WESSELING / LONDON (IT BOLTWISE) – Ein Familienvater hat bei Wesseling einen römischen Münzschatz mit 934 Silberdenaren entdeckt, als sein Metalldetektor am Feldrand immer wieder anschlug. Das LVR-Amt für Bodendenkmalpflege zog umgehend Archäologinnen und Archäologen hinzu und barg den Hort im Erdblock. Die Münzen stammen überwiegend aus dem zweiten Viertel des 2. Jahrhunderts nach Christus und werden nun erstmals im LVR-Landesmuseum in Bonn gezeigt. Die Untersuchungen liefern auch Hinweise darauf, wie der Besitzer sein Geld verpackte und warum es möglicherweise nie gehoben wurde.

Hadrians größter Münzschatz in Deutschland: 934 Denare aus Wesseling
Hadrians größter Münzschatz in Deutschland: 934 Denare aus Wesseling (Foto: IT BOLTWISE)
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Was wie ein klassischer Fund am Acker beginnt, wird in Wesseling rasch zu einem Ereignis für die archäologische Forschung: Oliver Riedl stieß südlich von Köln, auf einem Feld bei Wesseling, mit einer Sonde auf eine dichte Abfolge von Silbermünzen. Der entscheidende Unterschied zu vielen anderen Zufallsfunden liegt in der Reaktion des Finders: Er grub nicht eigenständig weiter, sondern verständigte das LVR-Amt für Bodendenkmalpflege im Rheinland. Dass sein Metalldetektor schon nach 15 geborgenen Münzen nicht verstummte, machte die Lage zusätzlich eindeutig – hier musste mehr als nur ein einzelner verlorener Geldbeutel im Boden stecken.

Auf Basis der Meldung starteten Archäologinnen und Archäologen die Bergung, und sie kam in einer für solche Horte typischen, zugleich konservierenden Vorgehensweise zustande: Der Fund wurde im Erdblock aus dem Boden genommen und ins Restaurierungsumfeld des LVR-Landesmuseums Bonn gebracht. Auf diese Weise bleibt der Kontext erhalten, der für die Datierung und die Rekonstruktion des Fundverhaltens oft ebenso wichtig ist wie die Münzen selbst. Insgesamt konnten 934 römische Denare aus Silber ausgegraben werden; zusammen wiegen sie mehr als drei Kilogramm. Laut LVR-Angaben handelt es sich dabei um den größten Münzschatz aus der Zeit von Kaiser Hadrian, der je in Deutschland gefunden wurde.

Die zeitliche Einordnung passt in das Bild einer Währung, die trotz ihres Alters weiterhin funktionierte: Experten gehen davon aus, dass der Hort im zweiten Viertel des 2. Jahrhunderts nach Christus absichtlich vergraben wurde. Hadrian regierte von 117 bis 138 nach Christus und ist heute vor allem wegen des nach ihm benannten Hadrianswalls in Nordengland bekannt. Interessant ist jedoch die Zusammensetzung der Münzen: Der Großteil wurde bereits früher geprägt – im ersten Jahrhundert nach Christus – und die älteste Münze soll sogar aus dem Jahr 148 vor Christus stammen, als Rom noch keine Kaiserherrschaft kannte. Damit ergibt sich eine ungewöhnliche Strecke: Etwa 270 Jahre konnten zwischen Prägung und Vergrabung liegen. Archäologisch spannend ist dabei die Frage, ob der Besitzer auf Wertstabilität setzte oder ob bestimmte Münzen wegen ihrer Akzeptanz im Umlauf bewusst ausgewählt wurden.

Technisch gesehen liefert der Fund auch Material, um das „Wie“ und „Warum“ des Verbergens zu plausibilisieren. Aus der Bergung im Erdblock konnten Fragmente eines Keramiktopfs sowie Strohreste identifiziert werden. Daraus leitet das LVR-Team die Vermutung ab, dass die Münzen ursprünglich in einem Topf unter einer Strohpolsterung deponiert wurden – eine praktische Lösung, um den Inhalt gegen Feuchtigkeit und mechanische Einwirkung zu schützen. Beim Thema Motivation bleibt die Forschung vorsichtig: Das LVR-Amt verweist darauf, dass sich die Beweggründe nur spekulativ rekonstruieren lassen. Am wahrscheinlichsten sei, dass jemand Geld sicher aufbewahren wollte, wobei es damals weder moderne Bankensysteme noch vergleichbare sichere Verwahrstrukturen gab. Ob der Schatz danach nie ausgegraben wurde, etwa weil der Besitzer verstarb, bevor er den Ort weitergab, bleibt eine offene Frage.

Für das Markt- und Wertverständnis der Münzen ist vor allem der Abgleich zwischen Lebensrealität und Geldmenge aufschlussreich. Rahel Otte, wissenschaftliche Referentin des LVR-Amtes, ordnet den historischen Wert in Relation zum Einkommen eines Legionärs ein: Ein Legionär habe etwa 300 Denare pro Jahr verdient, davon sei ungefähr die Hälfte für Lebensmittel und Ausrüstung reserviert worden. Es blieben rund 150 Denare als frei verfügbares Geld – entsprechend hätte ein Legionär mehrere Jahre sparen müssen, um den Wesselinger Münzschatz in dieser Größenordnung anzusammeln. Heute wird der Materialwert laut Otte nur etwas über 6.000 Euro beziffert, doch der wissenschaftliche Wert wird als deutlich höher eingeordnet, weil ein Hortfund wie dieser mehrere Erkenntnisse gleichzeitig liefert: zur Geldzirkulation, zur Vergrabungspraxis und zum Alltag im römischen Umfeld.

Auch die regionale Einbettung erklärt, warum gerade hier ein solcher Hort plausibel ist. Das Gebiet gehörte zur Einflusszone der Stadt Colonia Claudia Ara Agrippinensium, dem heutigen Köln, die laut Angaben rund 20.000 Einwohner hatte und über Tempelanlagen, Villen mit Mosaikfußböden sowie Badeanlagen verfügte; außerdem wird eine Kriegsflotte auf dem Rhein genannt. Im weiteren Umland existierten viele Landgüter – Siedlungsstrukturen, in denen wohlhabende Bewohner oder Verwalter Geld zur Sicherung griffbereit hielten. Dass der Fund nun erstmals im LVR-Landesmuseum in Bonn präsentiert wird, macht den Schatz zudem zu einem konkreten Kommunikationsprojekt zwischen Bodendenkmalpflege und Öffentlichkeit: Weg vom „es wurde etwas gefunden“, hin zu „wir können dieses Etwas bis in die Details hinein wissenschaftlich auswerten“.

Für die Denkmalpflege ist die Geschichte außerdem ein Lehrstück über Zusammenarbeit und Verfahren: Der Landesarchäologe Eich Claßen hebt ausdrücklich die Umsicht des Finders hervor, weil nur so der Hort fachgerecht und vollständig geborgen werden konnte. Der Ablauf zeigt, wie stark die Qualität eines archäologischen Ergebnisses davon abhängt, ob ein Fundkontext erhalten bleibt. Hinzu kommt die organisatorische Dimension: Riedl habe eine Genehmigung erhalten müssen, wie sie für die Suche mit Metalldetektoren erforderlich ist, und auch Grundstückseigentümer müssen ihre Zustimmung zur Suche geben. Am Ende liegt der Münzschatz im Eigentum des Landes Nordrhein-Westfalen; Riedl bekommt eine Belohnung vom NRW-Heimatministerium – und die Wissenschaft erhält ein Ensemble, das vermutlich noch lange Fragen beantworten wird, statt nur Schlagzeilen zu erzeugen.


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