SACHSEN-ANHALT / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Grünen-Spitzenkandidatin Susan Sziborra-Seidlitz spricht sich für regionale Strompreiszonen aus. Sie argumentiert, dass Strom, der dort günstig aus erneuerbaren Energien erzeugt wird, am Ende auch im Preis sichtbar werden soll. Dafür könnte Sachsen-Anhalt mit mehreren Nachbarländern eine gemeinsame Preiszone bilden. Hintergrund ist der derzeit einheitliche Börsenstrompreis und das Problem, wenn Netze den Strom nicht rechtzeitig in die Verbrauchszentren transportieren können.

In Sachsen-Anhalt rückt die Diskussion über Strompreise wieder näher an die Netzrealität: Susan Sziborra-Seidlitz, Spitzenkandidatin der Grünen in dem Bundesland, plädiert für regionale Strompreiszonen. Die politische Kernaussage dahinter ist einfach, aber technisch anspruchsvoll: Wenn erneuerbare Erzeugung dort stattfindet, wo sie günstig möglich ist, dann soll sich dieses Gefälle nicht erst durch lange Transportwege „verdünnen“. Derzeit gilt in Deutschland nach Angaben aus dem Umfeld der Debatte ein einheitlicher Bö rsenstrompreis, was aus Sicht vieler Befü rworter zu falschen Preissignalen fü r Netzausbau, Lastverlagerung und Verbrauchsplanung fü hren kann.
Sziborra-Seidlitz begrü ndet den Ansatz mit der Logik regionaler Preisbildung: Dort, wo Strom gü nstig aus erneuerbaren Energien produziert wird, solle er „auch am Ende billiger“ werden. Genau an dieser Stelle wird die Brü cke zwischen Politik und Technik sichtbar. Denn der Stromfluss in der Praxis folgt nicht automatisch der geografischen Erzeugung: Wind- und Solarkapazitä ten konzentrieren sich vor allem im Norden und Osten, wä hrend groß e industrielle Zentren eher im Sü den und Westen sitzen. Wenn die vorhandenen Ü bertragungs- und Verteilnetze diese Differenz nicht ausreichend abbilden, wird die Differenz zwischen Erzeugungs- und Verbrauchsstandort ü ber Engpä sse „abgestraft“ – etwa indem Anlagen abgeschaltet werden, um Ü berlastungen zu vermeiden.
Die Kandidatin setzt dabei nicht auf einen isolierten Alleingang, sondern auf eine regional abgestimmte Zonenlö sung. Als mö gliche Basis nennt sie Sachsen-Anhalt gemeinsam mit Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen. Ihre Einschä tzung: „Das ist nichts, was wir auf Landesebene regeln kö nnen, aber das mü ssen wir als Land anstoß en und unterstü tzen.“ Damit beschreibt sie zugleich die politische Reichweite und den rechtlich-institutionellen Rahmen, denn Strompreis-Strukturen entstehen nicht allein im Bundesland, sondern ü ber Marktregeln, Netzplanung und die Ü bergä nge zwischen Erzeugern, Transporteuren und Handel. Interessant ist zudem der wirtschaftliche Dreh: In der Argumentation klingt durch, dass regionalere Preise nicht nur „gerechter“ wirken, sondern auch ein direktes ö konomisches Signal setzen wü rden.
Genau diesen Punkt macht Sziborra-Seidlitz aus Verbraucher- und Unternehmensperspektive fest: „Das merken die Leute dann im Portemonnaie und das ist auch fü r die Unternehmen ein wirtschaftlicher Vorteil.“ Aus technologischer Sicht lä sst sich diese Erwartung so einordnen: Preisunterschiede kö nnten die Nachfrage dorthin lenken, wo erneuerbare Erzeugung gerade effizienter verfü gbar ist, und gleichzeitig Anreize schaffen, Lasten zeitlich und rä umlich zu verlagern. Gerade fü r energieintensive Betriebe wä re das relevant, weil sie ihre Beschaffung, Produktionsplanung und Investitionsentscheidungen typischerweise ü ber langfristige Kostenannahmen absichern mü ssen. Wenn Engpä sse nicht als versteckte „Kosten“ auf mehreren Ebenen durchschlagen, sondern transparenter in den Preisen sichtbar werden, steigt potenziell die Planbarkeit.
Neben dem Preisargument verteidigt die Kandidatin auch das Klimaziel fü r Sachsen-Anhalt: Bereits 2035 soll das Bundesland klimaneutral werden, also zehn Jahre frü her als im Bund geplant. Auch das ist mehr als ein politisches Schlagwort, denn es berü hrt die Systemarchitektur des Energiesektors. Je schneller die Dekarbonisierung voranschreitet, desto grö ß er wird der Bedarf, Erzeugung, Netzkapazitä ten und Verbrauch flexibel auszubalancieren. Regionalen Strompreiszonen wird in solchen Szenarien oft eine Doppelfunktion zugeschrieben: Sie sollen einerseits die Kosten von Engpä ssen sichtbar machen und andererseits den Netzausbau sowie die Integration von erneuerbaren Energien auf der richtigen zeitlichen und rä umlichen Ebene beschleunigen. Wenn Netze nicht ausreichen, entsteht ansonsten der bekannte Zielkonflikt aus hoher Einspeisung und gleichzeitiger Abregelung.
Der Ausgangspunkt der Debatte bleibt der gleiche: Solange Deutschland mit einem einheitlichen Bö rsenstrompreis arbeitet, treffen Erzeugung und Last geografisch nicht zwangslä ufig zusammen, was im Engpassfall zu Abregelungen fü hren kann. Regionale Preiszonen wü rden diese Spannung in Form unterschiedlicher Preisniveaus abbilden, was den Markt eher dazu bringt, Engpä sse zu respektieren, statt sie nur technisch nachzulagern. Entscheidend ist dabei die Umsetzung: Ob und wie Zonen definiert werden, beeinflusst die Wirksamkeit der Preissignale, und die Auswirkungen auf Haushalts- und Industriekosten hä ngen wiederum davon ab, wie Netzentgelte, Ausgleichsmechanismen und Verträ ge ausgestaltet sind. Unterm Strich geht es daher nicht nur um „mehr Differenz“ im Preis, sondern um eine bessere Kopplung zwischen Markt und physikalischer Infrastruktur.
Fü r die Praxis heiß t das: Unternehmen und Energieversorger mü ssten sich frü her und genauer mit regionalen Szenarien auseinandersetzen – etwa mit Blick auf Beschaffungsstrategie, Standortwirkungen und Risikoabsicherung. Auch fü r den Netzausbau kann die Debatte relevant werden, weil regionale Signale die Diskussion ü ber Prioritä ten verschieben. Wer in Zonenkonzepten einen schnellen Hebel sieht, bekommt gleichzeitig die langfristige Aufgabe serviert: Stromnetze, Prognoseverfahren und Betriebsstrategien mü ssen so zusammenspielen, dass Engpä sse weniger hä ufig zu Abregelungen fü hren. Bis dahin bleibt die Kernbotschaft aus Sachsen-Anhalt vor allem ein politischer Fahrplan: Erneuerbare Erzeugung soll nicht nur mö glich sein, sondern sich auch ü ber den Markt in den Kostenstrukturen widerspiegeln.
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