HAMBURG / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Hafenbranche an Nord- und Ostsee warnt vor einer deutlich verschärften Bedrohungslage. Vertreter der deutschen Seehafenbetriebe nennen Seehäfen als Angriffsziele für Cyberangriffe, Spionage und Sabotage. Im Konfliktfall müssten Logistikketten zudem militärische Transporte über die Häfen unterstützen. Die Debatte dreht sich jetzt besonders um den Ausbau von Schutzmaßnahmen kritischer Infrastruktur und um die Frage, wer die Investitionen künftig mitträgt.

Die Seehäfen an Nord- und Ostsee geraten nach Einschätzung der Hafenwirtschaft zunehmend stärker unter Druck. So spricht der Hauptgeschäftsführer des Zentralverbands der deutschen Seehafenbetriebe, Florian Keisinger, von einer deutlich verschärften Bedrohungslage für die deutschen Seehäfen. Hintergrund ist die spezielle Rolle von Häfen in der digitalen und physischen Lieferkette: Sie bündeln Prozesse wie Umschlag, Lagerung, Zollabwicklung und Verkehrssteuerung, wodurch sich Angreifern nicht nur einzelne IT-Systeme, sondern ganze Betriebsabläufe als „Hebel“ anbieten. In den Worten Keisingers werden Seehäfen dabei ausdrücklich als Drehscheiben adressiert, die Ziel von Cyberangriffen, Spionage und Sabotage werden können.
Besonders scharf wird in diesem Kontext der Cyber-Aspekt betont. Der Hauptgeschäftsführer des Unternehmensverbands Hafen Hamburg, Norman Zurke, sieht die größte akute Gefahr aktuell in Cyberattacken, zugleich verweist er darauf, dass die Logistikbranche bereits heute von Sabotage betroffen sei. Das Muster dahinter ist für Betreiber pragmatisch: Häfen arbeiten mit vielen Schnittstellen zu Reedereien, Dienstleistern, Terminals und Behörden; IT und Operational Technology (OT) greifen im Alltag ineinander, etwa wenn Transport- und Gate-Systeme, Terminal-Planung oder Statusdaten aus unterschiedlichen Quellen in einem Produktionsfluss zusammenlaufen. Damit entsteht eine Angriffsfläche, die nicht nur auf klassische „IT-Sicherheit“ reduziert werden kann, sondern auch den Betrieb selbst betrifft.
Zurke ordnet den Schutz kritischer Infrastruktur zudem als gesamtstaatliche Aufgabe ein und fordert, dass sich der Bund stärker als bislang an Investitionen zum Schutz des Hafens beteiligt. Diese Forderung ist vor allem deshalb relevant, weil Schutzmaßnahmen typischerweise keine einmaligen Projekte sind, sondern kontinuierliche Programme: Netzsegmentierung, gehärtete Zugriffswege, die Überwachung für Anomalien in Leit- und Steuerungsumgebungen sowie das regelmäßige Einüben von Störszenarien gehören in der Regel dauerhaft zum Betrieb. Je komplexer die Systemlandschaft und je stärker die Abhängigkeit von digitalen Planungs- und Steuerdaten, desto mehr steigen die Anforderungen an den Massenbetrieb in einer Ausnahmelage. Aus Sicht von Reeder- und Terminal-Operateuren wirkt das wie eine „Sicherheits- und Resilienz-Mindestanforderung“, die sich nicht vollständig privatisieren lässt.
Auch die körperliche Ebene der Sicherheitsdebatte spielt eine Rolle. Im vergangenen Jahr seien nach dem Berichtsvorkommen bestimmte Korvetten der Deutschen Marine in der Hamburger Werft Blohm+Voss sabotiert worden, und die Generalstaatsanwaltschaft Hamburg habe zeitweise gegen zwei Werftarbeiter ermittelt; laut den Angaben der Ermittlungsbehörden soll dabei mutmaßlich eine Sabotagehandlung im Umfeld der Werftarbeit stattgefunden haben. Damit wird die Schnittstelle zwischen Verteidigungslogistik, industriellen Produktionsprozessen und Strafverfolgung sichtbar: Angriffe oder Manipulationen können nicht nur Daten treffen, sondern auch Abläufe, Bauteile und Sicherheitsketten in sensiblen Umgebungen. Für Betreiber bedeutet das, dass Sicherheitskonzepte in solchen Umfeldern häufig eine engere Verzahnung von Technik, Prozesskontrollen und Personalhygiene erfordern.
Mit Blick auf die Verfügbarkeit der Häfen wird die Lage zusätzlich strategisch aufgeladen. Zu den nach Umschlag wichtigsten deutschen Seehäfen zählen Hamburg, Bremerhaven, Wilhelmshaven, Rostock und Lübeck. In einem Konfliktfall würde das Verteidigungsbündnis NATO Militärfahrzeuge, Truppen und Material über Seehäfen transportieren, wie es in dem Zusammenhang beschrieben wird. Für die Branche folgt daraus ein besonderes Zeitfenster: Wenn Häfen in solchen Szenarien als logistische Knoten funktionieren sollen, müssen sie nicht nur „funktionieren“, sondern auch unter erhöhten Sicherheitsanforderungen planbar bleiben. Vom 24. bis zum 26. September hält die Bundeswehr wie schon in Vorjahren eine Übung in Hamburg ab, unter anderem zur Verlegung von Truppen während der Übung „Red Storm Charlie“.
Für Entscheider in Unternehmen, die Terminals, Reedereidienstleistungen oder Zulieferketten rund um die Häfen betreiben, steht damit vor allem die Frage im Vordergrund, wie sich Resilienz in die Betriebspraxis überführen lässt. Das betrifft zum Beispiel das Zusammenspiel aus IT-Schutz, Sicherheitsmonitoring und Notfallabläufen, aber auch die Fähigkeit, den Umschlagbetrieb bei Störungen schnell in einen abgesicherten Modus zu überführen. Denn selbst wenn Angriffe nicht den gesamten Betrieb lahmlegen, können gezielte Ausfälle in Gate- oder Statussystemen ausreichen, um Kaskadeneffekte bei Planung, Verfügbarkeit und Transportketten auszulösen. Die aktuelle Debatte um Bundesbeteiligung macht außerdem deutlich, dass der Ausbau von Schutzmaßnahmen bei kritischer Infrastruktur nicht allein als Kostenstelle verstanden werden kann, sondern als Voraussetzung für Verlässlichkeit im Alltag.
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