DUISBURG / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine PwC-Studie stellt die Wirtschaftlichkeit von grünem Primärstahl in Mitteleuropa infrage. Bund und Länder hatten bereits rund 5,9 Milliarden Euro für die Umstellung auf wasserstoffbasierte Produktion zugesagt, darunter große Einzelbeträge für Thyssenkrupp, Saarstahl und Salzgitter. Gleichzeitig zeigen Branchenrisse: ArcelorMittal bremst Ausbauschritte, und Liefer-Ausschreibungen werden verschoben. Im Zentrum steht dabei nicht nur der Preis von Wasserstoff, sondern auch die Frage, wie sich Standortinvestitionen gegen günstigere Konkurrenzregionen behaupten.

Die Dekarbonisierung der deutschen Stahlindustrie steht unter einem unerwartet harten Wirtschaftlichkeitscheck. Laut einer Studie der Wirtschaftprüfungsgesellschaft PwC ist eine rentable Produktion von grünem Primärstahl in Mitteleuropa unter den derzeitigen und absehbaren Rahmenbedingungen in keinem der untersuchten Szenarien darstellbar. Für die Politik ist das mehr als ein akademisches Ergebnis: Wenn grüne Anlagen wirtschaftlich nicht tragen, geraten Förderlogiken ins Wanken, die den Umbau dennoch mit Milliardenbeträgen beschleunigen sollen.
Im Kern geht es um eine milliardenschwere Wette auf Wasserstoff. Bund und Länder haben für den Umstieg auf eine wasserstoffbasierte Stahlproduktion bereits rund 5,9 Milliarden Euro zugesagt. Zwei Milliarden Euro entfallen laut den Angaben auf Thyssenkrupp, 2,6 Milliarden Euro auf die Stahl-Holding Saar und 1,322 Milliarden Euro auf Salzgitter. Für Salzgitter wurde demnach Anfang des Jahres eine zusätzliche Aufstockung um 322 Millionen Euro beschlossen; gleichzeitig wird aber gerade dort ein zentraler Engpass immer deutlicher: die verfügbare Wasserstoffmenge und deren Kosten über die Zeit.
Die ersten Anzeichen, dass sich die Planungsannahmen verschieben, tauchen in den Projekten bereits auf. ArcelorMittal hat Ausbaupläne gestoppt, wodurch Förderzusagen über mehr als 1,3 Milliarden Euro verfallen sein sollen. Thyssenkrupp wiederum setzte eine Ausschreibung für die Wasserstoffbelieferung aus. Solche Entscheidungen treffen nicht nur die Projektbudgets, sondern auch die Erwartungshaltung der gesamten Lieferkette: Wer Wasserstoff nur zu einem Preis einkalkuliert, der später nicht erreichbar ist, muss entweder neu verhandeln oder den Rollout zeitlich strecken.
Warum der Standort das Nachsehen haben könnte, liegt aus Sicht der Studie und der vorliegenden Einordnung vor allem an der Kostenstruktur. Hohe Energiepreise sowie die Kosten für grünen Wasserstoff machen es in Deutschland und weiten Teilen Mitteleuropas schwer, mit Regionen mitzuhalten, in denen Primärstahl deutlich günstiger erzeugt werden kann – genannt werden etwa Indien und die Golfstaaten. Innerhalb Europas gilt als wettbewerbsfähiger vor allem Skandinavien, während ökonomische Warnungen vor einem Wertschöpfungsverlust von bis zu 50 Milliarden Euro für Deutschland im Raum stehen. Ergänzend verschärft die aktuelle Marktlage den Druck: Im vergangenen Jahr sank die deutsche Stahlproduktion um neun Prozent auf 34,1 Millionen Tonnen, die Kapazitätsauslastung fiel unter 70 Prozent.
Auch regulatorische Schutzmechanismen lösen das Kostenproblem nicht automatisch, sondern verschieben es allenfalls. Schutzzölle über den CO₂-Grenzausgleich (CBAM) könnten den heimischen Markt zwar stützen; Experten halten jedoch die dafür nötigen Zollhöhen für unrealistisch. Stattdessen empfehlen sie eine Mischkalkulation: heimische Produktion von Spezialstählen und parallel Import von grünem Vormaterial. Praktisch bedeutet das für Unternehmen eine neue Planungslogik über Wertschöpfungstiefe, Rohstoffbeschaffung und Investitionszeitpunkte hinweg – und damit eine deutlich komplexere Steuerung als bei klassischen Modernisierungszyklen.
Trotz der Bremsspuren laufen zentrale Projekte weiter, allerdings mit offenem Ende bei einem entscheidenden Faktor. Anfang August besuchte Bundeswirtschaftsministerin Reiche das SALCOS-Projekt der Salzgitter AG; als offener Punkt bleibt weiterhin die Verfügbarkeit von Wasserstoff. Parallel vergab die Salzgitter-Tochter HKM den Bau des deutschlandweit größten Elektrolichtbogenofens in Duisburg, gefördert mit rund 200 Millionen Euro und mit einer Kapazität von bis zu 2,5 Millionen Tonnen. International wird derweil ebenfalls investiert: Das schwedische Unternehmen Stegra sicherte sich Investitionsmittel in Höhe von 1,4 Milliarden Euro, mit dem Ziel, im Werk in Boden bis zum Ende des Jahrzehnts fünf Millionen Tonnen pro Jahr zu produzieren. Selbst dort steigen jedoch die Kosten, zuletzt lagen sie 15 Prozent über dem Budget; die Finanzierungslücke soll über zwei Milliarden Euro betragen.
Der strategische Engpass ist damit klar umrissen: Nicht nur der Industriestrompreis, auch die Bereitstellung ausreichender Mengen Wasserstoff entscheidet über die Kalkulation. Eine Untersuchung zeigt zudem, dass förderbare Mengen an „weißem“ Wasserstoff in Regionen wie den Pyrenäen oder in Kalifornien weit unter früheren Schätzungen liegen; dadurch steigt der Druck auf die deutlich teurere elektrolytische Herstellung. Für Unternehmen bedeutet das: Wer auf Förderzusagen und technische Zielbilder setzt, braucht parallel belastbare Szenarien für Wasserstoff-Preis, Liefermengen und Skalierungsfortschritte – sonst verschiebt sich der wirtschaftliche Nutzen der gesamten Dekarbonisierungsfahrpläne in die Zukunft oder bleibt ganz aus. Gleichzeitig bleiben die Marktmechaniken entscheidend, weil sinkende Produktionsmengen und schwächere Auslastung die Finanzierungsfähigkeit vieler Projekte weiter unter Spannung setzen.
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