geregelt sei, obwohl sie für hochqualifizierte Teams ein zentrales Instrument zum Gewinnen und Halten darstelle. Auch beim Kündigungsschutz fordert sie keine pauschale Aufweichung, sondern mehr Flexibilität unter bestimmten Bedingungen, die Startups schneller handlungsfähig machen sollen.
Während die Finanzierungslücke den Skalierungsfaktor betrifft, beschreibt Ott die Kommerzialisierung als zweiten Engpass, der sich besonders im Vergleich mit den USA zeigt. Bei Forschungsleistung und Patentanmeldungen sehe sie keine dramatischen Unterschiede; sobald es jedoch um Umsetzung gehe, seien US-Akteure deutlich besser. Daraus leitet sie konkrete Prioritäten für die nächste Dekade ab: Pioniergeist müsse an Universitäten stärker in Richtung Gründung wirken. Ott nennt als Stellschraube, dass Karrierepfade derzeit zu stark an wissenschaftlichen Erfolgen ausgerichtet sind und dass Gründung als Karrierepfad mehr Präsenz bekommen müsse. An der TU Darmstadt habe es in ihrem Studium im ersten Semester ihrer Erinnerung nach vor allem große Industrievertreter als Vorbilder gegeben; Gründung sei kein Bestandteil des Curriculums gewesen. Heute arbeitet sie mit Partneruniversitäten an Entrepreneurship-Angeboten und bringt außerdem die Idee eines Orientierungssemesters während der Promotion ins Spiel, in dem sich Studierende bewusst fragen können, ob sie Wissen praktisch anwenden oder weiter forschen wollen.
Der letzte Teil ihres Arguments führt zurück zur Gegenwartstechnologie: KI verändert Gründungsprozesse, ersetzt aber nach Ott nicht den Menschen als Treiber. Sie räumt ein, dass Startups und KI gerade einen Boom erleben und es heute vergleichsweise leicht ist, ein Unternehmen zu gründen. Trotzdem bleibe die Kernfrage, wie werthaltig Ergebnisse sind, die mit KI entwickelt werden. In ihren Beispielen wird auch sichtbar, dass KI nicht automatisch alles „digital“ macht: Ott verweist auf Startups, die Energiespeicher entwickeln oder 3D-gedrucktes Gewebe herstellen. KI sei dort zwar eingebunden, aber das Produkt müsse erst gebaut und produziert werden und werde schließlich von Menschen in der Anwendung betrieben. Für sie ist deshalb der Job-Mythos klar: Die Automatisierung verschiebt Aufgaben, aber sie eliminiert nicht generell Arbeit – auch weil nur wenige Startups „komplett digital“ funktionieren.
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