BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Stimmung im deutschen Einzelhandel kippt weiter: Laut einer HDE-Umfrage berichten 63 Prozent der Händler über eine schlechtere Geschäftslage im ersten Halbjahr. Besonders die Kaufzurückhaltung und steigende Kosten für Beschäftigung, Energie sowie Wareneinkauf belasten. Für 2026 bleibt die Umsatzprognose vorsichtig, während das Online-Geschäft real moderat zulegen soll. Das verschärft den Druck, Prozesse effizienter zu machen und Kostenstrukturen schneller anzupassen.

Die nächste Runde schlechter Geschäftslage trifft den deutschen Einzelhandel unerwartet wenig überraschend, aber deutlich: Der Handelsverband Deutschland (HDE) berichtet aus einer Umfrage unter 600 Unternehmen, dass sich die Stimmung im ersten Halbjahr weiter verschlechtert hat. 63 Prozent der Händler geben an, ihre Geschäftslage sei schlechter als zuvor. Vor einem Jahr lag dieser Wert noch bei 51 Prozent. Auch bei denjenigen, die ihre Lage ausdrücklich als schlecht bewerten, steigt der Anteil von 33 Prozent auf 42 Prozent. Damit liegt das Gefühl in etwa auf dem Niveau, das viele aus dem zweiten Corona-Lockdown kennen.
HDE-Präsident Alexander von Preen ordnet die Entwicklung als „drastischer“ ein als noch im bereits gedämpften Vorjahr. Hinter dem Stimmungsminus steckt laut HDE vor allem eine anhaltende Kaufzurückhaltung der Verbraucher: 79 Prozent der Händler nennen das als größtes Problem. Daneben werden strukturelle Belastungen immer prominenter. Bürokratie (55 Prozent) sowie Preisentwicklung und Mindestlohn (je 48 Prozent) schlagen ebenso durch wie Energiekosten (45 Prozent). Gerade diese Mischung macht es für Unternehmen schwer, allein über Rabatte oder einzelne Marketingmaßnahmen gegen zu steuern, weil gleich mehrere Kostentreiber gleichzeitig wirken.
Technisch betrachtet verschiebt sich die operative Herausforderung für Händler damit vom reinen Marketing hin zu daten- und prozessgetriebenem Kostenmanagement. Wer Umsätze nur stabil hält, braucht bessere Steuerungslogik für Bestände, Sortimente und Personalplanung. In der Praxis heißt das: Prognosen für Nachfrage und Abverkauf müssen laufend aktualisiert werden, etwa durch Auswertung von POS-Daten, Online-Klicks und Lieferzeiten. Auch die Energiekosten lassen sich nicht nur „wegverhandeln“, sondern erfordern oft kurzfristige Maßnahmen an Gebäude- und Filialtechnik. Das ist weniger ein einzelnes IT-Projekt als eine kontinuierliche Optimierung der End-to-End-Pipeline von Warenfluss bis Abrechnung.
Im Marktkontext zeigt sich außerdem, dass sich der Wettbewerb in unterschiedliche Richtungen entwickelt. Online-Wettbewerber wie Amazon oder spezialisierte Plattformen ziehen technologisch oft stärker an als klassische stationäre Händler, weil sie Logistik, Zahlungsabwicklung und Datenanalyse sehr skalierbar ausrollen können. Für stationäre Anbieter wird dadurch der Spagat schwieriger: Sie müssen Kosten in der Fläche tragen, während ein Teil der Nachfrage in digitale Kanäle abwandert. Das erklärt auch, warum viele Händler trotz der insgesamt schwächeren Stimmung im Online-Geschäft noch Wachstumsmöglichkeiten sehen. Unternehmen, die diese Verlagerung nicht sauber adressieren, riskieren Umsatzeinbußen bei gleichzeitig steigenden Fixkosten.
Die HDE-Prognose für 2026 bleibt entsprechend vorsichtig. Der Verband hält an seiner Erwartung fest, dass der Einzelhandel in Deutschland im laufenden Jahr auf einen Gesamtumsatz von 697,4 Milliarden Euro kommt. Nominal entspricht das laut HDE einem Plus von zwei Prozent gegenüber 2025, real – also bereinigt um Preissteigerungen – sind es nur 0,5 Prozent. Im Online-Geschäft sieht der HDE real ein deutliches Wachstum von 3,5 Prozent. Dagegen sollen die Erlöse im stationären Handel voraussichtlich auf dem Niveau des Vorjahres bleiben. Das ist ein klares Signal: Wachstum entsteht vor allem dort, wo Daten, Lieferung und Conversion schneller skalieren.
Aus Expertensicht lässt sich daran ablesen, wie Unternehmen ihre Budgets in den kommenden Quartalen strukturieren dürften. Branchenanalysen rechnen damit, dass Investitionen vermehrt in „verkettete“ Effizienz fließen: Lagerhaltung, Lieferkettenplanung und Retourenprozesse werden zu Hebeln, weil sich Preisnachlässe allein selten dauerhaft rechtfertigen lassen. Gleichzeitig dürfte das Thema Personalkosten weiter dominieren, weil Beschäftigungs- und Lohnkosten in der Kostenstruktur vieler Händler den stärksten Block bilden. Für Marktteilnehmer entsteht dadurch ein Wettbewerbsvorteil nicht durch einzelne Promotions, sondern durch schnellere Lernzyklen in der Steuerung – also die Fähigkeit, Annahmen zu testen und Sortimente oder Prozesse zügig anzupassen.
Regulatorisch und datenschutzseitig wird das ebenfalls relevanter, weil digitale Kanäle mehr personenbezogene Daten verarbeiten. Sobald Händler stärker auf personalisierte Angebote, Retargeting oder Omnichannel-Kampagnen setzen, rückt die Umsetzung der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) in den Fokus: Einwilligungsmanagement, Zweckbindung und sichere Verarbeitung müssen auch dann funktionieren, wenn das Tagesgeschäft unter Druck steht. Zusätzlich spielen Vorgaben rund um Zahlungsverkehr (z. B. PSD2-nahe Anforderungen) und Lieferketten-Compliance eine Rolle, etwa bei Dokumentationspflichten und Risikoprüfungen. Wer hier Nachlässigkeiten hat, zahlt im Zweifel nicht nur rechtlich, sondern auch über höhere operative Reibung.
In die Zukunft blickend deutet die HDE-Logik auf eine weitere Verschiebung hin: Zwei Drittel der Händler erwarten 2026 deutlich oder leicht niedrigere Umsätze als im Vorjahr, nur 18 Prozent rechnen mit höheren. Das heißt, selbst im positiven Szenario bleibt der Erwartungsrahmen enger als früher. Für Entwickler und IT-Teams im Handel verschiebt sich damit die Priorität auf robuste Prognose- und Planungsmodelle, die mit Unsicherheit umgehen können, etwa durch probabilistische Forecasting-Ansätze und kontinuierliches Monitoring. Auch beim Thema Energie und Betriebstechnik werden wahrscheinlich mehr datenbasierte Controlling-Systeme entstehen, die Verbrauch und Kosten granular je Filiale abbilden.
Wichtig wird zudem, dass Händler ihre Preis- und Kostendebatte enger mit der Kundenreise verknüpfen. Wenn Kaufzurückhaltung das dominierende Problem ist, helfen nicht nur Rabatte, sondern vor allem ein besserer Abverkaufszeitpunkt, weniger Fehlbestände und klarere Lieferversprechen. Für viele Unternehmen wird das bedeuten, Online- und stationäre Prozesse stärker zu „verheiraten“, etwa über Click-and-Collect, verlässliche Verfügbarkeiten und schnellere Retourenabwicklung. Genau hier entsteht auch eine Chance: Wer die Datenflüsse sauber integriert, kann im nächsten Jahr trotz insgesamt gedämpfter Stimmung selektiv wachsen – und verliert weniger Marktanteile an Plattformen.
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