BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche stellt bei der geplanten strategischen Gasreserve eine Umlage als Finanzierungsweg infrage. In einem Video-Interview bezeichnete sie die Finanzierungsfrage als offen und verwies auf eine mögliche Haushaltsfinanzierung. Ein Mischmodell müsse in der Koalition geklärt und mit dem Markt abgestimmt werden. Parallel sollen bis Ende des Jahres Pläne ins Parlament gebracht werden, um Krisenszenarien mit gestörten Energieflüssen abzusichern.

Die Debatte um die Finanzierung einer staatlichen strategischen Gasreserve nimmt Fahrt auf: Katherina Reiche hat die Umlage als Hebel zur Finanzierung zumindest in der aktuellen Form in Frage gestellt. In einem Video-Interview sprach sie von zwei Optionen – Umlage oder Haushaltsfinanzierung – und betonte zugleich, dass ein Mischmodell möglich sein könnte. Damit rückt die eigentliche Systemfrage in den Mittelpunkt, denn eine Umlage auf Gaskunden würde die Kosten der Reserve nicht nur temporär in Krisenzeiten, sondern strukturell in die laufenden Energieabrechnungen verlagern.
Technisch betrachtet geht es bei der Gasreserve nicht um die allgemeine Versorgung im Normalbetrieb, sondern um die Absicherung für den Fall, dass physische Energieflüsse nach Deutschland ausbleiben oder stark eingeschränkt werden. Reiche verwies dazu auf die Volatilität globaler Energiemärkte und nannte als Beispiele die durch die De-facto-Schließung der Straße von Hormus sichtbar gewordenen Risiken sowie bereits beobachtete physische Anschläge. Auch auf die Strominfrastruktur bezog sie sich als Referenz für ein Sicherheitsrisiko, das nicht bei der Planung klassischer Marktmechanismen aufgeht: Deshalb soll ein Teil der Speicher als staatliche Reserve vom Markt getrennt werden.
Ein entscheidender Unterschied liegt dabei in der Rollenverteilung zwischen Markt und Staat. In der Umsetzung wäre das Einspeichern von Gas zunächst eine Aufgabe der Branche; der Staat greift dann ein, wenn Extremszenarien den normalen Mechanismus aushebeln. Genau dieses Spannungsfeld hat auch das Für- und Wider der Umlage befeuert: Anfang Juli war aus dem Bundesumfeld zu hören, dass die Gasreserve einen Umfang von 24 Milliarden Kilowattstunden erhalten soll, was rund zehn Prozent der deutschen Speicherkapazität entspricht. Für die Finanzierung war damals eine Umlage für Verbraucher genannt worden, die im Vergleich zu einer bereits abgeschafften Gasspeicherumlage als deutlich geringer beschrieben wurde.
Beim Marktimpact geht es damit nicht nur um energiepolitische Zielsetzung, sondern auch um die Frage, wie sich Kosten und Risiko verteilen. Verivox-Energieexperte Thorsten Storck ordnete die Umlage als erneute Belastung ein, weil Verbraucher die Aufbau- und Vorhaltekosten der Reserve tragen würden. Laut den Rechenmodellen des Vergleichsportals würde der Aufbau der Reserve für ein durchschnittliches Einfamilienhaus mit 20.000 Kilowattstunden Gasverbrauch pro Jahr auf rund 42 Euro kommen; hinzu kämen jährliche Betriebskosten von etwa 5 Euro. Das Portal veranschlagte außerdem Kosten von insgesamt 1,5 Milliarden Euro für den Aufbau, womit klar wird, dass die Finanzierungsmethode praktisch einen Unterschied in der Kostenwirkung pro Haushalt macht.
Während die politische Seite über Finanzierungsoptionen verhandelt, liefert die Betriebsrealität der Speicher einen zweiten Taktgeber. Gasspeicher dienen als Puffer für Engpässe – und ihre Relevanz steigt zusätzlich durch die Infrastruktur rund um LNG-Terminals an Nord- und Ostsee, während weiterhin Pipelinegas einen zentralen Anteil der Hauptversorgung trägt. Laut der Initiative Energien Speichern (INES) liegt der Füllstand momentan bei 47 Prozent. Als Treiber wurden unter anderem die große Entnahme am Ende des vergangenen Winters genannt sowie stark gestiegene Gaspreise, weil sich das Befüllen der Speicher für Großhändler im Sommer weniger lohnt.
Für die Risikoplanung liefert INES zudem Szenarien: Diese zeigen, dass ein Speicherfüllstand von 76 Prozent zum 1. November für normale oder warme Winter ausreichen soll, um die Gasversorgung sicherzustellen. Bei einem außergewöhnlich kalten Winter würde das Sicherheitsfenster hingegen enger. Genau hier setzt der Gedanke der staatlich getrennten Reserve an: Sie soll gerade in Situationen helfen, in denen Wetterextreme oder Versorgungsstörungen gleichzeitig wirken und der Marktpuffer nicht mehr genug Zeit oder Kapazität bereitstellt, um kurzfristig nachzusteuern. Politisch soll das Verfahren laut Reiche jetzt vorbereitet werden; bis Ende des Jahres sollen entsprechende Pläne durch das Parlament gebracht werden.
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