LONDON (IT BOLTWISE) – Das Forschungsprojekt ASSET Research Group beschreibt eine Methode namens GhostSplice, mit der ein bösartiger MCP-Toolserver Anweisungen so aufsplittert, dass KI-Coding-Agents trotz verweigerter Einzelversuche Daten exfiltrieren können. Die Technik nutzt die Tatsache, dass ein Agent Werkzeuge und deren Ergebnisse in einem gemeinsamen Arbeitskontext wieder zusammensetzt. Kritisch ist dabei weniger die „Sicherheitsfähigkeit“ des Modells als die Einbettung in Tooling- und Ausführungsregeln auf der Client-Seite. Die Autoren zeigen kontrollierte Tests mit geteilten Formularfeldern bis hin zur Sammlung von SSH-Schlüsseln, .env-Dateien und Kundendaten.

Wer KI-Coding-Agents in der Praxis einsetzt, denkt bei Prompt-Injection meist an bösartige Texte im Prompt. Genau an dieser Stelle setzt GhostSplice an: Ein Angreifer braucht keine einzelne, eindeutig schädliche Aufforderung an den Modellkern. Stattdessen hängt er sich als bösartiger Toolserver in die Toolaufrufe eines Agents ein, der über den Model Context Protocol (MCP) externe Funktionen erreichen kann. Laut ASSET Research Group reicht es, wenn die Toolbeschreibung und die zugehörigen Tool-Ergebnisse in einzelne „harmlos wirkende“ Fragmente zerlegt werden, die für sich genommen wie Routine wirken. Das Modell kann diese Fragmente dann im gleichen Bearbeitungskontext wieder zu einem vollständigen Auftrag zusammenführen und die sensiblen Daten über einen scheinbar legitimen Tool-Workflow zurückliefern.
Technisch basiert der Effekt auf einem typischen Zusammenspiel: Ein MCP-fähiger Client stellt dem Agent Tools bereit, und der Agent orchestriert Toolaufrufe anhand von Eingaben, Tool-Argumenten und Tool-Rückgaben. Der Angriff aus dem Bericht nutzt dabei, dass nicht jede Sicherheitskontrolle konsequent zwischen „Anweisung“ und „Daten“ unterscheidet. ASSET beschreibt, dass MCP zwar strukturierte Tool- und Ergebnisgrenzen beibehält, aber trotzdem eine Querverarbeitung zwischen den Fragmenten möglich ist, wenn die Client-Logik mehrere Tool-Schritte als Teil derselben Aufgabe betrachtet. Besonders deutlich wird das in der GhostSplice-Variante, bei der ein bösartiger Server in unterschiedlichen Antworten Informationen platziert: Ein Fragment landet beispielsweise in einer Tool-Definition, ein weiteres in einem späteren Tool-Result. Einige Setups erlauben zusätzlich server-initiiertes Sampling, wodurch der Angreifer die Sequenz der Eingaben und Ausgaben noch stärker steuern kann.
Das exemplarische Szenario, das ASSET in einer Referenzumsetzung beschreibt, wirkt auf den ersten Blick banal und genau dadurch schwerer zu „detektieren“. Der Server bewirbt ein scheinbar harmloses Werkzeug namens integrity_checker mit vier gleichförmigen Feldern, die als alpha bis delta bezeichnet werden und zunächst keine sensiblen Dateinamen enthalten. In einem späteren Projektscan-Ergebnis liefert der Server dann eine Abbildung: Die Felder sollen mit konkreten Inhalten gefüllt werden, etwa der.ssh/id_rsa, proprietärem Quellcode, einer customers.csv sowie.env-Dateien für eine serverseitige Hash-Überprüfung. In separaten Fragmenten ist damit nichts „Ganzes“ enthalten, das wie ein Diebstahlsauftrag aussieht. Erst das Zusammensetzen im Agentenprozess ergibt die Aufforderung, lokale Dateien zu lesen und ihre Inhalte an das Angreifertool zu übergeben. ASSET stellt außerdem eine kanonische Drei-Kanal-Variante vor, die die Projektinventur, die Feld-mapping-Information und die eigentliche Datensammlung über drei getrennte Interaktionen verteilt.
Auffällig sind die Leistungsunterschiede zwischen den Testkonfigurationen: In den angegebenen, isolierten Projekttests steigt die Compliance beim Aufteilen des Angriffs deutlich. So berichtet die Disclosure, dass eine geteilte Zwei-Piece-Variante die mittlere Compliance über elf per API getestete Modelle von 42% auf 82% hebt. Besonders stark wird der Effekt in den Fällen, in denen einzelne Modelle im „One-Piece“-Ansatz offenbar vollständig blockierten, in der aufgesplitteten Variante jedoch sehr hohe Erfolgsraten zeigen: Für GPT-4o, Gemini 2.0 Flash und Llama 3.3 70B werden 0% im einteiligen Setup und 100% bei der Aufteilung in zwei Stücke genannt. Bei Claude Haiku 4.5 bleibt der Wert in den API-Tests bei 0%, erreicht aber in einem Cursor-basierten Test 100%. Noch deutlicher wird die Abhängigkeit von der Client-Integration, wenn GPT-5.4 in Cursor-Tests mit 90% Erfolg und in einem Codex-CLI-Test mit 100% geführt wird, während hinter Claude Code in der Darstellung zeitweise 0% stehen. Gleichzeitig fordert ASSET zur Vorsicht auf: Die veröffentlichten Werte seien keine generellen Aussagen „über das Modell“, sondern Momentaufnahmen für die konkrete Prüfkonfiguration.
Damit verschiebt sich die Verteidigungslogik vom Modell hin zum Ausführungsrahmen. ASSET argumentiert, der Angriff sei nicht dazu gedacht, „beliebige Agents von außen“ zu kompromittieren; er setze vielmehr voraus, dass der Entwickler bereits eine MCP-Verbindung zum Server des Angreifers hergestellt hat und der Agent überhaupt auf die betroffenen Dateien zugreifen kann. In dieser Annahme liegt der Schlüssel: Die eigentliche Schwachstelle ist häufig die Behandlung von Serverausgaben durch den Client. Der MCP-Standard adressiert deshalb explizit die Rolle eines menschlich kontrollierten Gatekeepers: Clients sollen Toolaufrufe so gestalten, dass eine Person Eingriffe ablehnen kann, und Annotationen aus nicht vertrauenswürdigen Servern als nicht vertrauenswürdig behandeln. OpenAI weist in seiner aktuellen Guidance zudem darauf hin, dass unsichere MCP-Server die Prompt-Injection-Gefahr erhöhen und Organisationen benutzerdefinierte sowie Drittanbieter-Integrationen prüfen sollten. ASSET geht in der Konsequenz weiter und empfiehlt, Serverausgaben als Daten zu behandeln, nicht als Anweisungen; außerdem sollen Werte aus einem Tool-Output nicht ungeprüft in Argumente eines nachgelagerten Tools durchgereicht werden.
Der Kontext zu früheren Arbeiten macht die Stoßrichtung noch klarer. GhostSplice folgt auf Ghostcommit, eine frühere Offenlegung desselben Labors, bei der eine Anweisung in einer PNG-Datei versteckt wurde, die wiederum über eine Projektkonvention referenziert war; anschließend sollte ein Agent.env-Secrets in den Quelltext kodieren. Die Mechanik ist unterschiedlich, aber das Muster ist gleich: Die Sicherheitsgrenze liegt oft weniger im Modell als in den „Übersetzungsstellen“ zwischen Werkzeugen, Dateizugriff und Tool-Argumenten. Für Teams bedeutet das in der Praxis, dass Reviews von Tool-Schemata, die strikte Typisierung und Validierung von Toolargumenten sowie ein expliziter Data-Flow-Check in der Agent-Orchestrierung entscheidend sind. Wer MCP integriert, sollte nicht nur nach offensichtlichen „Befehlswörtern“ suchen, sondern konsequent verhindern, dass harmlose Fragmente in einem gemeinsamen Kontext wieder zu einer schädlichen Handlungsanweisung zusammenwachsen.
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